Ein passives Werk

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Für André Breton und seine Mitstreiter ging es im Dadaismus darum, die Automatismen des Unbewussten für ihre Kunst zugänglich zu machen und als Quelle zu nutzen. Dazu gehörte nicht zuletzt auch die systematische Anwendung der automatischen Schrift. Nach Breton sollte die Geschwindigkeit der Handbewegung an die des Denkens angepasst werden, so dass der Fluss der Bilder möglichst wenig unterbrochen wurde (dieses mag übrigens die Ursache dafür sein, dass auch heute noch der spontane und möglichst ungefilterte Ausstoß von Schriftsätzen selbst in Literatenkreisen als "Hirnwichs" bezeichnet wird). Dennoch erforderte der Reifungsprozess auch viel Passivität. André Breton schreibt im Jahr 1919 an Tristan Tzara: "Ich schreibe gegenwärtig wenig und lasse ein Projekt reifen, das mehrere Welten aus den Angeln heben muss. Halten Sie das nicht für eine Kinderei oder Wahnsinn. Die Vorbereitung des Staatsstreiches kann allerdings einige Jahre dauern." Gleichwohl dieses Projekt darin besteht, ein ganzes Werk in automatischer Schrift zu schreiben, ist das Ergebnis jedoch nicht mit den dadaistischen Versuchen der "Sinnesverwirrung" vergleichbar. In diesen Fällen wurde entweder der Zufall herangezogen, indem beispielsweise Wörter in einen Hut gelegt und ausgelost wurden; oder aber Bestehendes wurde retuschiert, indem beispielswiese die "Mona Lisa" von Leonardo da Vinci einen Schnurrbart bekam. Das Verrücken der Sinne steht bei der automatischen Schrift also weniger im Vordergrund als vielmehr das Herstellen neuer und unzweckmäßiger Sinnzusammenhänge.

17:52 12.09.2010
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Geschrieben von

Herr Kunze

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