Die Truppe ist nicht zu retten!

Neue und alte Rechte Eine Replik auf Jürgen Busches Text "Antreten, um die Truppe zu retten" im Freitag vom 11. Mai 2017
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Ist es Unkenntnis oder Ahnungslosigkeit, wenn Jürgen Busche meint, mit einem Wiederaufleben der Wehrpflicht gäbe es durch „erfreulich unsoldatische Bürger“ eine buntere Truppe, die für mehr Transparenz oder „genaueres Hinschauen“ bei der Bundeswehr sorgen könnte?

Dass aus der Zeit der 60er Jahre keine „sexuell-sadistischen Praktiken“ oder Gewaltrituale bekannt sind, heißt doch nicht, dass es sie nicht gegeben hätte! Die Sanktionen für „Verräter“ solcher Praktiken wären heftig gewesen, angefangen von Diskriminierung, Isolierung, Schikanierung, Mobbing aller Arten bis hin zu Arrest aus fadenscheinigen Gründen.

Natürlich muss man die Bundeswehr nach den Vorfällen um Franco A. in Generalverdacht nehmen, denn faschistische Tendenzen sind kein Systemfehler in diesem System von Befehl und Gehorsam, sondern ein zwangsläufiger Bestandteil dieses Systems.

Ich habe Ende der 60er Jahre als Wehrpflichtiger „gedient“ und am eigenen Leib erfahren, was (nicht nur) ein „kleiner“ Unteroffizier an Schikanierungsfantasie entwickelt, um die Lust an der Macht auszuleben, die ihm über seine Rekrutengruppe gegeben wurde. Kein Kompaniechef hätte damals und würde heute so jemanden zurückpfeifen, denn „das gehört eben dazu, da wollen wir mal nicht so empfindlich sein“. Ich habe erlebt, wie Unteroffiziere nachts besoffen rittlings auf Stühlen grölend durch das Treppenhaus der Kompanie gestürzt sind. Und dass „unliebsame“ Rekruten mal nachts unter die kalte Dusche gestellt wurden, gehörte ebenfalls zum Verhaltensrepertoire in der Truppe.

Was für eine Blauäugigkeit, wenn Jürgen Busche meint, Schikanierungen und Demütigungen von Soldaten gehörten in die Verantwortung der Kompaniechefs und, wenn diese versagten, in die Verantwortung der Batallionskommandeure. Franco A. und Komplizen sind Oberstleutnante, das sind Stabsoffiziere auf der Stufe von Batallionskommandeuren! Die hätten sich angesichts solcher Fälle ins Fäustchen gelacht...

Immer wenn seit meiner Bundeswehrzeit weltweit das Militär eines Landes politisch aktiv wurde, „um die Nation zu retten“, ging es nie darum, eine Demokratie zu retten, sondern darum sie abzuschaffen. In meinem Frust darüber hätte ich in meinen dunkelsten Stunden gerne jeden gezwungen, eine Dienstzeit bei der Truppe zu absolvieren, einzig aus der Hoffnung heraus, dass er danach mit einer ausreichenden Portion Hass auf jegliches Befehl-und- Gehosam-System ausgerüstet sei, um sich fortan für jeden kleinen Schritt hin zu mehr Demokratie aktiv einzusetzen.

10:41 12.05.2017
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