Ist Guttenberg eine "Diva"?

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Der seit dem 12. Februar vereidigte Wirtschaftsminister Karl-Theodor ("KT") von und zu Guttenberg ist ein imposantes Beispiel, dass die durchschnittliche Wochenarbeitszeit für Politiker herzulande eher die Untergrenze darstellt. Als der 37-jährige Oberfranke bei Maibritt Illner in der Fernsehsendung den knabenhaft anmutenden Philosophen und Autor Richard David Precht über die Vorzüge neoliberaler Ordnungspolitik aufklärte, hatte er in der Nacht zuvor eine Dauerverhandlung von rund 36 Stunden mit potentiellen Investoren für Opel hinter sich und nach eigenen Angaben kaum mehr als 1,5 Stunden geschlafen. Guttenberg hat sich schnell einen Ruf als "hardliner" und damit die Sympathien des wirtschaftspolitisch konservativen Flügels der Partei eingehandelt, indem er grundsätzlich die Insolvenz als maßgebliche Lösung eines in die Schieflage geratenen Unternehmens favorisiert, sofern die alternativen Konzepte der Investoren nicht genügend Eigenkapital oder eine wettbewerbstaugliche Perspektive zu versprechen scheinen. Trotz seines jungen Alters und seiner Ausbildung zum Juristen wird er bereits als kompetenter Ersatz für den Wirtschaftsfachmann Friedrich Merz angesehen. Und entgegen den Diffamierungen aus dem sozialdemokratischen Lager, den "Baron aus Bayern" als unqualifizierten und bornierten Seiteneinsteiger zu brandmarken, vergleichbar mit Paul Kirchhoff, der im Wahljahr 2005 in den Augen vieler eine steuerrechtliche "Revolution" hätte entfachen können und vom politischen Gegner als professorales und verstaubtes Schattengewächs aus Heidelberg verunglimpft worden ist, sind die Popularitätswere für Guttenberg in die Höhe geschnellt. Es überrascht daher kaum, dass seine Landsmänner in ihm den lang ersehnten Kanzler-Kandidaten der Schwesterpartei sehen, der auch auf Bundesebene die durchgängig breite Zustimmung finden könnte. Wie gelangt also ein Politiker mit unpopulären Maßnahmen, zu denen die Involvenz-Lösung samt gefährdeter Arbeitsplätze gehört, an die Spitze der Beliebtheitsskala? Dass Guttenberg zu Beginn seiner Amtszeit, auf seine fachlichen Referenzen für das Amt des Bundeswirtschaftsministers befragt, seine Tätigkeit im familieneigenen Betrieb als geschäftsführender Gesellschafter der Guttenberg GmbH angab, mochte ihm wegen der Anfangsnervosität schnell verziehen worden sein. Vielmehr konnte er sich in der Polarisierung des sporadischen Pradigmenwechsels zwischen Verstaatlichung und Privatisierung mit seiner für diese Verhältnisse ungewohnt prinzipienlastigen Härte schnell die ministeriale Reife aneignen, die seine Autorität begründet - zumindest dem Anschein nach. Denn mit seiner attraktiven Frau Stephanie erfüllen die Guttenbergs die lange Zeit verweigerte Sehnsucht nach einem Politik-Glamour-Paar, das in der Boulevard-Presse andernorts unlängst durch die Obamas oder Sarkozys repräsentiert wird. Doch Guttenberg weiß um das Risiko einer solchen hybriden Profilierung Bescheid, so lange der schöne Schein immer noch die politische Laufbahn in den Schatten zu stellen droht: Er will daher den Klischees um seine adelige Herkunft mit Leistung begegnen; und symbolisiert damit den Prototyp einer wiedererfundenen Leistungselite, die den Fleiß als oberstes Kriterium der Verteilungsmechanik definieren möchte. Dadurch wird der implizite Mythos einer sozialen Gerechtigkeit anhand objektiver Leistungskriterien genährt. Doch oftmals wird vergessen, dass Leistung um ihrer selbst willen ebenso als "Tugend" fungiert: das Comeback von Michael Schumacher in der Formel 1 zeigt, dass Leistungsbereitschaft und Erfolgsstreben ebenso intrinsisch wie extrinsisch bedingt sein können. Der freie Wettberwerb nach fairen Regeln ist somit mehr als ein wirtschaftspolitisches Konzept; er ist vielmehr ein Handlungsrahmen diverser Motivationssysteme.

21:31 03.08.2009
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Geschrieben von

Herr Kunze

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