Ich denke, also spinne ich

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Der Philosoph René Descartes hat das "Ich" zum Zentrum seiner Philosophie gemacht. Als in Mitteleuropa der 30-jährige Krieg auszubrechen drohte, machte sich der junge Descartes ein ganz anderes Vorhaben zum Ziel: Er wollte zur absoluten Gewissheit über sich selbst und die Welt vorstoßen. Da die Sinneswahrnehmung einer Täuschung unterliegen könne, sei ihr grundsätzlich nicht zu trauen. Auch die Wege des Denkes könnten zu Fehlschlüssen führen. So kam Descartes zu dem verblüffenden Schluss, dass all das anzweifelbar sei, jedoch kein Zweifel daran bestehen könne, dass er zweifele. Der Zweifel selbst erschien ihm also nicht anzweifelbar zu sein. Diese Gewissheit führte Descartes zu einem der berühmtesten Sätze der Philosophiegeschichte: Ich denke, also bin ich. Denn wenn man zweifelt, dann muss man auch denken, und wenn der Zweifel nicht anzweifelbar ist, dann kann auch die Existenz des Denkens nicht verleugnet werden. Durch die Bestimmung des erkennenden Subjekts wurde Descartes damit zum Wegbereiter des neuzeitlichen Denkens. Peter Sloterdijk sagt hierzu: "Descartes große Idee war es, das Denken in einen streitlosen Raum zu versetzen." Der Sinneswahrnehmung jedoch eine völlig untergeordente Rolle in Rechnung zu stellen, wäre fatal. So formulierte George Berkeley eine zentrale philosophische These, mit der sich sein Name verbindet: "Sein ist Wahrgenommenwerden oder Wahrnehmen." Demnach gäbe es also kein Sein außerhalb von Wahrnehmungsbeziehungen. Auch David Hume als Hauptvertreter des englischen Empirismus ging davon aus, dass alle Erkenntnis aus der Erfahrung stamme, und so läge in der Sinneswahrnemung die Quelle jeglichen Wissens, so dass Vernunft und Verstand nicht zur wahren Erkenntnis führen könnten, gleichwohl deren Gebrauch für das Verstehen einer durch Sinneswahrnehmung erzeugten Realität sicherlich unerlässlich ist. Hiermit scheinen nun zwei völlig verschiedene ontologische Schulen der Seinsbestimmung vorzuliegen, die in der Philosophiegeschichte zu einem Streit zwischen den Rationalisten und Empiristen geführt haben. Und es liegt seitdem immer nahe, beide Perspektiven gegeneinander auszuspielen: Liest man beispielsweise gerade ein Buch über Philosophie oder einen Blogbeitrag beim "Freitag", in dem René Descartes berühmter Satz der Philosophiegeschichte zitiert wird: Ich denke, also bin ich. Unstreitbar hat der Leser dieses Satzes sein Wissen nun aus einer "tatsächlichen" oder zumindest geglaubten Erfahrung bezogen. Denn es könnte ja auch sein, dass der Leser sich in Wahrheit gerade auf einer Bergwanderung befände, wo der Anblick der bezaubernden Bergwelt ihn einfach hallunizieren lasse, dass er gerade ein Buch oder einen Blogbeitrag beim "Freitag" lese. Oder er würde einfach nur irgendwo am Strand in der Sonne liegen und träumen. Oder vielleicht wäre es nur ein böser Dämon, der eine Welt vortäuscht, die in Wahrheit gar nicht existiert, der also eine künstliche Matrix erschafft. Dieser Satz von Descartes erfordert also ein bestimmtes Abstraktionsvermögen, da man sich gar nicht sicher sein kann, ob René Descartes diesen Satz jemals gedacht und aufgeschrieben hat, und ob man diesen Satz tatsächlich jemals oder sogar gerade eben gelesen hat. Und das ist ein Problem. Der Hirnforscher Antonio Damasio hat in seinem Buch "Ich fühle, also bin ich" darauf hingewiesen, dass der Geist keine vom Körper unabhängige Substanz sein könne. Darüber hinaus seien Emotionen und bewusstseinsfähige Gefühle elementare Bestandteile der menschlichen Existenz. Da Philosophen wie Descartes sich davon befreit haben, eine Welt tatsächlich erklären zu müssen, da es für sie eine solche tatsächliche Welt gar nicht unbedingt geben müsse, übernimmt die Hirnforschung zunehmend die Aufgabe der Philosophie, indem sie zu erklären versucht, wie die tatsächliche Welt funktioniert. Und in dieser Welt spricht vieles dafür, Denken und Erfahrung als einen einheitlichen Seinsbereich zu erfassen.

16:57 17.11.2010
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Geschrieben von

Herr Kunze

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