Die Wiederentdeckung der Langsamkeit

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der in New York geborene Aktionskünstler David Blaine scheint eine Wiederauflage von Sten Nadolnys Roman "Die Entdeckung der Langsamkeit" unter den Zauberlehrlingen darzustellen. Kaum einer seiner wagemutigen Stunts scheint ohne den Faktor der Zeit auszukommen: Ob er sich dabei im Jahr 2000 für 61 Stunden und 40 Minuten mitten auf dem Times Square in einem bis auf mit Luft- und Wasserschläuchen hermetisch abgeriegelten Eisblock einsprerren ließ oder im Jahr 2002 in 30 Meter Höhe auf einer Plattform von 60 cm Durchmesser ungefähr 35 Stunden ausharrte, um sich danach in einen Stapel aus Pappkartons fallen zu lassen; immer scheint die Dauer ein wesentliches Charakteristikum seiner performance zu sein. Und das stößt nicht immer auf Gegenliebe. Zu seinen umstrittensten Aktionen zählt "Above the Below", deren Titel den nietzeanischen Abgrund beschwört, in den es nur lange genug zu starren gelte, bis der Abgrund seinerseits zum "Betrachter" des eigenen Selbst würde, und dessen Effekt unter Psychologen oftmals als "ozeanische Entgrenzung" umschrieben wird. Blaine ließ sich in einer transparenten Kunststoffbox, die 9 Meter über dem Londoner Themse-Ufer nahe der Tower-Bridge schwebte, für 44 Tage ohne Nahrung und nur mit Wasser versorgt einsperren, um der Öffentlichkeit einen Exzess an Leidensfähigkeit und Selbstbeherrschung zu bescheren. Nach Meinung der Mediziner lotete dieses Schauspiel neue Grenzen der humanphysiologischen Möglichkeiten aus, hatte Blaine während dieser Zeit etwa 30 Kg abgenommen sowie unter Halluzinationen und Albtäumen gelitten. Unmittelbar danach folgte seine direkte Einlieferung ins Krankenhaus aufgrund akuter Unterernährung. Offenbar wurde dieses "künstlerische" Statement im Zeitalter des Hedonismus und der partiell ungezügelten Konsumfreude jedoch von den Schaulustigen und vorbeieilenden Passanten mit Unverständnis oder sogar ungehemmtem Zorn quittiert; so wurde seine "gläserne Zelle" als Symbol einer konsumfeindlichen und möglicherweise sogar antikapitalistischen Zone alsbald mit rohen Eiern, faulem Gemüse oder Farbbeuteln traktiert. Die Sehgewohnheiten der reizüberfluteten Großstädter, die ganz im Sinne der Werbeindustrie von großflächigen und Appetit anregenden Anzeigenformaten geprägt sind, fühlten sich durch Blaines Hunger-Spektakel provoziert und beleidigt. Einzig seine Lebensgefährtin, eine blonde nach New York emigrierte Schmuckdesignerin aus Norddeutschland, stand ihm als Leibgarde zur Seite, da sie vor Ort in einem Wohnwagen campierte und sich couragiert bis zur Handgreiflichkeit dem auflodernden Volkszorn entgegenstämmte. Dabei strapazierte der "Hungerkünstler" (nach der gleichnamigen DVD "A Hunger Artist" von Christof Wolf, die im Jahr 2007 erschien) nicht nur die "Fernbeziehung" zu seiner Angebeteten, sondern auch die allgemeine Nachvollziehbarkeit seiner Aktionen insgesamt, indem er behauptete, er wolle gar nicht verstanden werden, da es ihm vielmehr darum gehe, im "Leiden die Schönheit" zu finden. Ein gewieftes britisches Boulevard-Blatt versuchte das Happening zur Real-Satire werden zu lassen, als es einen ferngesteuerten Mini-Hubschrauber mit einem lauwarmen "Hamburger" als Ladung um Blaines Käfig kreisen ließ. Doch der stoische Magier ließ den vermeintlichen Köder schnell zur Anti-Kampagne von Mc Donald´s & Co. werden, da die kulturübergreifende Strahlkraft des Weltmarktes für Fastfood gegenüber Blaines vorsätzlicher Willensverweigerung machtlos erschien. Ein ebensolches Anti-Statement hätte es auch für IKEA und jeden anderen Möbelhersteller bedeuten können, der mustertaugliche Wohnzimmerdekorationen zum Probewohnen anbietet. Blaine kultivierte somit ein Stück archaisches Steinzeit-Leben inmitten einer pulsierenden und vergnügungssüchtigen Großstadtmetropole; ein paar Windeln, ein dunkler Wollumhang und eine einfache gesteppte Matratze reichten ihm aus, um sich mit einer Ästhetik der Einfachheit zu verhüllen, die für sich genommen gar nichts Besonderes darstellte, stattdessen aber mit ihrem radikalen Minimalismus "protzte". Bei seiner nächsten Extremaktion im Jahr 2006 blieb Blaine mit einem Schlauch 7 Tage lang unter Wasser, um dort bald darauf einen neuen Rekord im Luftanhalten aufzustellen. Was oftmals wie ein autoaggressives Exempel beim Überwinden von Zeitgrenzen wirkt, gewinnt im posttraumatischen Zeitalter der Finanzkrise eine neue und ungeahnte Symbolkraft: Aktionskünstler wie Blaine rufen dem kollektiven Gedächtnis in Erinnerung, dass die Phasen des Gürtel-enger-Schnallens mit zyklischer Genauigkeit auch den Wirtschaftskreislauf betreffen - und vor allen Dingen überwunden werden können. Darüber hinaus liefert der Zauberer ein leibhaftiges Experiment zur Verortung der bipolaren Konstitution des Menschen zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften, geht es ihm doch darum zu beweisen, wie stark der menschliche Wille überhaupt sein könne. Damit knüpft Blaine an die Seinsbestimmung des Idealismus an: So beschreibt Rüdiger Safranski in seiner Schiller-Biografie diesen als ein Gravitationszentrum der Idee, wenn die Kraft der Begeisterung die körperlichen Grenzen überwinde und zu einem Triumph des erleuchteten und hellen Willens werde. Dementsprechend galt Schiller der Wille als ein "Organ der Freiheit". Bereits der Idealismus der Neuzeit nach René Descartes untereilte Geist und Körper in zwei unterschiedliche Substanzen, wobei das menschliche Bewusstsein mit Verstand, Kreativität und einem freien Willen beseelt sei, wohingegen der Körper den mechanischen und physikalischen Gesetzmäßigkeiten der Natur unterliege. In der heutigen Zeit gilt ein solches Weltbild häufig als anachronistisch: Der Neurobiologe Antonio Damasio kündigt in seinem Weltbestseller "Descartes´ Irrtum" erhebliche Zweifel an, dass die Cartesianische Vorstellung von einem körperlosen Geist anhand der experimentellen Neurophysiologie noch haltbar sei, weil der Geist sich nicht von den Funktionen des Gehirns separieren lasse und stattdessen im Extremfall lediglich "nur" deren Produkt sei. Für Damasio besteht kein Zweifel daran, dass der Geist in direkter Beziehung zur Gehirnaktivität stehe. Gleichwohl sind die Forscher sich darin einig, dass auf der Grundlage von Hirnneuronen die Viefalt und vermeintliche Individualität phänomenologischer Ausprägungen des Geistes nicht erklärt werden können. Genau jene Grauzone der Wissenschaft hat auch der Autor Sten Nadolny süffisant zum fiktionalen Vehikel seines Seefahrer-Epos gemacht. Die Geschichte vom britischen Seefahrer und Polarforscher John Franklin, der tatsächlich im Zeitalter der Aufklärung mit einem eisernen Willen seine Expeditionen zur See bestritt, lässt Nadolny in dichterischer Freiheit durch einen neurobiologischen Defekt anders deuten, da dieser in der Variante des Schriftstellers eine verzögerte neuronale Funktion hatte, die seine Sinneswahrnehmung erst dann verarbeitete, wenn die ihr zugrunde liegenden Ereignisse schon vorbei waren. Dieses verzögerte Reiz-Reaktions-Verhalten machte Franklin (im Roman) zu einem sozialen Außenseiter. Nur auf dem Schiff, wo die Ereignislosigkeit der monotonen Expeditionsfahrten auch um einige Momente verzögert immer noch rechtzeitig beantwortet werden konnte, verkehrte sich Franklins neurologische Anomalie in einen für diese Verhältnisse angepassten "Vorteil". Nadolnys Roman wird somit ebenso zur Parabel auf ein immer wieder falsch zitiertes Klischee des Sozialdarwinismus, das ein Recht des "Stärkeren" fordert. Tatsächlich bestimmt sich die Vorteilhaftigkeit bestimmter Eigenschaften immer relativ zu den dynamisch variablen Umweltbedingungen, die sich einer dauerhaften Objektivität entziehen. Entgegen der metaphysisch-philosophischen Tradition, die dem Menschen einen freien Geist zuspricht, der die Grenzen seiner Sinnlichkeit und Leibhaftigkeit zu transzendieren vermag, lässt Nadolny seinen Protagonisten in jenem Schattenbereich operieren, wo die zeitverzögerte Sinnesverarbeitung des Seefahrers Franklin eine Art natürliche Begrenzung des Geistes darstellt. Ebenso stellt sich bei einem Sensationsmagier wie David Blaine die Frage, was der Willensakt des Geistes mit seinen physiologisch austrainierten körperlichen Fähigkeiten zu tun haben könnte. Denn dass auch Menschen in anderen Regionen dieser Welt hungern können - oftmals in Ermangelung geregelter Mahlzeiten sogar müssen - stellt für sich genommen noch keine Besonderheit dar. So kann der in der äthiopischen Steppe gekürte "Rekordhalter im Dauerhungern" weder mit der Popularität noch mit dem Salär des US-Magiers konkurrieren. Der zentrale Zaubertrick von Blaine besteht somit darin, dass auch die modernste und fortschrittlichste Gesellschaft sich einer Reminiszenz des Exotischen nicht verweigern will; auch die anspruchsvollen, elitären und hoch gestellten Gesellschaftskreise verweigern einem Zauber-Autisten nicht das Entree, so lange der Exzentriker Unterhaltung und Konfrontation verspricht. Trotz Blaines Rückführungsritualen zum Instinktwesen ist er in dem Beziehungsnetz seiner sozialen Umwelt verstrickt - und damit irrational. Hierbei versteigt Blaine sich jedoch oftmals in die Rolle des Einsamen, der genau wissen würde, dass er in Wahrheit nach Liebe und Schönheit suche. Seine Aura des Wartens suggeriert dabei die vermeintliche Präzision seiner Prognosefähigkeit, mit welcher die lang ersehnte Liebe eintreffen müsse. Auch Blaine wird sich oft fragen, ob das Warten alleine denn wirklich eine hinreichende Garantie für deren Ankunft sein könne.

19:33 08.09.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Herr Kunze

Blogger
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare