Härter wird weicher

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Die Pressemitteilung der Porsche Automobil Holding SE vom 23.07. gab kurz und bündig die Demission des Vorstandsvorsitzenden Wiedeking und des Finanzvorstandes Härter bekannt. Damit haben sich schlagartig aber nicht unerwartet die öffentlichen Spekulationen um eine vorzeitige Amtsniederlegung Wiedekings bewahrheitet. Der Finanzakrobat Härter wurde immerhin mit einer Abfindungszahlung von 12,5 Mio. Euro bedacht, was seine tragende Rolle als Strippenzieher und "rechte Hand" Wiedekings bei der geplanten aber nun gescheiterten Übernahme von Volkswagen dokumentiert. Der 53-jährige Manager mit dem Bürstenschnitt und den leicht angewinkelten Augenliedern, der oftmals einen 3-Tage-Bart trägt, galt in der Branche als "Finanzgenie". Er und Wiedeking hatten in systematischer Kongenialität einen Plan ausgeheckt, um den unwahrscheinlichsten Fall überhaupt denkbar werden zu lassen, dass eine eigensinnige Sport- und mittlerweile auch Geländewagenschmiede den größten Autohersteller Europas übernimmt, der Stand heute immerhin eine Marktkapitalisierung von ca. 80 Mrd. Euro hat, und an dem Porsche derzeit ca. 51 Prozent hält. Wie konnte es so weit kommen? Porsche gab im Jahr 2005 seine Beteiligung an VW in Höhe von ca. 20 Prozent bekannt, und niemand konnte sich vorstellen, dass ein höheres Engagement finanzierbar wäre. Härter jedoch, der klassische Musik von Wagner hört und Franz Kafka liest, ist ein Fachmann bei Derivaten, also Optionen und Terminkontrakten sowie des Hedgings. Doch wie in Kafkas "Kleiner Fabel" war auch Härter die Finanzwelt zuerst zu breit, so dass er vor ihren grenzenlosen Möglichkeiten Angst bekommen musste und weiter lief, bis er in der Ferne die Werksmauern von VW sah, die so schnell aufeinander zueilten, dass Härter in ihrem Eckwinkel in die Spekulationsfalle gehen musste. Exemplarisch hatte bereits die niederländische Tulpenzwiebel-Hausse der Jahre 1634 - 1637 gezeigt, dass Spekulanten, die auf Tulpenzwiebeln Terminkontrakte abgeschlossen oder Optionen erworben hatten, nach dem Platzen der Spekulationsblase oftmals bankrott waren. Nur zufällig erinnern die Kursverläufe von Aktien im Spekulationsfieber samt dessen Ernüchterung dem Längsschnitt einer Tulpenzwiebel: So kostete eine VW-Aktie im Herbst 2008 zeitweilig mehr als 1000 Euro, obwohl sie noch zu Beginn des Jahres ungefähr bei 150 Euro notierte. Anlass für diese Kursexplosion lieferte wiederrum die Bekanntgabe der Porsche AG, nun einen Anteil von 42,6 Prozent und Optionen auf weitere 31,5 Prozent an VW zu halten. Dementsprechend verdiente Porsche im Jahr 2008 einen Nettogewinn von 6,4 Mrd. Euro bei einem unverhältnismäßigen Umsatz im Automobilgeschäft von 7,4 Mrd. Euro; doch Wiedekings Euphorie und Blasphemie, man könne mit nur 7,4 Mrd. Euro Umsatz pro Jahr die 140 bis 150 Mrd. Euro Umsatz von VW beeinflussen, wurde bestraft. Die Begründung dafür liegt in der Bodenständigkeit des tatsächlichen traditionellen Kerngeschäfts eines Autobauers, das nicht ins Gewerbe eines Hedgefonds überführt werden kann. Härters und Wiedekings Plan war genial, aber er hat das Stammgeschäft von Porsche um den Faktor Stückzahlen mit der gescheiterten Übernahme von VW dann nicht mehr lösen können. Deswegen mussten sie gehen. Und mit ihnen die Lektion, dass man eine Aktie, wenn sie über 1000 Euro steht, lieber verkaufen sollte.

14:34 24.07.2009
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Geschrieben von

Herr Kunze

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