Der auf den Begriff gebrachte Mensch

Homo-Ehe Günther Lachmann über die "Homo-Ehe"
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Im Deutschlandradio Kultur äußerte sich Günther Lachmann kürzlich über den Widerspruch im zusammengesetzten Begriff der „Homo-Ehe“.

http://www.deutschlandradiokultur.de/gesellschaftskritik-die-homo-ehe-ist-ein-widerspruch-in-sich.1005.de.html?dram%3Aarticle_id=326716

Der Sender empfiehlt im Sinne der Ausgewogenheit diese deutlich unübliche Meinung als Debattenbeitrag im ewigen Kommentar-Einerlei der siegessicheren Befürworter der Ehe-Öffnung.

Tschüss, ihr lauten Beiträger

Sicher: Das Wort hat, wer das Wort ergreift. Der gewünschten Ausgewogenheit dieser Debatte steht allerdings nur dann nichts im Weg, wenn die Beiträge überhaupt taugen. Dieser jedenfalls ist nicht einmal als ernst zu nehmendes Statement der Seite der Ablehner zu nehmen. Andernfalls würden sich die Gegner der Ehe für Alle als argumentlos und unreflektiert ängstlich, oder als verstockt begriffskonservativ und zudem menschenverachtend darstellen. Diese Debatte würden sie also gesellschaftlich praktisch nicht mit gutem Namen überleben. Wir werden es wohl erleben, dass sich noch reihenweise Publizisten, Politiker und öffentliche Zu-Wort-Melder an diesem Thema beschädigen.

Der angestaubte Begriff

Günther Lachmann arbeitet mit einem erstaunlich antiken und angestaubten Begriff davon , was ein "Begriff" überhaupt bedeutet. Wie er sich weigert zu sehen, dass ein Wort nicht nur Zeichenfolge ist, sondern benennend auf ein Konzept verweist, das seinen Sinn nur im Sozialen Raum entfaltet: dort wo die Worte mit Leben gefüllt werden.

Bei Lachmann klingt es so, als ob die Debatte um die Ehe für alle nur über den "Begriff" zu führen und über diesen auch letztbegründend zu entscheiden sei. Grundbedigung ist die definitorische Reinheit des traditionellen Ehebegriffs. Die Zeiten, auf die der Autor sich bezieht, sind Zeiten, in denen die Ehe aber ein extrem sozial überformtes und auf der Grenze zwischen Staat, Kirche, Familientradition usw in ihren jeweiligen Beglaubigungszuständigkeiten extrem unreines, rechtliches, religiöses, gütergemeinschaftliches Konstrukt ist. Die Ehe als Konzept ist eine Mischkalkulation zur umfassenden Absicherung und gegenseitiger Daseinsfürsorge.

Soziale Abmachungen

Wie das bei allen Konstrukten so ist: Sie sind sozial "gemacht" und dürfen nicht durch einen verzweifelten Nominalismus der sozialen Nachkontrolle und Reformierung entzogen werden. Sonst lädt sich der "Begriff" mit einer magischen quasi-Natürlichkeit auf, die jeder Grundlage entbehrt. Dieses magische Begriffsdenken stammt aus der Zeit, als Zauberer und Hexen noch real waren, und Worte keine zufälligen Erfindungen zur Benennung des Inventars der Dingwelt waren, sondern einen invasiven Einfluss auf die materielle Welt hatten. Dass man den Zwang zur Fortführung staatlicher Diskriminierung auf einen gemachten Begriff bringen will, scheint mir mir die pure Argumentlosigkeit zu sein. Ich bin ehrlich gesagt entsetzt von diesem Beitrag. Er offenbart einen Einblick in Denkstrukturen, die sich das begriffliche Mittelalter zurückwünschen.

Traditionen taugen nicht als Argument

Mit dem dahinter stehenden begriffskonservativen Traditionsargument hat es zudem logisch so seine Schwierigkeiten. Jemand, der mit seinen gesellschaftspolitischen Vorstellungen in Leerlauf geraten zu sein scheint, fährt sein letztes Aufgebot auf und schreit: „Das wurde hier schon immer so gemacht, also ist es auch richtig so.“ Stellen Sie sich ein östliches oder südliches Land vor, in dem seit jeher das volle Gegenteil zum Beispiel in Form der Vielehe praktiziert wurde. Wenn ein begriffskonservativer dort auf dem Marktplatz verlautbart „Bei uns war die Ehe immer schon eine Verbindung zwischen einem Mann und vielen Frauen, daher ist das auch richtig so“, dann haben die beiden Traditionalisten ein gewaltiges Problem. Nämlich einen Widerspruch darin, was denn nun als das „natürliche“ gelten könne. Der eine sagt so, weil es schon immer so war, der andere sagt so, weil es schon immer so war. Dann steht Aussage gegen Aussage, und da sichlaut klassischer Aussagenlogik aus einem Widerspruch "beliebiges" folgern lässt, lässt sich dieser Streit mit absurden Konklusionen beenden.

Für jede Kultur ist das Gewohnte das, was gelten solle. Traditionsargumente allerdings sind der Tod einer jeden Argumentation. Genauso wie Autoritätsargumente im Stile von „In der Bibel steht geschrieben…“. All diese Herangehensweisen sind Versuche, das gemachte und damit arbiträre Wort über die Freiheit des Menschen zu stellen. Versuche, das sozial Konstruierte einer sozialen Nachregulation zu entziehen. Dass es dabei aber ziemlich unklug zugeht, zeigen diese Begriffskonservativen über die Wahl ihrer Mittel: den positivistischen Naturrechtsglauben und den absurd angestaubten Nominalismus - wer solche stumpfen Schwerter benutzt, ist eigentlich gar nicht satisfaktionsfähig.

Was ich vermisse ist: Von einem Gegner der Ehe für alle mal mit einem vernünftigen, gut formulierten und sachlich ohne schiefe Vergleiche auskommenden Argument so richtig von den Socken gehauen zu werden, so dass man sagen kann: Sie haben recht, an manche Dinge ist dabei einfach nicht gedacht worden.

Das Problem ist schlicht: Homophobie

Eine funktionierendes Begriffsdenken erkennt, dass „alte Worte“ zeithistorisch perspektiviert und von einer Gegenwart-gestaltenden Politik aktualisiert werden müssen, damit gelebte, zwischenmenschliche Verhältnisse über den Worten stehen, mit denen sie im Nachgang verwaltet werden. Alles andere ist unlogische Wortklauberei im Dienste des schlecht gehüteten Geheimnisses von der latenten Homophobie in der Mitte der Gesellschaft.

14:49 29.07.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

herrcarlo

Notorischer Besserwisser mit philosophischem Background
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