Was kann am guten Leben gut sein?

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Der "Klassenkampf" hat sich von den Produktionsstätten zur Peripherie von Urlaubsdestinationen und Feriendomizilen hinverlagert. Wer zur Hautevolee dazu gehören will, sollte eines haben - und wenn schon kein reales, dann zumindest eines in der Wunschform, damit denjenigen der "Sozialneid" gezollt wird, die ihren Wohlstand gerne zur Attitude der Selbstgefälligkeit anschwellen lassen wollen. Denn ein vierblättriges Kleeblatt kann kein Glück mehr bringen, wenn eine ganze Wiese voll davon ist. Ebenso könnte ein Feriendomizil in Kampen nicht mehr glücklich machen, wenn es dasselbe wäre wie in Wenningstedt-Braderup oder Munkmarsch. Moderne Städteplaner, Bauinvestoren und Reiseveranstalter haben unlängst die Prinzipien der Markenwerdung verinnerlicht. Dabei sind bestimmte Ferienorte zu "Marken" geworden, die dementsprechend von den Immobilienmaklern als solche vermarktet und von der "verschwägerten" Presse hoch gejubelt werden. Das Ergebnis sind in astronomische Höhen steigende Preise in den entsprechenden "Lagen", über die man sich nicht mehr wundern muss. Es spielt dabei keine Rolle, dass in St. Moritz derselbe Schnee fällt wie im einige Kilometer weiter entfernten Zuoz. Oder dass das Sonne-Wolken-Licht-Schatten-Spiel am Himmel über Kampen dasselbe ist wie im ein paar Kilometer weiter entfernten Dänemark. Der Markenhype hat die Tourismusbranche damit unlängst in seinem Griff: Die Schilderungen der Superlative fungieren als gestanzte "Kapriolen" des Marketings, deren Salto inmitten ihrer Drehung in der Luft eingefroren zu sein scheint. Da urteilt man sehr schnell über ein Klischee, dessen dazu gehöriges Leben man möglicherweise gar nicht erst kennen lernen wollte, wenn es dieses Klischee gar nicht gäbe. Immer häufiger werden daher auch entlegenere Urlaubsortschaften aufgesucht, deren regionaler Nationalismus zu einem Schutzwall vor der Überschwemmung durch den Massentourismus geworden ist. Und die vor Ort ansässigen Dienstleister können oftmals mit ihren luxuriösen Pendants mithalten: Vom frittierten Fisch bis zur Austernsuppe wird vergleichbare Qualität angeboten. Damit wird ein wesentliches Kriterium der subjektiven Wertlehre deutlich, die ganz im Widerspruch zur objektiven Wertlehre nach Karl Marx steht: Nicht alle Menschen wollen das Gleiche. Und dieses scheint zu den schlüssigsten Grundlagen zu gehören, warum jede Form der zentralen Planwirtschaft schon in ihrer Konzeption zum Scheitern verurteilt sein musste. Denn die individuellen, subjektiven und unterschiedlichen Präferenzen entstehen immer zuerst am Ort ihres Ursprungs. Der Staat muss Regeln aufstellen und kann Stimulanzen wie Subventionen und Steuersenkungen liefern, aber er kann den eigentlichen Prozess der Präferenzbildung nicht substituieren.

19:35 25.08.2009
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Geschrieben von

Herr Kunze

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