Von der fröhlichen Abschaffung der Freiheiten

Freiheit ist.... ein hohes Gut. Daraus ziehen viele Menschen den Trugschluss, es könne gar nicht genug davon geben. Aber wirkliche Freiheit ist endlich. Welche wollen wir?
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Die Illusion der unendlichen Freiheit hat mehrere Gestalten. Z. B.:

Die liberale Illusion verabsolutiert und verflacht sie zur Ebene. Sie behauptet, Freiheit sei zwischen Menschen so einfach aufzuteilen wie man ein Blatt Papier rastert, und die Freiheit des einen sei eigentlich zugleich auch die des anderen. Sie leugnet, dass die Freiheit, wie alles Geschichtliche, Schichten und Lagen hat, ältere und neuere, dickere und dünnere, ausgedehnte und lokale, schwere und leichte, mächtige und zerbrechliche, dass die neueren Formen meist obenauf liegen und die älteren zusammendrängen, ersticken.

Die linke Illusion macht aus der Freiheit einen Engel der Zukunft, der Erlösung. Danach ist Freiheit etwas, das wir nicht haben, niemand von uns hat, sondern zu dem wir alle erst hinstreben und uns durchkämpfen mit Maßnahmen, die tatsächliche Freiheit zerstören gemäß dem Dogma, dass erst das falsche Leben zerstört werden muss, bevor man auch nur auf das richtige hoffen kann. Die Freiheit der Linken ist schöne Illusion dadurch, dass sie stets am Horizont des Kommenden liegt, sowie dadurch, dass in ihrem Namen alle vom Rückwärts der Geschichte her wirkende Freiheit als Illusion "entlarvt" wird.

Die wissenschaftliche Freiheitsillusion ist eine negative. Sie erklärt die Freiheit insgesamt zur Illusion. Es ist Sinn und Antrieb jeder Wissenschaft, Zusammenhänge restlos zu kausalisieren. Die Konkurrenz ihrer Erklärmodelle versucht, jedes Akzidens, allen Schaum und trüben Rest, zurückzudrängen. Die Quantentheorie wäre vielleicht eine Ausnahme davon, aber eben nur eine Ausnahme. Insbesondere die unentgültigen Wissenschaften vom Menschen haben keine andere Existenzberechtigung als die, Freiheit wegzuerklären. Je systematischer, umso gründlicher.


Wirkliche Freiheit ist endlich. Freiheit ist Macht, Befreiung Selbstermächtigung oder das Gewähren ihrer Möglichkeit. Nutzt man diese, so wird man frei. Nutzt man sie nicht, verklärt man als Freiheit eine bequeme Abhängigkeit. Macht verfügt über Mittel. Mittel jeglicher Art sind endlich, vielleicht mit Ausnahme des Geldes, des Mittels zur Vermittlung der Mittel. Freiheit lässt sich nicht beliebig vermehren. Die einen Freiheiten verdrängen die anderen, ersticken sie oder zermalmen sie oder löschen sie aus. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit und die Berechtigung, zu entscheiden, welche Freiheiten wir haben und gewähren wollen und welche nicht.

Es ist notwendig, sich über die Freiheit im Modus ihrer Einschränkung zu verständigen. Es ist auch gerechtfertigt, weil dieser Gestus der Einschränkung längst nicht mehr Ausdruck eines dogmatischen und verabsolutierten Recht-und-Ordnungs-Sinns ist, sondern heute im Gegenteil die schrankenlose Willkür, die möglichst unendliche Freiheit, dogmatisiert und zur reinen Scheinfreiheit verselbstgerechtfertigt ist.

Wir sollten uns zur fröhlichen Abschaffung von Freiheiten bekennen. Nie war die Gelegenheit dafür besser oder die Notwendigkeit dringender als im Moment der Besinnung auf die ökologische Endlichkeit.

Werden wir zu Nordkoreanisten und Südkoreanisten. Oder spalten wir uns in die Fraktionen der vergeistigenden Kulturvölker und der alles verfressenden Barbaren. Oder in die Bewegungen der asketischen Protestanten und der Konsumkatholiken. Erheben wir uns als menschliches Leben zum Beispiel gegen die Herrschaft der totalmotorisierten Teilroboter unter uns. Gründen wir Mangelreligionen. Vergöttern wir die Schönheit, zum Beispiel die unter dem unendlichen Schutt des hässlichen Protzens vergrabene Baukultur oder die vom unendlich sinnlosen Maschinendröhnen vertriebene Stille oder die vom unendlichen Mobilitätszwang zerfahrenen Landschaften und Räume oder die vom billigstgekleideten Reichtum der unendlichen Konfektion vernichtete Eleganz.

Bekennen wir uns zu der gewohnheitsmäßigen Frage: Warum darf der das?
Stellen wir angesichts jeder Freiheit die Frage: Wer zahlt den Preis dafür?
Hören wir auf, schicksalsergeben hinzunehmen, dass jedes Dürfen sich selbst immer schon dürfen muss.

12:23 05.04.2021
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