Was ist neuroliberal: Von Geldmünzen und Äpfeln.

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Der interdisziplinäre Austausch von Wirtschaft und Psychologie ist nicht neu. So verfasste bereits Adam Smith neben seinem Hauptwerk "The Wealth of Nations" eine psychologisch fundierte Abhandlung über das menschliche Verhalten in "The Theory of Moral Sentiments". Im Zuge der Auseinandersetzung dieser Zeit entwickelte sich ein Modell des auf den Prinzipien der Vernunft handelnden wirtschaftlichen Akteurs, der in einer idealtypischen Konstruktion landläufig als "homo oeconomicus" bezeichnet wird. Die klassische Nationalökonomie umschrieb damit den ausschließlich nach wirtschaftlichen Zweckmäßigkeitserwägungen agierenden Menschen, der seinen persönlichen Nutzen rational und eigennützig in einem widerspruchsfreien System von Zielen unter vollständiger Information (Marktangebot und -preise) und deren Konsequenzen (vollständige Voraussicht) maximiert. Spätestens seit dem Jahr 2002 gilt dieses Paradigma von offizieller Seite als infrage gestellt, als erstmalig ein Psychologe, der 1934 in Tel-Aviv geborene Daniel Kahnemann, den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften zusammen mit Vernon L. Smith erhielt. Kahnemann verfasst bereits 1979 einen der wichtisten Aufsätze im Bereich der Behavioural Economics, in dem er die "Prospect Theory" ausformulierte. Grundsätzlich beschäftigt sich die Verhaltensökonomie mit jenen wirtschaftlichen Konstellationen, in denen die wirtschaftlichen Akteure in einen offensichtlichen Widerspruch zu den Prämissen des homo oeconomicus geraten; denn mit den realen Gegebenheiten scheint diese Wunschvorstellung der Ökonomen schon seit längerer Zeit im Argen zu liegen, die darauf abzielte, die komplexe Welt von Geld, Gütern und Dienstleistungen nicht in den "Niederungen" der menschlichen Unzulänglichkeiten verwickelt zu sehen. Da im Zuge der Finanzkrise bestimmte irrationale Auswucherungen selbst für die allgemeine Öffentlichkeit nicht mehr zu übersehen waren, weil beispielsweise Hypothekenkredite aufgenommen wurden, die nicht mehr zurückbezahlt werden konnten, oder noch viel bedenklicher, solche in beträchtlichen Größenordnungen an Schuldner minderer Bonität leichtfertig und unkontrolliert von den Banken vergeben worden sind, erreicht die Debatte um die Verhaltensökonomie somit einen impliziten Popularitätsgrad. Die Verhaltensforschung kann hierbei mit einer Reihe von Studien aufwarten: Dass Menschen sich selbst in ökonomischen Situationen irrational verhalten, wird nach einer Untersuchung der Universität Yale mit ihrer Artverwandtschaft zum Affen begründet, da diese sich bei bestimmten Tauschvorgängen ebefalls irrational verhalten würden; so konnte gezeigt werden, dass das irrationale Verhalten der Kapuzineraffen in einer langen Stammesgeschichte begründet liegt. Der Versuchsaufbau sah vor, dass die Affen Geldmünzen gegen Äpfel tauschen sollten. Einem Äffchen wurden dabei zwei Äpfel für eine Geldmünze angeboten, es bekam aber bei jedem zweiten Tausch nur einen Apfel ausgehändigt. Einem weiteren Äffchen wurde hingegen nur ein Apfel für eine Geldmünze gegeben, jedoch bekam es bei jedem zweiten Tausch einen weiteren Apfel hinzu. Im Durchschnitt haben also alle Äffchen 1,5 Äpfel für eine Geldmünze bekommen, dennoch wurden mit der Zeit jene Angebote bevorzugt, bei denen das Äffchen einen weiteren Apfel hinzu bekam, so dass es das negative Gefühl vermeiden konnte, von den zwei "versprochenen" Äpfeln wieder einen abgeben zu müssen und stattdessen positiv überrascht war, wenn es einen weiteren erhielt. Die Erfahrung also, etwas sicher Geglaubtes doch nicht zu bekommen und damit die negtiven Emotionen der Entbehrung verzerrten die Rationalität der Kapuzineräffchen. Nach Kahnemann neigen Menschen dementsprechend grundsätzlich dazu, die Bedeutung von Veränderungen in ihrem Leben zu überschätzen: "Sie unterschätzen die Schattenseiten, wenn sie an den Erfolg denken, und sie überschätzen sie, wenn sie an ein mögliches Unglück denken. Es kommt immer darauf an, worauf man sich gerade konzentriert, wenn man an die Zukunft denkt." Auf dem Finanzmarkt gilt Kahnemanns "Prospect Theory" als besonders relevant, wenn sie riskante Situationen wie den Kauf oder Verkauf von Aktien reflektiert. Denn nach Kahnemann neigen die Akteure zu Pessimismus und lassen sich stärker von drohenden Verlusten beeinflussen, so dass Anleger und Anlegerinnen sich oftmals zu spät von ihren Aktien trennen, wenn die Kurse fallen, diese aber schon seit Längerem in ihren Portfolios gelegen haben. Konnten die Theorien der Behavioural Economics jedoch für lange Zeit nur mithife von einfachen Experimenten überprüft werden, stehen den Wissenschaftlern nun neurologische Untersuchungsmethoden zu Verfügung, zu denen beispielsweise die funktionelle Magnetresonanztomografie gehört, um die wirtschaftlichen Akteure anhand von Gehirnbildern zu analysieren, welche die Aktivitäten bestimmter Hirnregionen während des Handlungs- beziehungsweise Entscheidungsvorganges aufzeichnen. Mit diesen Hirnscans wollen die Forscher in das Schattenreich des Unbewussten vordringen, gleichgültig, ob es sich um eine Entscheidungssituation bei Wollsocken, Kleiderschränken oder eines Lebenspartners handelt. Diverse Partnervermittlungsagenturen versuchen aus diesem Trend Kapital zu schlagen, wobei sie ihre Kunden auf der Grundlage eines "neuronalen Profils" bestmöglich bei der Partnervermittlung beraten wollen. Bereits der Soziologe Edvard Wilson hat in seinem Spätwerk "Die Einheit des Wissens" deutlich gemacht, dass erst eine physikalisch fundierte Biologie zur "Königsdisziplin" werden könnte, so dass insbesondere die Hirnforschung zur Erklärung individuellen und sozialen Verhaltens prädestiniert sein müsse. Nach Wolf Singer, dem Direktor des Max-Planck-Instituts für Hinrforschung in Frankfurt am Main, ist dementsprechend immer klarer geworden, dass Verhalten (sowie Verhaltensstörungen) wesentlich durch die "funktionelle Architektur" des Gehirns bestimmt werden und somit dem Einfluss der Gene sowie den frühen Prägungen ausgesetzt sind. Für das Weltbild des homo oeconomicus sind also unlängst düstere Zeiten angebrochen: Nicht er entscheidet als souveränder wirtschaftlicher Akteur, sondern sein Gehirn liefert vielmehr bestimmte Vorgaben, deren Exekutivorgan er selbst dann ist. Dabei bleiben ihm die "wirklichen" Entscheidungsprozesse verborgen, und oftmals bleibt ihm nur noch die Maskerade der eigenen Beweggründe, die sein Verhalten im besten Fall zwar sozialverträglich rechtfertigen können, aber nicht mehr zu dessen Ursachen zählen. Somit entpuppt sich der von den Psychologen vorbereitete und den Hirnforschern durchgeführte "Sprung" ins Unbewusste und Triebhafte nicht zuletzt als Demontage des homo oeconomicus; dass Bewusstsein, Rationalität und Verstand so wenig Herr der eigenen Entscheidungen sind, erschüttert dabei nicht nur den Glauben an die Vernunft, sondern vor allen Dingen den Glauben an die freien Märkte, der auf dem Postulat der Rationalität aller beteiligten Akteure basiert. Der homo oeconomicus scheint nach einer langen Reise seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert heute in den "Exzessen" der Realwirtschaft angelangt zu sein; er wollte liberal sein, wurde dann als neoliberal neu erfunden und konnte aus dem Blickwinkel der Neuroökonomie nur neuroliberal werden.

21:36 19.05.2009
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Geschrieben von

Herr Kunze

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