Vergessen darf das Gehirn nur alleine

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Wir wollen heute ein Gedankenexperiment machen. Dieses könnte interessant sein für Philosophen, kognitive Neuropsychologen, Humanisten aber auch für andere Geisteswissenschaftler. Und es könnte folgenden Titel haben: Warum kann ich mir etwas merken, das ich dann aber nicht wieder vergessen kann? Los gehts. Der Mensch gilt allgemein als Subjekt, also als wahrnehmendes und denkendes Wesen, das ein Ich-Bewusstsein hat. Das Subjekt ist der Ausgangspunkt von allem, was wir tun oder lassen wollen. Beispiel: Wir können jetzt einen Blogbeitrag auf "Freitag" schreiben, stattdessen können wir aber auch genausogut ein Wörterbuch aufschlagen und eine Vokabel auswendig lernen. Wir können uns entscheiden, ob es eine englische, französische, spanische oder eine Vokabel einer ganz anderen Sprache sein soll. Wir treffen also bewusste Entscheidungen über das, was wir lernen wollen. Wir wissen also, wie das Wissen (insbesondere explizit erworbenes Fachwissen) in unser Gedächtnis gelangt ist, denn wir selbst haben es ja dorthin befördert. Aber nun wissen wir nicht, wie lange es dort bleibt, und warum wir irgendwann vielleicht doch keine Erinnerung mehr daran haben. Denn wir können explizit erlerntes Wissen nicht absichtlich wieder vergessen. Das erscheint uns normal, weil wir es gar nicht anders kennen. Denken wir aber an die Festplatte unserer Computers, dann fällt uns auf, dass wir dort Datensätze, die uns nicht mehr sinnvoll erscheinen, einfach in den Papierkorb legen und löschen können (ein Mausklick, der buchstäblich in unserer Hand liegt). So etwas geht jedoch nicht bei der "Festplatte" unseres Gehirns. Diese verwaltet gnadenlos längst überflüssig gewordene Datensätze, beispielsweise die Adresse unseres früheren Arbeitgebers, obwohl die Firma schon längst in den Konkurs gegangen ist. Oder die Telefonnummer einer früheren Nachbarin, obwohl diese schon längst die Stadt gewechselt hat. Und wir können nichts dagegen tun, weil wir keinen Zugang zu der "Papierkorb-Funktion" unseres Gehirns haben. Dabei müsste die Fähigkeit des bewussten Lernens rein technisch doch in derselben Kategorie sein wie die Fähigkeit des bewussten Vergessens. Wir wissen jedoch oftmals erst dann, dass wir etwas vergessen haben, wenn wir es nicht mehr erinnern können. Wir können keinen Entscheidungszusammenhang herstellen, etwas vergessen zu wollen, obwohl wir doch eine Entscheidung treffen können, absichtlich etwas zu lernen. Dabei müsste Beides wie beim Abspeichern oder Löschen von Datensätzen auf einem Computer auf derselben technischen Ebene ablaufen, die uns für den expliziten Teil des Wissens vollständig zugänglich sein müsste. Fest steht jedenfalls, dass eine Fähigkeit zum absichtlichen Vergessen, also zum Löschen von nicht mehr brauchbaren oder erwünschten Datensätzen des Gehirns, durchaus Vorteile haben könnte. So könnten wir die Speicherkapazität unseres Gehirns für die Aufnahme neuen Wissens erhöhen. Und wir könnten unliebsame Datensätze einfach ausblenden, wie beispielsweise die mehr oder wenig sinnvolle Erinnerung an ein verfehltes Rendezvous. Derzeit müssen wir uns aber mit folgender Arbeitsteilung zufrieden geben: Wir dürfen explizites Wissen in unserem Gehirn speichern, aber vergessen darf das Gehirn nur alleine.

17:33 17.05.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Herr Kunze

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