Vom Außenseiter zum Zentrum der Macht

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der Historiker Peter Hoffmann behauptete in einem Interview, das er in der Schweizer "Weltwoche" vom 27. August gab, dass Polen vor Ausbruch des 2. Weltkrieges Nazi-Deutschland "Vorwände zum Angriff" geliefert habe. Tatsächlich seien Gründe vorhanden gewesen, um mit Polen ernsthaft und unter Druck zu verhandeln. So gab es Schwierigkeiten mit dem polnischen Korridor, der Ostpreußen vom übrigen Reichsgebiet trennte, und Danzig stand mit einem 95prozentigen Anteil deutscher Bevölkerung unter internationaler Aufsicht des Völkerbundes. Doch nach Hoffmann agierten die Polen gestützt durch eine Beistandserklärung der Westmächte "widerspenstig" und sahen keinen Grund mehr, mit dem deutschen Außenminister Joachim von Ribbentrop einer diplomatischen Lösung dieser Fragen den Vorzug zu geben. Das "Dritte Reich" war mit einem nicht völlig abwegigen Anliegen diplomatisch ausgebremst worden und hatte sich fortan entweder damit oder aber mit der Aussicht auf einen Europäischen Krieg abzufinden. Hitler spekulierte in diesem Fall fatalerweise auf einen Bluff der Engländer. Sicher war der "brutale Krieg" in Hitlers irrationalem Gefühlskosmos in verbrecherischer Manier seit seinen frühesten politischen Ambitionen schon immer verankert gewesen, nur stellt sich die Frage, inwiefern es in logischer Kausalität auch ein Krieg der Wehrmacht und der deutschen Bevölkerung werden konnte, denn alleine hätte er ihn nicht führen können. Bei der Gedenkfeier zum 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf Polen an der Westerplatte bei Danzig hat sich die Bundeskanzlerin Angela Merkel uneingeschränkt zur deutschen Verantwortung bekannt. Dieses mag ihr vergleichsweise "leicht" gefallen sein, da die Bundesrepublik Deutschland als demokratischer Rechtsstaat nach westlicher Prägung mit Wohlstand und dauerhaftem Frieden im Unterschied zu ihrer "Vorgängerversion" der Weimarer Republik ungleich glimpflicher aus einer Kriegsniederlage hervorgegangen zu sein scheint, sieht man von der frührern deutschen Teilung samt sozialistischer Zwangsherrschaft ab. Wobei Merkel stellvertretend die Verantwortung jener politischen und wirtschaftlichen Eliten nicht übernehmen kann, die Hitler ermöglicht hatten: Bezeichnenderweise stellt Roger Köppel die immer noch frappierende und beängstigende Frage, wie es möglich gewesen sei, dass Hitler aus dem Nichts kommend in einer Gesellschaft der Junker und Professoren in einem hoch kultivierten und durchaus modernen Rechtsstaat ins Zentrum der Macht vordringen und sich vor allen Dingen dort nachhaltig behaupten konnte. Tatsächlich schien dem Beamtensohn aus dem österreichischen Braunau das Stigma eines Außenseiters von Anfang an in die Wiege gelegt zu sein. Seine durchschnittlichen schulischen Leistungen und Teilnahmslosigkeit am Unterricht versprachen dem stets versetzungsgefährdeten Eigenbrötler, der sich auf einem Klassenfoto in der Pose des verklemmten Hochmuts von seinen Kameraden separierte, kaum die Aussicht auf einen gesellschaftlichen Aufstieg. Im Alter von 16 Jahren wandte er bei der ersten Gelegenheit dem von ihm verhassten Schulbetrieb den Rücken zu und verließ die Realschule bei Steyr, um sich im Haushalt seiner Mutter in Linz versorgen zu lassen, wofür die Waisenrente und der Nachlass des Vaters ausreichten. Es folgten Tage des Nichtstuns und der Fantasterei von einem Künstlerleben, das mit inbrünstigen Besuchen von Theater- und Opernaufführungen begleitet wurde. Stets achtete der hagere, blässliche und apathisch wirkende junge Hitler auf seinen übertrieben pedantisch dandyhaften Kleidungsstil, der ihm trotz der Exzentrik und Entwurzelung seiner Lebensführung einen quasi "aristrokratischen" Flair geben sollte. 1907 bestand er die Aufnahmeprüfung an der staatlichen Akademie der bildenden Künste in Wien nicht. Zwar gestand ihm die Prüfungskommission ein gewisses Talent zu, jedoch ließen seine Zeichnungen durch den Mangel an Porträts keine Eignung zum Maler erkennen. Auch hier hatte ihm sein sozialer Isolationismus einen Strich durch die Rechnung gemacht, da er in der Abgeschiedenheit seiner künstlerischen Sphäre vorwiegend beim Abzeichnen von Brücken, Häuserfassaden oder Denkmälern im stillen Dialog mit sich selbst die Auseinandersetzung mit einem leibhaftigen Modell vermied. Für einen Studiengang zum Architekten fehlte ihm jedoch das Abitur. Sein Leben in Wien war folglich durch die frivole Hybris eines Bohemians geprägt, die ihn zweitweilig in einem Männerwohnheim Unterschlupf suchen ließ. Zu jener Zeit war das Wiener Stadtbild durch das Vielvölkergemisch der kaiserlichen und königlichen Doppelmonarchie stets ein Schmelztiegel ethnischer Konfliktherde, so dass die jüdischen Bürger trotz ihrer Versuche der Assimilierung oftmals Außenseiter blieben. Und in dieser Kaiserstadt war Hitler die bedeutungsloseste und unscheinbarste Randgruppe überhaupt: Ein Außenseiter unter Außenseitern hatte für sich jedes Recht auf ein gesellschaftliches Zugehörigkeitsgefühl verspielt. Dabei behauptet der Hitler-Biograf Joachim Fest, in Wirklichkeit seien dem Zwanzigjährigen die bürgerliche Welt und ihre Wertvorstellungen nie fraglich geworden, deren Zurückweisung er trotz aller tief empfundenen Kränkungen nicht in deren Verneinung sondern stattdessen in das gesteigerte Verlangen nach Aufmerksamkeit und Anerkennung verdrehte. Die für ihn prägenden Jugendjahre eines Ausgeschlossenen und Gescheiterten bildeten somit den Grundstock seiner persönlichen Radikalisierung, um es mit dem Pathos eines "verkannten Genies" irgendwann allen heimzahlen zu können. Auch im 1. Weltkrieg setzte sich sein asozialer Separatismus weitgehend fort, der allerdings dadurch kaschiert werden konnte, dass er sich als Meldegänger zwischen den Schützengräben mit der hoffnungslosen Chuzpe und Kaltblütigkeit eines sozial Unverträglichen trotzdem behaupten konnte, ohne einem anderen Menschen dabei zu nahe kommen zu müssen, so dass seine Tapferkeit gegen Kriegsende mit dem "Eisenern Kreuz 1. Klasse" belohnt wurde (was für einen einfachen Gefreiten eine ungewöhnlich hoch dekorierte Auszeichnung war). Insgesamt dürfte dieses Kriegserlebnis für Hitler also auch eine "befreiende" Wirkung gehabt haben, da er doch eine gewisse soziale Nützlichkeit unter Beweis stellen konnte, zu der er im alltäglichen Leben nicht imstande gewesen wäre. Er hatte gelernt, dass seine soziale Unbeholfenheit und Inkompetenz, sein nahezu gesellschaftlicher Autismus der geeignete Nährboden für seine später bis zur Perfektion betriebene Selbstinszenierung zum messianischen und charismatischen Anführer waren. Da er seine politische Laufbahn oftmals selber als alchemistisches "Kunststück" empfunden haben muss, wie er aus dem Nichts kommend an der Schwelle zum Olymp der größten Staatsmänner seiner Zeit stand, scheint es nur nahe liegend, dass er nach der Besetzung den Rheinlandes im Jahr 1936 höhere Mächte im Spiel wähnte, als er vor jubelnden Menschenmengen verkündete, er gehe mit traumwandlerischer Sicherheit den Weg, den die Vorsehung ihn gehen heiße. Der Hang der Nationalsozialisten zum Okkultismus kann daraus ebenso abgeleitet werden wie die oft hilflosen Versuche Hitlers, sich in den letzten Kriegsjahren den Ausgang von besonders wichtigen Schlachten von einem Wahrsager anhand der Konstellationen der Gestirne vorhersagen zu lassen. Als die Deutsche Wehrmacht am 16. Juni 1940 binnen kürzester Zeit den Angst-Gegner Frankreich vor den Toren der französischen Hauptstadt niederrang, schienen auch die stärksten Zweifel an der Unfehlbarkeit und taktischen Überlegenheit des "Führers" ausgeräumt. Selbst die Generalität konnte sich der Unfassbarkeit eines solch triumphalen Husarenstreichs nicht mehr verwehren und huldigte ihrer Obersten Befehlshaber zum Feldherren in den historischen Dimensionen von Alexander dem Großen bis Napoleon. Die Woge militärischer Erfolge hatte all jene Spuren im Sande verwischt, die Hitlers eigene Herkunft noch bezeugen konnten, die aber nichtdestotrotz die Grundlage seines Erfolges ebenso wie seines Niedergangs bildeten: Seine ursächliche Alienation mit fast allen Gesellschaftsschichten, die ihn letztendlich überall fremd machte. Dieselben Generäle sollten im Russland-Feldzug die kalte und gleichgültige Grausamkeit des Diktators zu sehen bekommen, der ganze Herrschaaren von jungen Offizieren bei der nahezu aussichtslosen und sturen Verteidigung von Frontverläufen zu opfern bereit war. Hier zeigte sich, dass Hitler niemals zu einem integrativen Bestandteil der aristrokratischen und bürgerlichen Führungselite geworden war und selbst seine eigenen Generäle verachtete. Auch im Zentrum der Macht war er immer ein Einsamer geblieben. Nichtmal seine geliebten Autofahrten im schwarzen Mercedes-Benz 770, bei denen die den Wegrand säumenden Menschenmassen ihm frenetisch zujubelten, während er in der offenen Staaskarosserie aufrecht stehend die Begeisterungsstürme auskosten wollte, konnten ihn das vergessen lassen. Die Adrenalin- und Serotoninschübe ebbten ab, kaum dass er dem Fahreug wieder entstiegen war. Aber seine Einsamkeit war nicht darauf ausgerichtet, soziale Netzwerke zu schonen, sondern sie stattdessen zu zerstören. Für Hitler war die Einsamkeit kein Freund, sondern eine Krankheit, deren Auswüchse zu einem lehrreichen und schauerlichen Blutbad für die Menschheit werden sollten. Die innere Andacht hingegen, mit der die Kanzlerin Merkel sich an der Westerplatte bei Danzig dem schweren Erbe der deutschen Geschichte zuwandte, war dabei mehr als eine bloße Formalität, sondern vielmehr auch ein Reifungsprozess in der Auseinandersertzung mit ihrem historischen Widersacher, dessen Amt sie nun bekleidet. Aber auch Merkel sollte wissen, dass ein fahrlässiger Umgang mit Fantasien nicht jenes Trauma beschwören darf, dem sie selbst gedachte. Sonst wird die Vergangenheit keine solche sein können.

22:40 03.09.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Herr Kunze

Blogger
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare