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Die Schutzstaffel war die zentrale Elite- und Terrororganisation des Nationalsozialismus. Die SS ging 1925 aus dem Stoßtrupp Adolf Hitler hervor und wurde ab 1929 von Heinrich Himmler, dem Reichsführer der SS (kurz RFSS), in einen bizarren Männerorden mit altgermanischer Symbolik und an Okkultismus grenzenden Ritualen verwandelt. Die Auswahlkriterien galten als streng. So mussten die Bewerber größer als 1,80 Meter sein und einen Ariernachweis bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts erbringen können. Durch den Röhm-Putsch von 1934 und die darauf folgende Entmachtung der SA gewann die SS weiterhin an Einfluss und wurde zur tragenden Säule der deutschfaschistischen Diktatur. Neben Himmler kamen innerhalb der Führungsriege Leute wie Reinhard Heydrich und Ernst Kaltenbrunner zum Vorschein. Insbesondere Heydrich galt innerhalb der Nazi-Elite als eines der wenigen Exemplare eines mustergültigen Ariers: groß, blond, schlank, markant. Demgegenüber wirkten Nazis wie Gobbels, Röhm oder Hitler eher wie die Abkömmlinge einer slawischen Mischrasse oder einer Mafia des Balkans. Heydrich war darüber hinaus sportlich und zeigte sich als Violinist musisch begabt. So überrascht es kaum, dass der Chef des SD 1939 auf die einfallsreiche Idee kam, ein insgeheim vom Sicherheitsdienst finanziertes Bordell mit dem Namen "Salon Kitty" zu unterhalten. Das berliner Etablissement in der Griesebrechtstraße galt als nobles Edelbordell. Und Heydrich erhoffte sich, dass Diplomaten und Geschäftsleute aus dem In- und Ausland in gelöster Atmosphäre nützliche Informationen ausplaudern könnten, so dass alle Gespräche mit versteckten Mikrofonen aufgezeichnet wurden. Zu den Stammgästen zählten auch prominente Parteigrößen wie Joachim von Ribbentropp oder Heydrich selbst. Nach dem verlorenen 2. Weltkrieg wurde die SS im Urteil des Nürnberger Prozesses als "verbrecherische Organisation" bezeichnet. Die Methoden des Terrors setzten sich jedoch auch im geteilten Deutschland fort, als im Osten des Landes bald darauf das Ministerium für Staatssicherheit gegründet wurde, die so genannte "Stasi". Ähnlich wie bei der Gestapo kontrollierte das Ministerium die Medien, beschäftigte ein riesiges Netzwerk an Informanten und führte Bespitzelungen innerhalb der Familie zum Zweck der Erpressung durch. Die Methoden des faschistischen Terrors ließen sich somit problemlos im sozialistischen Teil Deutschlands fortsetzen. Durch diese historischen Erfahrungen gehört in der BRD der kritische Umgang mit den Eingriffen des Staates in die Persönlichkeitsrechte der Bürger zum Selbstverständnis der öffentichen Debatte. So hat die Diskussion um den Großen beziehungsweise Kleinen Lauschangriff gezeigt, wie sensibilisiert die Rechtsprechung tatsächlich ist. So wurde argumentiert, dass angesichts der inzwischen technisch möglichen Totalüberwachung der im Grundgesetz garantierte Schutz der Privatsphäre ein viel größerer Stellenwert beizumessen sei, als es bei der Niederschrift des Grundgesetzes überhaupt erdacht werden konnte. Dieses führte zur praktischen Aushebelung des Großen Lauschangriffs. In vergleichbarer Weise hat im März 2010 das deutsche Verfassungsgericht das parlamentarisch verabschiedete Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung wieder einkassiert, da das Gesetz keine konkreten Maßnahmen zur Datensicherheit vorsehe und zudem die Hürden für den Abruf dieser Daten zu niedrig seien. Damit hat sich Deutschland zu den Grundsätzen des Rechtsstaates bekannt. Auch Lea Rosh spricht in Deutschland mittlerweile von einer gefestigten Demokratie, sie hat jedoch an schlechten Tagen manchmal auch das Gefühl, all das könne wieder umkippen. Ein solches Gefühl mag möglicherweise nicht ganz unbegründet sein. So kam der Psychoanalytiker Wilhelm Reich zu dem Schluss, dass der Faschismus der Ausdruck einer menschlichen Charakterstruktur sei, die weder an bestimmte Rassen oder Nationen noch an bestimmte Parteien gebunden und daher allgemein und international sei. Reich versteht den Faschismus somit weniger als Resultat einer ideologischen Weltanschauung, sondern vielmehr als individuelles "energetisches" Potential des Menschen. Daher ist Politik seit jeher nicht nur Kopfsache, sondern vor allen Dingen auch Körpersache.

13:18 22.11.2010
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Geschrieben von

Herr Kunze

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