E-mail an den Dow Jones

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Frank Schirrmacher beschreibt in seinem zuletzt erschienenen Buch "Payback" die selbstverschuldete Abhängigkeit des Menschen vom Computer: "Wenn der Computer ruft, das Handy klingelt, der Blackberry summt, lassen wir alles stehen und liegen aus Angst, bei der darwinistischen Jagd nach Informationen zu spät zu kommen." Man kennt das natürlich auch umgekehrt. Erhalten wir keine e-mails, Newsletter oder SMS, so verlieren wir sehr schnell die Orientierung und fühlen uns vernachlässigt. Und ist die Online-Kolumne nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben, verlieren wir schnell die Nerven und sind unglücklich. In seiner Buchrezension hat Jakob Augstein eine Parabel auf den "Mann in der Menge" gebildet: Ein fremder Mann wird von einem Agenten (der im heutigen Computerzeitalter ein Software-Agent sein könnte) im nächtlichen London verfolgt. Die Stadt symbolisiert dabei das endlose Labyrinth des weltweiten Internets. Der fremde Mann ist durch seine "absolute Individualität" verdächtig geworden, so dass er nicht identifiziert werden konnte. Diese Parabel ist eine Anspielung darauf, dass die mechanischen Algorithmen der Informationskontrolle und -auswertung im Inernet (übrigens auch auf den Servern des "Freitag") den absoluten Durchschnittsmenschen gerade wegen seinem Mangel an expliziten Eigenschaften zum "Staatsfeind Nummer 1" kassifizieren könnten. Vorläufig hat die Datenapokalypse jedoch am vergangenen Donnerstag einen neuen Höhepunkt erreicht als die Weltbörse in New York (NYSE) spontan einbrach. Binnen kürzester Zeit stürzte der Dow Jones von 10.800 Punkten um fast 1.000 Punkte ein, um sich davon ebenso mysteriös und wie von fremder Hand gesteuert halbwegs zu erholen. Die Schuldenkrise Griechenlands konnte nur wenige Marktteilnehmer von einer Ursächlichkeit überzeugen. Was also war geschehen? Sofort wurde die amerikanische Börsenaufsicht (SEC) eingeschaltet, um wegen "ungewöhnlichen Handelsaktivitäten" zu ermitteln. Viele Marktteilnehmer mahnten an, dass die Hochgeschwindigkeitscomputer der Börse Scheingeschäfte abgewickelt und Chaos erzeugt hätten. Offensichtlich kam es also zu einer Fehlfunktion des computergenerierten Handels. Dabei würden viele Börsianer an den Märkten gerne das realisiert sehen, was Schirrmacher als düstere Utopie des Informationszeitalters skizziert: "Der Mensch ist eine statistische Datenmenge, die bei genügender Dichte nicht nur Rückschlüsse über sein bisheriges, sondern auch über sein zukünftiges Verhalten ermöglicht." Doch was für den Dow Jones nicht gilt, kann auch für den Menschen nicht gelten. Und seltsamerweise empfindet der Mensch das Zusammenleben mit anderen Menschen gerade dann als anregend, wenn Verhaltensweisen erlebt werden, die anscheinend nicht immer vorausberechnet werden können und daher verblüffend wirken. Für die Wall Street stellt sich trotzdem die bedenkliche Frage, ob die mit den Handelscomputern ermittelten Indexstände nunmehr grundsätzlich "fake" sein könnten: Denn wer hätte sich schon darüber beschwert, wenn der Dow Jones stattdessen einfach ohne erklärbaren Grund um 500 Punkte gestiegen wäre? Die Börse wird also zeigen müssen, dass sie sich eine von den Maschinen unabhängige Eigenständigkeit bewahrt hat. Hierbei geht es nicht nur um die maximale Rentabilität der Handelsplattformen, sondern auch um verlässliche Regeln. Im Grunde trifft sie dieselbe Kritik, die Jakob Augstein beim Erscheinen von Schirrmachers Buch "Minimum" schon vor Jahren in der "Zeit" geäußert hat: "Ja, Frank Schirrmacher wird sich wohl selbst beide Befehle gegeben haben: wachsen, aber nicht erwachsen werden. Subjekt sein. Und dann spielen." Gegenfrage an Herrn Augstein: Wollen das nicht alle Marktteilnehmer?

16:50 10.05.2010
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Geschrieben von

Herr Kunze

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