Ideal, Erkenntnis, Bumbum

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Bereits in einer der ersten Ausgaben des Dadaistischen Manifests von 1918 heißt es: "Ideal, Ideal, Ideal, Erkenntnis, Erkenntnis, Erkenntnis, Bumbum, Bumbum, Bumbum..." Für Tristan Tzara ist Dada nichts als Freiheit, Überwindung der Formeln und die Unabhängigkeit des Künstlers. Der Traditionsbruch mit den hohen Idealen und dem Streben nach Erkenntnis für eine bessere Welt scheint nun durch Dada vollzogen worden zu sein. Vergessen scheinen die Leitprinzipien des deutschen Idealismus, der eine Einheit des Guten, Wahren und Schönen beschwor. Dieses Dreigestirn sollte verschwistert sein und sich in einem Akt der Vernunft der Welt gegenüber legitimieren. Dennoch glaubte bereits Hegel, dass die Kunst gemessen an den Wahrheitsansprüchen der modernen Zeit und ihrer Verwissenschaftlichung kaum noch in der Lage sein könnte, die Wahrheit angemessen zu repräsentieren. Daher wurde der Kunst bereits damals eine "Kunsthässlichkeit" zugestanden, die bei Nietzsche zum programmatischen Konzept erhoben wurde: Das Hässliche könne als ästhetische Kraft mitunter stärker sein als das Schöne. Selbst das Laute und Abstoßende könne sich somit zum Aufmerksamkeitsfänger entwickeln und die Sinne fesseln. Das Image vom hässlichen Deutschen hat also auch immer die unausgesprochene "Kehrseite" vom vermeintlich mächtigen Deutschen impliziert. Es überrascht daher kaum, dass auch im Dadaistischen Manifest die Notwendigkeit "einer großen negativen Arbeit, die zu leisten ist" hervorgehoben wird. Dada verkündet den Bruch der Kunst mit der Logik. Dada fordert in der Philosophie, Kunst und Wissenschaft "starke, aufrechte, ewig unverstandene Werke." Bis heute versuchen Künstler in aller Welt diesen hohen Ansprüchen gerecht zu werden. Erstaunlicherweise hat sich die Duchschlagskraft dieser Bewegung bis in das 21. Jahrhundert unter Beweis stellen können. Man denke dabei auch an Jakob Augsteins verwirrende Einlassungen zur Sesamstraße oder seinen denkwürdigen pädagogischen Anspruch, selber ein Freund des Nutzlosen zu sein, weshalb in der Schule seiner Meinung nach nur Unzweckmäßiges gelehrt werden solle. Der Dadaismus erfreut sich also in intellektuellen Kreisen auch heute offenbar großer Beliebtheit, und die Nachzügler der Bewegung scheinen offensichtlich zu deren konsequentesten Vertretern im Kampf um die Verteidigung der Unzweckmäßigkeit zu gehören.

17:22 12.09.2010
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Geschrieben von

Herr Kunze

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