Deutsches Erbe – Togos Misere

Koloniale Verantwortung In Togo fordern die Menschen das Regime heraus, Deutschland schweigt dazu. Dabei steht der deutsche Kolonialismus in unmittelbarer Kontinuität mit der heutigen Misere.
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Vor etwa dreißig Jahren begannen forsche Mitglieder akademischer Zirkel neue Ideen über die Aufarbeitung des kolonialen Erbes an westlichen Universitäten zu testen. Unter dem Schlagwort „Postkolonialismus“ wurden diese auch in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert. Um in Deutschland eine Diskussion über koloniale Verantwortung außerhalb von Seminarräumen führen zu können, war der Begriff vom „Genozid“ nötig – um dessen Anwendbarkeit auf das koloniale Namibia es zynische Spiele zu bestaunen gab und immer noch gibt. In den letzten Wochen kommt die Debatte um das Humboldt-Forum hinzu, in der es um die Frage geht, ob bzw. wie scheinbar ausschließlich kulturelle Objekte, die unter kolonialen Bedingungen nach Berlin gelangten, ausgestellt werden können.

Diese Debatten sind wichtig und überfällig – ihnen fehlt aber eine wichtige Komponente: Die der politischen Kontinuität deutscher Kolonialherrschaft. In Togo, Deutschlands einstiger und angeblicher Musterkolonie ist diese Kontinuität im Moment leider allzu präsent: Eine Mehrzahl der Menschen leidet unter hohen Preisen für all das, was zum Leben nötig ist und unter niedrigen Preisen für all jenes, was auf internationalen Märkten zu verkaufen wäre. Das Regime, das diesen für viele aufreibenden, für manche tödlichen Zustand verwaltet, steht in diesen Tagen im Auge eines Sturms öffentlicher Entrüstung. In Deutschland erfährt man kaum davon, dass sich die Menschen zu Hunderttausenden unter einer zum ersten Mal vereinten Opposition versammeln und friedlich aber laut gegen den Mann aufbegehren, dessen Vater vor 50 Jahren als erster Putschist in Afrika „erfolgreich“ eine demokratisch gewählte Regierung gestürzt, den Präsident getötet und sich selbst an der Macht einbetoniert hat.

Was aber, so die berechtigte Frage, hat die deutsche Kolonialpolitik damit zu tun? Ist der deutsche Kolonialismus nicht schon seit 100 Jahren Geschichte?

Zur Erinnerung: Es waren deutsche Unterhändler, die mit einem kaum autorisierten und zum König hochgelobten Würdenträger aus einem kleinen Ort an der Lagune einen „Schutz-“vertrag geschlossen haben, deutsche Politiker, die sich im Kuhhandel mit den Franzosen einige Kilometer Küste dazugetauscht haben, und deutsche Pioniertrupps, die im Wettlauf mit Briten und Franzosen die Grenzen gezogen. Allein die Tatsache, dass Menschen, die Familienmitglieder 50 Kilometer entfernt besuchen wollen, zwei Grenzen überqueren müssen, zeigt, wie bizarr die Situation bis heute ist. Die Festigung der Grenzen im Norden wird aktuell gar durch ein Programm der deutschen Botschaft unterstützt. Doch nicht genug mit kolonialer Schaffung von Fakten mit Folgen: Es waren deutsche Polizeitruppen, die die Menschen gewaltsam mit den neuen Herrschern und ihrer Vorstellung von Machtausübung vertraut gemacht haben und es waren deutsche Kolonialpolitiker, die die Menschen, die fortan Togoer genannt werden sollten, geteilt und je nach Region mit speziellen Aufgaben betraut haben. Im Norden wurden – auch von den Franzosen, die nach 1914 die Verwaltung Togos übernahmen – fortan vor allem (Zwangs-)Arbeiter und Soldaten bzw. Polizeikräfte rekrutiert, im Süden, wo schon einige Jahrzehnte bevor die kaiserliche Fahne gehisst wurde, deutsche Händler auf eine mit der europäischen Schriftkultur vertrauten Händlerklasse trafen, wurden insbesondere Verwaltungsspezialisten rekrutiert.

Die Grundlagen dafür, nach welchen Parametern auch ein nachkolonialer Staat zu machen ist, wurden also maßgeblich von Deutschen bestimmt. Das gilt nicht nur für Deutsche und nicht nur für Togo, hier aber lohnt es sich in diesen Tagen genauer hinzusehen: Jener Kleinstaat, der 1963 in den Status einer formal unabhängigen Nation wechselte, hatte in Sylvanus Olympio einen visionären ersten Präsidenten. Der Neffe eines Wortführers des ersten antideutschen Protests war sich der Mammutaufgabe allzu bewusst, die er vor sich hatte: Er würde eine Nation gestalten müssen, die bisher nur aus Grenzen bestand, die Menschen mit gemeinsamer Sprache und Kultur voneinander trennte und solche, die weder sprachlich noch kulturell oder politisch viele Gemeinsamkeiten hatten, verband. Und deren „Regierungsweise“ vor allem durch Brutalität gekennzeichnet war. Er besaß die Chuzpe, koloniale Grenzen zur Disposition zu stellen und eine neue Währung zu zimmern – beides wussten die (ehemaligen) Kolonialmächte zu verhindern. Und er hatte die visionäre Kraft, einen Staat ohne Armee zu erdenken und sich damit weit aus dem kolonial vorgegebenen Muster herauszubewegen, das den neuen Nationalstaaten Afrikas als Blaupause dienen musste.

Diese Vision eines militärfreien Staates wurde Olympio zum Verhängnis, als er von einem Angehörigen der Kolonialarmee ermordet wurde, der um seine Weiterbeschäftigung im nachkolonialen Togo fürchtete. Das neue Regime, dem jener Militär mit Namen Eyadéma Gnassingbé als Präsident vorstand, ließ man gewähren. Und seine von Gewalt geprägte Herrschaft wurde gar legitimiert: Franz-Josef Strauß wurde zum Freund Eyadémas, gratulierte ihm 1984 zu hundert Jahren deutsch-togolesischer „Freundschaft“ und seine bayrischen Spezis wurden einflussreiche Handelspartner. Deutschland verpasste also bereits schon einmal die Möglichkeit, zumindest einige wenige koloniale Strukturen zurückzubauen.

Heute, wo Eyadémas Sohn Faure Gnassingbé – 2005 kurze Zeit nach dem Tod des Vaters vom Militär auf dessen Sessel gehoben und pseudodemokratisch legitimiert – den Unmut der Menschen fürchten muss, haben es diese protestierende Frauen und Männer verdient, dass wir ihnen zur Seite stehen. Weil wir die historische Lektion verstanden haben und zu unserer Verantwortung stehen.

Die deutsche postkoloniale Debatte muss neben den Diskussionen zur Übernahme von Verantwortung für den Genozid an Herero und Nama und zum Umgang mit kolonialen Objekten ergänzt werden. Um eine Diskussion darüber, inwiefern die Erschaffung des kolonialen Togo und dessen Beherrschung mit der aktuellen politischen und wirtschaftlichen Misere zusammenhängt. Und wie deutsche Politik und Zivilgesellschaft damit umgehen können. Zu den Demonstrationen und deren Motivationen zu schweigen, darf keine Lösung mehr sein. Ein Ende des Schweigens schulden wir nicht nur den Menschen in Togo, sondern auch dem Andenken Sylvano Olympios, jenem von Deutschland im Stich gelassenen visionären Staatsmann.

13:11 02.10.2017
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Geschrieben von

Florens Eckert

Geschichte Afrikas, Uni Bayreuth
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