Ist Sarrazin dumm genug?

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Das Manifest vieler Ideologien ist in der Regel mit Versprechen und Utopien aller Art angereichert. Dementsprechend scheitern viele Ideologien meistens an der Uneinlösbarkeit ihrer Versprechen und der Realitätsferne ihrer Utopien. Im Kommunismus dachte man, alle Menschen könnten sozial gleich sein, sofern die materiellen Herrschaftsverhältnisse abgeschafft würden, so dass es keinen Grund mehr für sozialen Neid und Eifersucht gäbe, was doch die Wurzel allen Übels darstelle. Doch auch in den kommunistischen Diktaturen wurde die hübsche Nachbarin mehr begehrt als ihre etwas weniger hübsche Schwester, und der Gatte an ihrer Seite befand sich in einem permanenten Wettbewerb mit anderen Nebenbuhlern um die Position an ihrer Seite, was diesen oftmals an den Rand der Verzweiflung trieb. Wettkämpfe wurden ebenso um Parteiämter wie um Medallien ausgefochten, die an jene vergeben werden sollten, die der Gemeinschaft am meisten gedient hatten. So konnte sich auch der Kommunismus nicht von der Dynamik einer Wettbewerbsgesellschaft emanzipieren. Im Kapitalismus dachte man, der Wettbewerb auf freien Märkten würde ganz im Sinne der "invisible hand" nach Adam Smith automatisch zum Wohle aller Gesellschaftsschichten führen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Bald zeigte sich jedoch, dass das so genannte "Industrieproletariat" wegen seinem Überangebot an Arbeitskräften von den privaten Eigentümern der Produktionsmittel, also den eigentlichen "Kapitalisten", ausgebeutet wurde. Solche Phänomene führten im Zuge der Diskussion um den Ordoliberalismus (der eine Spielart des gefürchteten Neoliberalismus darstellt) zur Ausgestaltung der Sozialen Marktwirtschaft, deren Feinjustierung bis heute Gegenstand der sozialen Debatte ist. Dank Thilo Sarrazin wird nun eine weitere ideologische Mythologie heftig in den Medien diskutiert. In seinem Buch "Deutschland schafft sich ab" klagt der Sozialdemokrat und Bundesbanker darüber, dass die deutsche Bevölkerung auf natürlichem Wege immer dümmer werde, indem Migranten diverser ethnischer Gruppen ihre genetisch bedingte geringere Intelligenz zunehmend vervielfältigen würden, und dieses zu Lasten des deutschstämmigen Bevölkerungsanteils. Die These von der genetisch bedingten minderwertigen Intelligenz bestimmter ethnischer Gruppen wurde auch in der SPD als Affront aufgefasst. So hat SPD-Chef Sigmar Gabriel unlängst den Parteiausschluss des Parteigenossen Sarazzin gefordert. Wer ist also dieser Thilo Sarrazin, der mit seiner Nickelbrille und dem verschmitzten Grinsen an einen durchgeknallten Professor erinnert? Selbstverständlich hört man im Hintergrund seines medialen Auftritts die noch nicht ganz verstummten Glockentöne des Sozialdarwinismus samt ungeläuterter Vergangenheitsbewältigung läuten. Auch wenn Sarrazin selbst nur an die deutschstämmige Bevölkerung appelliert, sich bei der Weitergabe des Erbgutes doch bitte etwas mehr anzustrengen, oder aber zumindest die Zuwanderungsgesetze für genetisch nicht vollwertige Migranten zu straffen: Die These der genetischen Prädisposition ist nichtsdestotrotz ein fester Bestandteil des sozialdarwinistischen Programms, das auch von erfahrenen Politikern immer wieder falsch verstanden wird. Grundsätzlich basiert der Sozialdarwinismus auf einem sozialen Selektions- und Anpassungsprozess, bei dem die biologische Notwendigkeit dem vermeintlich "besseren" Erbgut ein natürliches Vorrecht bei der Weitergabe eingeräumen soll. Der Sozialdarwinismus hat seit jeher nur ein Problem: Er interpretiert in der Regel persönliche Vorlieben zugunsten eines Naturgesetzes. Er will Objektivität vorgaukeln, wo oftmals nur der subjektive Betrachterstandpunkt maßgeblich ist. Er basiert oftmals also auf einer Illusion. Denn ganz im Sinne von Charles Darwin erlangen in der Natur jene Lebewesen durch natürliche Auslese einen Selektionsvorteil, die an bestimmte Umweltbedingungen am besten angepasst sind. Wie willkürlich dieser Vorgang jedoch ablaufen kann, soll an einem Beispiel demonstriert werden: Angenommen, ein Raumschiff mit Außerirdischen würde auf der Welt landen. Diese Außerirdischen würden nach kurzer Zeit die Herrschaft an sich reißen und dabei die Vorliebe entwickeln, sich besonders groß gewachsene, muskulöse und intelligente Männer als Sklaven zu halten. Um deren Verfügbarkeit zu optimieren, würden diese Elite-Sklaven weitgehend von ihren Artgenossinnen isoliert werden, so dass es nur noch selten zur Weitergabe ihres Luxus-Erbgutes käme. Sollte eine Frau sich dennoch mit einem Luxus-Sklaven paaren wollen, würde sie ebenfalls versklavt werden. Darüber hinaus würden die Außerirdischen mit besonders klein gewachsenen, wenig muskulösen und wenig intelligenten Männern kooperieren, weil sie in ihnen eine Art "Ebenbild" sähen (wir gehen davon aus, dass die Außerirdischen ebenfalls klein, wenig muskulös und echt dumm sind, nur leider haben sie die besseren Waffen). Diese "minderwertige" Gruppe von Männern dürfte dann in Palästen residieren, würde in sozial wichtige Ämter gehoben und mit hoher Macht ausgestattet werden. Fortan würden sich die Artgenossinnen nun vorwiegend um diese Gruppe von "minderwertigen" Männern bemühen, um sich und ihrer Nachkommenschaft soziale Vorteile zu verschaffen. Das wäre sicherlich eine Art verdrehte Welt, aber ganz im Sinne des biologischen Evolutionismus nichts anderes als eine völlig legitime Veränderung der natürlichen Umweltbedingungen, die entsprechende Anpassungsprozesse nach sich ziehen müsste. Was gestern noch als stark, schön und intelligent galt, würde unter diesen veränderten Bedingungen zu einem Selektionsnachteil werden, so dass fortan das Gegenteil davon ein entsprechender Vorteil wäre. Auch wenn das den stereotypen Vorstellungen von Politikern wie Sarrazin nicht gefällt, auch wenn der "gesunde Menschenverstand" ein solch komplexes Szenario nicht reflektieren will, so kann die Evolution bestimmte Definitionen von Stärke und Schwäche immer nur in Bezug auf eine bestimmte Umwelt treffen. Es gibt in dieser Hinsicht keine absoluten Größen, auch wenn bestimmte sozialdarwinistische oder faschistische Ideologien immer wieder versucht haben, bestimmte Attribute des menschlichen Daseis mit einem quasi unwiderruflichen Gütesiegel der Stärke zu adeln oder aber als Makel der Schwäche zu diffamieren. In der Natur mag das "Recht des Stärkeren" gelten, aber eben immer auch nur in Bezug auf Anpassungsprozesse in einer bestimmten Umweltsituation, die sich hypothetisch beliebig ändern könnte. Verhaltensweisen, die dumm erscheinen, können also unter bestimmten Umständen als Selektionsvorteil gelten, sofern sie durchsetzungsfähig sind. Manchmal muss man eben vielleicht dumm sein, um das Durchsetzungsfähige tun zu können. Und möglicherweise hat Thilo Sarrazin mit seiner Buchpublikation eine Art Beispiel dafür geliefert.

18:13 31.08.2010
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Geschrieben von

Herr Kunze

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