Mensch Affen

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Der Zoologe Ernst Haeckel stellte im Anschluss an Charles Darwins Evolutionstheorie unmittelbar fest, dass der Mensch seine uralten gemeinsamen Vorfahren in affenähnlichen Säugetieren zu suchen habe. Fortan wurden die Darwinisten von den Gegnern der Evolutionslehre als "Affentheoretiker" verhöhnt. Was Haeckel in Büchern wie "Die Welträtsel" verfochte, wurde lange Zeit als Beleidigung christlich-religiöser Empfidungen angesehen. Bis heute glauben die Kreationisten jedoch nach wie vor an die Biblische Schöpfungsgeschichte, wohingegen die Anhänger der Intelligent-Design-Bewegung zwar die Mikroevolution anerkennen, jedoch die Baupläne für höhere Arten einem "intelligenten Designer" zuschreiben, da diese nicht auf bloßem Zufall beruhen könnten. Tatsächlich haben die Untersuchungen der Molekularbiologie aber unlängst gezeigt, dass beispielsweise das Erbgut von Mensch und Schimpanse zu 99 Prozent übereinstimmt. Weiterhin ist seit Anfang der 1970er Jahre bekannt, dass Schimpansen und Zwergschimpansen über spezifisch menschliche Eigenschaften verfügen. Daher ist von Forschern unlängst vorgeschlagen worden, die Gattung Homo um Schimpansen und Zwergschimpansen zu erweitern. Neben den Protesten der christlich-konservativen Verbände, die auf einer göttlichen Sonderstellung des Menschen beharren, entstünde dadurch jedoch ein zivilisatorisches Problem: So sehr es aus Sicht des Tierschutzes zu begrüßen wäre, dass den beiden Menschenaffenarten der Rechtsstatus von Personen samt Menschenrechten zugestanden werden würde, so sehr würde die anthropologische "Gleichstellung" von Mensch und Affe möglicherweise eine Hintertür zur zivilisatorischen "Degeneration" der menschlichen Spezies öffnen. Eine solche Gleichstellung könnte sich als nietzscheanischer Versuch entpuppen, die klaffende Lücke zwischen Tier und Mensch durch eine Synthese zu schließen. Dieses Resultat wäre allerdings nicht der "Übermensch", sondern eine gemeinsame Abstammungseinheit aus Homo Sapiens, Homo troglodytes (Schimpanse) und Homo paniscus (Zwergschimpanse). Der Anthropologe Michael Tomasello verweist dabei auf den gemeinsamen Gebrauch von Zeigegesten und nennt ein Beispiel: "Ein Mann in einer Bar will noch etwas trinken; er wartet, bis der Barkeeper ihn anschaut und zeigt dann auf ein leeres Schnapsglas. Soll heißen: Richte deine Aufmerksamkeit auf das leere Glas, fülle es bitte mit Schnaps." Und die Hirnforschung hat gezeigt, dass sich der Aufbau des menschlichen Gehirns kaum von jenem anderer Primaten wesentlich unterscheide. Zumindest lasse sich die Überlegenheit der menschlichen intellektuellen Fähigkeiten nur unvollständig daraus ableiten. Daher stellt sich immer wieder die Frage, ob bei der menschlichen Entwicklung nicht etwas "Anderes" hinzugekommen sein müsse, dass den Menschen mit seinen besonderen Fähigkeiten beseelt habe. Das mag eine Form der Metaphysik oder der Glaube an einen Schöpfer sein, welche einen solchen Dimensionssprung ebneten. Schimpanse und Zwergschimpanse gelten also nach wie vor als nicht voll menschheitsberechtigt. Dabei hat der Zwergschimpanse eine etwas zierlichere Statur und versucht, die etwas höherwertige Physis des Schimpansen durch wilde Schreilaute zu kompensieren. Scheilaute und Zeigegesten gelten als grundsätzliche Kommunikationsträger unter Menschenaffen. Somit klafft eine tatsächliche Lücke zum Zeichen und Symbol verwendenden Homo Sapiens. Wer jedoch behauptet, Zivilisation lasse sich anhand von gebügelten Hemden, gefalteten Hosen, Markenkleidung und allerhand Luxus-Accessoires bemessen, der verkennt die animalische Seite dieser Gesten, die "primitive" Herrschaft und simple Hierachien repräsentieren sollen. Auch das Menschliche ließe sich so als Naturschauspiel dechiffrieren.

01:07 15.10.2010
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Geschrieben von

Herr Kunze

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