Verkehrtes Marketing

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Zwischen 1920 und 1922 sind die meisten der zukünftigen Mitglieder der Surrealisten-Gruppe schon in Paris versammelt. Sie betrachten sich zu diesem Zeitpunkt allerdings noch als Dadaisten und werden auch als solche wahrgenommen. Der Dadaismus entfesselt jetzt den provozierendsten Krawall, an dem zunächst jeder Künstler teilnimmt, der sich dadurch irgendwelche Vorteile verspricht. André Breton hat zur Namensgebung der Bewegung Folgendes gesagt: "Dieser Name Dada, den einer von uns ihr in einer Laune gegeben hat, hat den Vorzug absoluter Zweideutigkeit...Dada ist ein Geisteszustand...Dada hat keinerlei Wahrheit. Man braucht nur einen Satz auszusprechen und schon wird der gegenteilige Satz Dada." Aha, so ist das also. Bei einer Ausstellung, die Max Ernst mit anderen Dadaisten im Kölner Kunstverein veranstaltet hat, war folgendes Schild am Eingang der entsprechenden Räumlichkeiten befestigt: "Auf Wunsch der Gesellschaft der Künste. Dada hat mit der Gesellschaft der Künste nichts gemein. Dada ist an den Liebhabereien dieser Gesellschaft nicht interessiert." Die Folge dieses Schildes war jedoch, dass sich die Besucher im Dada-Saal drängten und die anderen Abteilungen der Kunstgesellschaft so gut wie unbesucht blieben. Dementsprechend konnte die Ausstellung einen Skandalerfolg verbuchen, der sich schnell bis nach Zürich, Paris und New York herumsprach. Rückwirkend muss also die Verweigerung der Wahrheit, das Verdrehen eines Satzes in sein Gegenteil, die Ablehnung der Teilnahme an einer Form der Gesellschaft und das Desinteresse gegenüber den Liebhabereien dieser Gesellschaft als geschickter Schachzug des Marketings von Dada angesehen werden. Die Konsumgüterindustrie hat diese Form des Marketings bislang jedoch nicht für sich entdecken können, was wohl an der auf Zweckmäßigkeit ausgerichteten Funktion ihrer Produkte liegen mag.

18:30 12.09.2010
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Geschrieben von

Herr Kunze

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