Heilige Madonna mit eisblauen Augen

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der James Bond-Film "Goldfinger" handelt davon, wie der größte Goldschmuggler der Welt, Auric Goldfinger (legendär gespielt von Gert Fröbe), ins Fort Knox einbricht, um dort die amerikanischen Goldreserven radioaktiv zu verseuchen, so dass der daraufhin steigende Goldpreis den Wert seiner eigenen Goldbestände erhöhen würde. Tatsächlich ist Fort Knox auch heute noch ein Stützpunkt der US Army im Bundesstatt Kentucky, wo die Goldreserven der Schatzkammer gelagert werden. Kentucky selbst ist übrigens ebenso für seine blaugrünen Grasweiden oder den Bourbon-Whiskey "Jim Beam" bekannt, dessen Herkunft auf den deutschstämmigen Johannes Jakob Böhm zurückreicht, der sich in Jacob Beam umbenannte. Das Fort Knox hingegen verdankt seine Namensgebung Henry Knox, der als oberster Artillerieoffizier der Kontinentalarmee im Unabhängigkeitskrieg und später als erster Kriegsminister der USA diente. Seit November 2007 steht der Name Knox jedoch für ein schweres Kapitalverbrechen in den Schlagzeilen: Die amerikanische Austauschstudentin Amanda Knox soll in der italienischen Universitätsstadt Perugia gemeinsam mit ihrem damaligen Freund Raffaele Sollecito und einem dritten Mittäter die Studentin Meredith Kercher sexuell misshandelt und anschließend umgebracht haben. Knox und Sollecito wurden im Dezember vergangenen Jahres von einem italienischen Gericht zu 26 beziehungsweise 25 Jahren Haft verurteilt. Rudy Herrmann Guede, der dritte Mittäter von der Elfenbeinküste, dessen Spermaspuren an und im Körper des Opfers gefunden wurden, war bereits 2008 in einem Schnellverfahren zu 30 Jahren Haft verurteilt worden, muss aber effektiv nur eine Strafe wegen Strafmilderung von 14 Jahren absitzen. Die Urteile gegen Knox und Sollecitos gelten bis heute als umstritten, da sie ohne echte Beweise und nur auf der Grundlage von Indizien getroffen wurden. Desweiteren fehlt bislang ein echtes Motiv. Dementsprechend ist die Verteidigung in die Revision gegangen, das entsprechende Berufungsverfahren läuft seit dem gestrigen Tag. Neben belastenden DNA-Spuren (die je nach Gutachter als mehr oder weniger beweislastig gelten) verstrickte sich Knox in den Polizeiverhören in zahlreiche belastende Widersprüche: Erst wollte sie die Nacht bei ihrem Freund Raffaele verbracht haben, der seinerseits aber eine Erinnerungslücke hat. Dann lenkte sie den Verdacht auf einen unschuldigen Barbesitzer. Schlussendlich belastete sie Rudy Hermann Guede als Alleintäter. Bis heute beteuern Knox und Sollecitos ihre Unschuld. Seit Prozessauftakt war das Verfahren sowohl für die inländische als auch ausländische Presse ein gefundenes Fressen, insbesondere wegen der jungen hübschen Amanda Knox aus Seattle, die wegen ihrer ebenen Gesichtszüge, ihrer blassen Haut und ihren eisblauen Augen von der italienischen Presse als "Engel mit den Eisaugen" tituliert wurde. Zahlreiche Blogger diskutierten im Internet über die Schuld oder Unschuld der Angeklagten, in Amerika wurden T-Shirts, Teddys und Espressotassen mit dem Aufdruck "Free Amanda!" auf den Markt gebracht, und die New York Times witterte eine Hetzkampagne des Antiamerikanismus. Zu dumm nur, dass Knox sich in Perugia zuvor den Ruf einer Schlampe eingehandelt hatte, die serienweise Liebschaften unterhielt und seltsame Bilder von sich ins Internet stellte, die sie als Drogen konsumierendes wildes Partygirl zeigten. Passend zum Auftakt des Revisionsverfahrens ist ein Buch in Italien erschienen, das Gespräche mit Knox im Gefängnis sowie ihre Briefe auswertet. Der Autor des Buches ist Rocco Girlanda, ein Journalist und Abgeordneter der Berlusconi-Partei PDL, der Buchtitel lautet übersetzt "Ich komme mit dir". Hier kommt eine andere Amanda Knox zum Vorschein, ungeschminkt und voller Pläne für die Zukunft. Sie wolle ihr Studium bald fortsetzen und eine Familie gründen. Die Haftbedingungen seien gut. Auch wenn sie gerne etwas mehr Freigang und einen Zugang zum e-mail-account haben würde. Darüber hinaus laufen unlängst die Dreharbeiten für dem Film "The Amanda Knox Story" mit Hayden Panettiere in der Hauptrolle. Es stellt sich daher die Frage, ob es wirklich der Wahrheitsfindung zuträglich ist, wenn des Schwerverbrechens angeklagte Personen bereits während des laufenden Verfahrens zu Popstars vermarktet werden, in ihrem Ruhm vergleichbar mit Andy Warhol oder Coca Cola. Amanda Knox war daran jedoch ihrerseits nicht ganz unbeteiligt. So wurde sie inmitten der Carabinieri mit einem T-Shirt in den Verhandlungssaal geführt, auf dem geschrieben stand: "All you need is love." Dieses statement war entweder besonders zynisch oder aber besonders dumm, denn öffentlich eine solche Unbefangenheit zu demonstrieren, dürfte eher verdächtig als entlastend auf die Richter und Geschworenen gewirkt haben. Wenigstens stand auf ihrem T-Shirt nicht "I like Penetration" oder "Sex ja, Liebe nein" geschrieben. Andererseits darf die italienische Rechtsprechung nicht der Verunsachlichung nachgeben, in der schönen Knox die Projektionsfläche einer sündhaften amerikanisierten "Heiligen Madonna" zu sehen, die von einem Altarbild Michelangelos oder Leonardo da Vincis direkt in den Gerichtssaal des katholischen Italiens herabgestiegen sein könnte, um dort ihre gottgewollte Strafe zu erhalten. Da sich der Papst nun völlig überraschend für die Verwendung von Präservativen ausgesprochen hat, könnte die katholische Heiligtümelei insgesamt auf dem Rückzug sein. Die italienische Rechtsprechung konnte bislang weder ein klares Motiv noch einen eindeutigen Beweis für die Schuld von Amanda Knox und Raffaele Sollecitos erbringen. Das Berufungsverfahren kann daher in der Lage sein, den Schuldspruch zu revidieren.

16:14 25.11.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Herr Kunze

Blogger
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare