Der erste Mann im Leben eines Mädchens

Väter und Töchter Ein Drittel aller Mädchen in Deutschland werden sexuell missbraucht. Der Großteil der Täter kommt aus dem unmittelbaren familiären Umfeld.
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Das ist für den Vater eines Mädchens mit besonderer Verantwortung verbunden, denn er ist der erste Mann im Leben seiner Tochter.

Es geht nicht darum, Spontaneität und Zärtlichkeit aus der Vater-Tochter-Beziehung heraus zu halten. Auch und gerade wenn die immer wieder aufkommende Diskussion um Kindesmissbrauch zu Verunsicherung bei den Vätern führt. Es geht um Bewusstheit und Achtsamkeit des Vaters im Umgang mit seiner Tochter. Und das beginnt bei vielen alltäglichen Kleinigkeiten und Gewohnheiten.

Einer der wichtigsten Aspekte ist für mich, ein „Nein!“ oder ein „Lass' das!“ meiner Tochter zu akzeptieren und nicht lachend darüber hinweg zu gehen. Ein Durchsetzen gegen den erklärten Willen der Tochter aufgrund meiner Stärke als Erwachsener und Mann, bereitet den Boden für sexuellen Missbrauch.

Kaum etwas ist so hilfreich beim Aufbau einer vertrauensvollen Vater-Tochter-Beziehung wie die abendliche Zubettgeh-Zeremonie. Auch für den Vater kann das eine entspannende, fast meditative Phase des Abends werden. Kleineren Mädchen werden Lieder vorgesungen, sie werden gewiegt und in den Schlaf geschaukelt. Bei älteren kann es zusätzlich eine Geschichte sein, am besten aus der Kindheit oder Jugendzeit des Vaters. Ein kurzes Gespräch über die schönen Ereignisse des abgelaufenen Tages kann sich anschließen. Probleme und Konflikte müssen im Laufe des Tages besprochen werden, nicht abends. Die immer gleiche Zeit und der immer gleiche Rhythmus erleichtern das zufriedene Einschlafen (manchmal auch des Vaters).

Viele Mädchen empfinden das Herumtatschen an ihnen bei Familienfeiern durch „angeheiterte“ Opas oder Onkel als sexuelle Belästigung, auch das übermäßige Geknutsche von Omas und Tanten kann ähnlich empfunden werden. Dies sind erste Schritte, mit denen Grenzen überschritten werden. Wird das zur Normalität, liegt auch darin ein Wegbereiter für sexuellen Missbrauch. Es ist die Aufgabe des Vaters, hierauf sein Augenmerk zu legen und gegebenenfalls einzuschreiten. Da muss kein Streit vom Zaun gebrochen werden, sondern man kann seine Tochter ja einfühlsam aus so einer Situation befreien und bei späterer Gelegenheit den entsprechenden Erwachsenen darauf hinweisen, dass die Tochter so etwas nicht mag. Vielen Älteren ist die Problematik gar nicht bewusst.

Auch der Vater selbst sollte vermeiden, seine Tochter im Schritt und an der Brust gezielt zu berühren. Das ist natürlich auch abhängig vom Alter des Kindes. Ein Baby kann da anders geschaukelt und geknuddelt werden als eine Pubertierende. Ich habe von Anfang an meine Tochter nicht auf den Mund, sondern nur auf die Wangen geküsst. Irgendwann hat sie gefragt, warum. Die Antwort: „Der Kuss auf den Mund ist den Erwachsenen vorbehalten, die zusammen ein Paar sind.“ Wenn dann mal ein Tochter-Vater-Kuss „verrutscht“, ist das kein Problem, sondern ein Grund zu lachen. Ähnliches gilt für das Popo-Getätschel. Beim nackten Baby kein Problem, aber schon beim Kleinkind sollte der Vater das lassen.

Achtsame Eltern merken rechtzeitig, ab welchem Alter es den Kindern peinlich wird, wenn man vor ihnen nackt herumläuft. Dann sollte man unverzüglich darauf reagieren und wieder etwas schamhafter mit seiner Nacktheit umgehen. Auch hier müssen die Grenzen, die das Kind setzen möchte, respektiert werden.

Was der Vater dann guten Gewissens der Mutter überlassen kann, ist die sexuelle Aufklärung seiner Tochter. Dabei geht es nicht um die Offenheit, mit der er über Sexualität und Geschlecht im Alltag mit Frau und Kindern redet. Ich meine damit die Zeit der Vorpubertät, die erste Menstruation usw. Dass ein Vater weiß, wann seine Tochter „ihre Tage“ hat, halte ich für selbst verständlich, da er dann einfühlsamer auf ihre Verhaltensweisen, ihrer Zurückgezogenheit oder auch ihre Schmerzen reagieren kann.

Wenn der erste Jungmann ins Leben seiner Tochter (und in sein Leben als Vater) tritt, kann er vielleicht seiner Tochter das Verständnis erleichtern, wie so ein Jungmann tickt. Wenn die Vater-Tochter-Beziehung tragfähig ist, wird seine Tochter ihn vielleicht ganz offen danach fragen. Und sie wird – spätestens jetzt – wissen wollen, wie es ihm mit seiner ersten Liebe erging.

Wie der Vater dann mit der Tatsache umgeht, dass es da jetzt einen zweiten Mann im Leben seines Lieblings gibt, ist dann ganz allein sein Problem.

17:45 13.06.2015
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