Neoliberalisierung des Kunstmarktes

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Die in Berlin lebende Kunstkritikerin und -theoretikerin Prof. Dr. Isabelle Graw gehört zu den führenden Vertreterinnen ihres Fachs. In ihrem zuletzt erschienenen Buch "Der große Preis" beschäftigt sie sich unter Anderem mit der These, dass "Kunst" und "Markt" zwar grunsätzlich voneinander abhängen würden, jedoch nicht identisch geworden seien, da die Kunst trotz der Fremdbestimmtheit des Marktes immer noch über eine autonome Eigengesetzlichkeit verfüge. Aus ihrer Sicht ist die nicht zu leugnende Dominanz von Marktmechanismen in der Kunstwelt dabei das Symptom einer universellen "Neoliberalisierung", die bis in den entlegensten Winkel des Kunstbetriebes vorgedrungen ist, um ihn den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten des freien Marktes und Wettbewerbsdrucks anzupassen. Das scheint alleine schon deswegen überraschend, weil das Kunstwerk in der Regel über keine objektiven funktionalen Eigenschaften verfügt, so dass es praktisch nicht ökonomisch "optimiert" werden könnte. Jedoch hat sich die Kunst unlängst zum Objekt der (spekulativen) Vermögensanlage mit Sozialprestige gemausert. Vergleichbar mit Luxus-Mobiliar, einem Segelboot oder einem Diamanten, deren Verwendungseigenschaften zwar klar definiert und erkennbar sind, oftmals aber in keinem Verhältnis mehr zu ihrem Anschaffungspreis stehen. In Ermangelung handfester Kriterien findet im Kunstmarkt daher oftmals ein "Wettbewerb" um den höchsten Preis eines Kunstwerks statt, der sich als Allegorie auf den Neoliberalismus geriert. Auf die Frage, warum der höchst liberale Kunstmarkt heimlich immer noch links sein wolle, antwortet Graw: "So unterscheidet sich mein Neoliberalismusbegriff von der gängigen Aufassung, die ihn als "Laisser-faire"-Verhältnis des Staates zum Markt auslegt." Damit steht Graw aber grundsätzlich in der Tradition ordoliberaler Wirtschaftspolitik im Sinne der Sozialen Marktwirtschaft. Jedoch stellt sich die Frage, ob der Kunstmarkt nicht zu den am wenigsten regulierten Märkten überhaupt gehört, sieht man von der Staatskunst einer Diktatur oder der Illustration biblischer Geschichten für die Kirche ab. Heutzutage ist Kunst jedoch auch zu einem Instrument anspruchsvoller Unterhaltung geworden: Sie beschäftigt sich dabei mit den großen Fragen nach dem Wesen der Welt, dem Sinn des Lebens und insbesondere mit der "Gefahr" von Schönheit. Und Künstler gelten schon seit immer als Avantgarde des Bürgertums, zumindest spätestens seitdem sich im 18. Jahrhundert im Zeitalter der Aufklärung ein solches als tragende Säule des gesellschaftlichen Lebens gebildet hatte. Und als solche werden die Bürger den Künstlern "folgen", denn Künstler führen den unorthodoxen Lebensentwurf einer Randgruppe vor, der dann zum "Mainstream" werden kann, wenn er sich an allen Ecken und Kanten geschliffen in eine bourgeoise Lebenskultur überführen lässt. Exemplarisch lässt sich das besonders gut in Berlin verfolgen, wo die Boheme sich Stadtteil um Stadtteil erobert hat. Dass andererseits aus dem linksintellektuellen Milieu ein diktatorischer Kunst-Patriarch und wegen Verbrechen gegen die Sittlichkeit sowie das Suchtgiftgesetz vorbestrafter Otto Muehl entwachsen konnte, dessen sozialistische Utopien absolute Herrschaftsideale und die Unfreiheit des Einzelnen wiedereinführen wollten, gehört bedauerlicherweise ebenso zum "experimentellen Sonderstatus" der Kunst. Die liberalisierte Kunstmarktideologie der jüngsten Zeit stellt den Künstler hingegen im Licht eines unternehmerischen Akteurs dar, der eigenverantwortlich handelt, leistungsbereit ist und sich hinreichend im Wettbewerb differenziert. Dabei wird Innovation als Differenzkriterium vom Markt erwartet: Von einem Künstler werden somit ebenso Überraschungen gefordert, und nicht nur die repetitive Einhaltung bereits etablierter Standards, an denen sich die Kunst per Definition nicht wirklich messen lässt...bis auf ihren Preis, ihrem einzigen objektiven "Kriterium".

20:56 05.08.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Herr Kunze

Blogger
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare