Wiedeking stellt die Macht-Frage

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Die journalistische Berichterstattung um die Personalie des Porsche-Managers Wendelin Wiedeking sorgen dieser Tage eher für Konfusion als für Klarheit. So hatten unter Anderem Spiegel online und die "Wirtschaftswoche" berichtet, Wiedeking solle als Vorstandsvorsitzender der Porsche AG vom Mitte-40-jährigen Produktionsvorstand Michael Macht abgelöst werden. Postwendend wurde in einer Pressemitteilung des schwäbsischen Autobauers vom 17.07 die angebliche Ablösung Wiedekings durch Uwe Hück, dem Konzernbetriebsratschef und stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden von Porsche, als gezielte Falschmeldungen scharf zurückgewiesen. Dieser polterte weiter, vielmehr wolle der niedersächsiche Ministerpräsident Christian Wulff das Unternehmen runterreden, um sich danach selber billig einzukaufen und Einfluss zu nehmen. Denn das Land Niedersachsen hat mit 20 Prozent aufgrund des VW-Gesetzes eine Sperrminorität bei den Wolfsburgern. Der ehemalige Profithaiboxer Hück sagte der "Bild am Sonntag" zu einer Übernahme durch VW weiterhin, mit Polo-Teilen könne man keinen Porsche 911 bauen. Und die Mitarbeiter von Porsche planen für den Fall der Abwehrschlacht einer feindlichem Übernahme durch VW bereits Werksschließungen in Zuffenhausen und Weissach sowie befristete Streiks. Wiedeking bläst selbst zum Gegenangriff und bietet dem harschen Gegenwind aus Niedersachsen die Stirn: Sein Vertrag bei Porsche laufe bis 2012, und er wolle ihn auch erfüllen. Rückendeckung erhält er dabei ebenfalls von Porsche-Aufsichtsratschef und Anteilseigner Wolfgang Porsche, gleichwohl dieser über Wiedekings Finanzdesaster in Sachen VW-Übernahme enttäuscht war. Ungeachtet dieser verbalen Scharmützel scheint sich jedoch herauszukristallisieren, dass Wiedeking sich mit seiner Vision überhoben hat, Europas größten Autobauer zu übernehmen. Dabei gab sich der joviale Automanager, der optisch mit seinem Schauzer, der Nickelbrille sowie dem wenig dezenten Doppelkinn neue Maßstäbe als Stereotyp des kleinbürgerlichen Aufsteigers gesetzt zu haben scheint, noch Anfang des Jahres auf der Hauptversammlung von Porsche siegesgewiss: Man werde das Glück des Tüchtigen brauchen und deshalb an Volkswagen dran bleiben. Bald aber summierten sich die Nettoschulden des Konzerns auf ca. 9 Mrd. Euro, die mit hohen Zinszahlungen zu Buche schlagen. Weiterhin geraten die Stuttgarter wegen den weltweit schwachen Automärkten zunehmend unter Druck. Dabei hatte Porsche gerade zuletzt nach nur 7 Monaten Bauzeit ein neues Autohaus am Berliner Stadtrand eingeweiht, das Porsche-Zentrum in Berlin-Potsdam in Kleinmachnow (Brandenburg). Doch Wiedekings Hoffnungen auf die Beschaffung von Eigenkapital im Wege einer Kapitalerhöhung mit Porsches Anteilseignern und dem Emirat Katar zerschlagen sich derzeit am strategischen Wankelmut der Finanzmarktakteure, da Katar nun seinerseits Interesse gezeigt hat, bei VW einzusteigen. Wiedeking selbst hingegen winkt wegen seiner weiteren Vertragslaufzeit von 3 Jahren eine unverdient hohe Abfindungszahlung in Höhe von 100 Mio. Euro, sollte er jetzt gehen. Wer eine solche als angemessen betrachtet, scheint die Debatte um die Managergehälter während der Finanzkrise verpasst zu haben, zumal Wiedeking sich wegen seines Scheiters bei der geplanten VW-Übernahme nicht besonders darum verdient gemacht hätte. Umgekehrt ist aber auch die Übernahme von Porsche durch Volkswagen nicht in trockenen Tüchern, da noch zahlreiche finanzielle, personalpolitische sowie steuerrechtliche Aspekte ungeklärt sind. Und Wiedekings vorzeitige Amtsniederlegung scheint weiterhin erheblich dadurch infrage gestellt zu sein, dass ein abrupter Wechsel an der Führungsspitze erhebliche Probleme für Porsche mit sich bringen könnte; denn die heiklen und komplizierten Finanzgeschäfte, mit denen in vergangenen Jahren gutes Geld verdient worden ist, hängen dem Unternehmen nun wie ein Mühlstein um den Hals, und niemand scheint in das komplexe Wirrwarr so dezidierte Einblicke zu haben wie Wiedeking selbst und sein Finanzvorstand Holger Härter. Das ändert natürlich nichts daran, dass Porsche dringend frisches Geld braucht. Ob aber VW wirklich eine weitere Sport- und Geländewagenmarke in sein Sortiment aufnehmen muss, wäre eine ganz andere Frage. Vielleicht ist es nur die Zerrissenheit eines Ferdinand Piech, der immer zwischen zwei Unternehmen stand und nun in einer patriachalischen Forderung nach "familiärem Gehorsam" diesem Lebensthema habhaft werden möchte.

15:27 22.07.2009
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Geschrieben von

Herr Kunze

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