Merkel mit Makel?

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Das mit Spannung erwartete und im Fernsehen ausgestrahlte Streitgespräch zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier war wie abzusehen mehr von sachlicher Nüchternheit und weniger von großemotional auftrumpfenden Gesten gekennzeichnet. Dieses beruhte nicht zuletzt auf der immer noch in der Koalition verhafteten Regierungsarbeit. Steinmeier, selber einstiger Autor der Agenda 2010, ist vom Typ her weniger hemdsärmelig, Schulter klopfend und männerbündlerisch als sein früherer Mentor Schröder. Und in einem Politik-Zeitalter, da sich die ehemalige Fürther Landrätin Gabriele Pauli mit Latexhandschuhen ablichten ließ, und Wolfgang Thierse in der Politik einen noch nicht restlos aufgeklärten "Terror der Intimität" schwelen gesehen hat, sollte man diese Sachlichkeit grundsätzlich erst einmal zu "schätzen" wissen. Dass der linke Gesellschaftskritiker Claus Peyman an dieser Stelle zuletzt angesichts der Langeweile stattdessen eine große "Sehnsucht nach Sarkozy und Berlusconi" geäußert hat, bedeutet nur sein grobes Missverständnis, da Politik nicht seiner Unterhaltung zu dienen hat, sondern im besseren Fall er selbst der Politik. Doch nun zur Kanzlerin: Sie machte an diesem Sendeplatz eine sehr souveräne Figur; hat sie ihr Äußeres bislang doch in vielen Werbeanzeigen durchaus eindrucksvoll zur Geltung bringen können, und zwar nicht nur auf Wahlplakaten (erinnert sei an die Anzeigenkampagne des Autovermieters "Sixt"). Doch die "vertraulichen" Hintergrundgespräche mit der Kanzlerin lieferten oftmals einen anderen Eindruck. So berichtet der Journalist Dirk Kurbjuweit, ihn habe anfangs überrascht, wie schnoddrig Merkel sein könne, wenn sie gerade keine Kamera auf sich gerichtet wüsste. Dennoch fragt man sich, wie es in den jüngsten Umfragen zu einem Kopf-an-Kopf-Rennen der Kandidaten hat kommen können? Eröffnet dieses doch den unerwünschten Spielraum für einen "Stimmungswahlkampf" des Herausforderers gegenüber der Amtsinhaberin. Dirk Kurbjuweit hat in seinem lesenswerten Portrait über Angela Merkel ("Die Kanzlerin für alle?") fest gestellt, dass Merkel entgegen ihren guten Umfragewerten die Bürger dieses Landes vernachlässigt habe. Er bemängelt an ihr, dass sie keine Rede gehalten habe, die wirklich in Erinnerung geblieben sei (was so sicherlich nicht stimmt); dabei seien Reden immer eine Möglichkeit, sich deutlich und kenntlich zu machen. Merkel sei das aber seiner Ansicht nach nicht gelungen: "Ihre Kanzlerschaft war bislang eine große Verweigerung sich über Worte zu erkennen zu geben." Dabei ist bekannt, dass sie wie ihre engsten Mitarbeiter äußert kopfgesteuert, sachorientiert, nüchtern und pragmatisch agieren kann. Doch ihre hoch geschätzten Qualitäten entfaltet sie möglicherweise zu häufig hinter dem Metallzaun des Kanzleramtes, der wie große Teile der Inneneinrichtung im legendären Porsche-Grün gefärbt ist. In ihrer Reportage über die Kanzlerin berichtet Margaret Heckel dementsprechend, Merkel habe während ihrer Amtszeit einen Mangel an großen außenpolitischen Momenten vorzuweisen, die sie "unvergesslich" hätten werden lassen können (was sicher auch nicht ganz stimmt). Es ist eine gewisse "Verzagtheit" der Kanzlerin selbst, die nun Ihrerseits eine Kritik (beziehungsweise Gegenkritik) etwas erschwert. Und das zeigte sich auch am gestrigen Abend: Westerwelle mag sich durchaus geärgert haben, dass sich die Kanzlerin während der Sendung nicht eindeutiger zu einem Bündnis mit der FDP bekannte. Niemand erwartet den fertigen Entwurf für einen Koalititonsvertrag; aber ein Lippenbekenntnis, das sie verweigert hat, kann ihr durchaus als Makel ausgelegt werden. Und nun wackelt der Vorsprung für Schwarz-Gelb in den Umfragen. Es könnte eine Wiederholung jener Zitterpartie werden, die sie am letzten Wahlabend fast die Kanzlerschaft gekostet hätte.

14:33 14.09.2009
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Geschrieben von

Herr Kunze

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