Frauen suchen immer aus

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Ich befinde mich seit einiger Zeit mit einer Frau in einem Dialog und bemerke, dass ich nicht alles davon mitbekommen habe. Sie sitzt mir gegenüber und wiederholt die Frage: "Was habe ich bislang alles gesagt?". Ich zögere und denke an die verschiedenen Facetten dieser Frau, ihre unterschiedlichen Haarfarben, ihre vielfachen Rollen. In letzter Zeit ist sie sehr esoterisch. Ich versuche, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken, indem ich sie frage, warum es für die Töchter der Emanzipation so schwer sei, einen (festen) Partner zu finden? Ich denke an das Interview, das Charlotte Roche dem "Spiegel" gab, wo sie über Alice Schwarzer gesagt hat: "Schwarzer möchte Sadomaso-Sex verbieten. Frauen sind aber total masochistisch, das wird auch sie nicht ändern können. Ich habe keine Lust, Frau Schwarzer um Erlaubnis zu fragen, bevor ich im Bett richtig loslege." Tatsächlich ist die Kritik an der Pornographie seit den 1970er Jahren zu einem zentralen Thema des Feminismus geworden. Dabei glaubt doch niemand mehr an den Käse von gestern, dass Frauen nur deswegen einen Porno zu Ende schauen, weil sie denken, dass am Schluss noch geheiratet wird. Stattdessen fordern Autorinnen wie Roche einen Mann gleich beim ersten Sex dazu auf, ihre Lieblingsstellung auszuprobieren um herauszufinden, ob er es "ernst" mit ihr meine. Aber nun zurück zu meiner Gesprächspartnerin. Die antwortet jedenfalls: "Frauen suchen aus. Immer. In der ersten Sekunde. Dann aber wollen sich die Männer bemühen. Das ist der erste Fehler der jungen Frauen. Auch von mir. Man regelt das selbst. Und was passiert mit dem Mann? Er wird mitgenommen, er wird hinterher angerufen, er soll wiederkommen. Das nimmt den Männern den Raum ihre Identität zu inszenieren. Aber Vertiefung findet nur statt, wenn jeder seinen Platz hat." Aha, denke ich. Besser wäre also von einer Frau nicht mitgenommen zu werden. Keine Marionette zu sein, sondern eine eigene "Identität" zu entwickeln. Ich denke an eine Geschichte, die sie früher aufgeschrieben hat: Ein Mann war der Aufforderung, mit ihr mitzugehen (übrigens aus mir unerklärlichen Gründen), nicht nachgekommen. Sie kochte vor Wut und Verlangen; sie konnte es nicht fassen (hätten wir uns also lieber treffen sollen?). Dann stieg sie in ein Taxi und fuhr einfach davon. Doch meine Gesprächspartnerin erkannte sehr schnell, dass der Reiz einer Verführung nunmal in der Verzögerung liege. Sie kam zu dem frappierenden Schluss: "Und es ist schändlicherweise wahr, dass ein wenig Zurückhaltung am richtigen Ort das Begehren umso mehr entfachen kann." Soso! Ich denke gerade, dass ich nun schon eine ziemlich lange Zeit "zurückhaltend" bin und schaue ihr hilflos ins Gesicht. Sie sagt zu mir, ich sei zu passiv. Ich würde nicht wünschen, nicht fordern und nicht hoffen. Ich entschuldige mich sofort, dass ich nicht anders könne, weil ich wohl so erzogen worden sei. Ich verweise auf die Maxime eines berühmten Mannes, die in einem Interview mit der "Zeit" zitiert worden ist: "Hoffnung ist gut, doch nicht zu hoffen ist Verstand". Das sitzt. Ihr dämmert plötzlich, dass der Wahnsinn Methode haben könnte. Und plötzlich sagt sie: "Gerade das, was sich entzieht, erscheint umso wertvoller." Bin ich jetzt völlig bescheuert? Wer will etwas und bekommt es nicht, wer will etwas nicht und bekommt es trotzdem? Oder ist es doch so, dass der (möglicherweise angeborene) "Masochismus" einer Frau dazu führt, dass sie erst dann "Respekt" vor einem Mann haben kann, wenn sie sich, mit welchen "Methoden" auch immer, von diesem in die Knie gezwungen fühlt? Haben sich im Zuge der Emanzipation zwar die Geschlechterrollen verändert beziehungsweise modernisiert, aber ist die biologische Seite der Sexualität doch dieselbe geblieben: Ein begehrenswertes aber leidvolles und perverses Spiel?

14:46 08.04.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Herr Kunze

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