Hessisch-Sibirien wird untertunnelt

A 44 Unsinniger Autobahnbau kostet Milliarden
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der zweitlängste Tunnel Deutschlands wird zurzeit in der Nachbarschaft des nordhessischen Städtchens Hessisch-Lichtenau gebaut. Er wird 4,2 Kilometer lang und ist Teil eines „Verkehrsprojektes Deutsche Einheit“, dass unter Federführung des Bundesverkehrsministers Günther Krause (CDU) 1992 verabschiedet wurde. Die Baukosten nur für diesen Bauabschnitt werden zurzeit auf 324 Euro geschätzt. 2014 lag die Kostenschätzung noch bei 250 Millionen Euro.

Insgesamt werden hier auf 64 Kilometer Autobahn dreizehn Tunnel und fünfzehn Brücken für diesen so genannten Lückenschluss zwischen Kassel und Wommen/Eisenach gebaut. Ein Kilometer dieser Autobahn wird den Steuerzahler letztendlich rund 30 Millionen Euro kosten, die Gesamtkosten werden bei 2.000 Millionen Euro liegen. Rund die Hälfte dieser Summe werden die Tunnel und Brücken kosten. In dieser Kalkulation sind die Kosten für Verwaltung und Gutachten noch nicht berücksichtigt. Sie liegen bei zehn bis 15 Millionen Euro pro Kilometer, für diesen „Lückenschluss“ insgesamt also bei weiteren 800 Millionen Euro.

Damit wird dieses Teilstück der A 44 eine der teuersten Autobahnen weltweit sein. Krauses Ministerium schätzte die Gesamtkosten seinerzeit auf 460 Millionen Euro. Es darf vermutet werden, dass hier von Anfang an zugunsten der Autobahn- und Beton-Lobby schöngerechnet wurde. Hoch gerechnet wurde 1992 dagegen die zu erwartende Verkehrsbelastung mit 60.000 Fahrzeugen pro Tag. Aktuelle Schätzungen gehen von 17.000 Fahrzeugen aus. Aufgrund dieser Zahl hätte heute keine Autobahn eine Chance gebaut zu werden. Die Schlussfolgerung des ersten mit der A44-Trassenfindung beauftragten Planungsbüros wurde von Krause und den hessischen FDP-Verkehrsministern ignoriert: der Raumwiderstand der Region sei so hoch, dass ein Autobahnbau nur mit unverhältnismäßig hohem Aufwand möglich wäre.

Die Alternative, drei- bis vierspurige Ortsumfahrungen zu bauen, hätte voraussichtlich rund 300 bis 500 Millionen Euro gekostet und wäre inzwischen bereits fertiggestellt worden. Dieser Vorschlag des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND), statt einer Autobahn Ortsumfahrungen zu bauen, wurde von Politik und Wirtschaft jedoch frühzeitig abgelehnt.

In keiner Kostenkalkulation wurden bislang die laufenden Kosten für Wartung und Instandsetzung berücksichtigt. Durchschnittlich liegen sie jährlich bei 400.000 Euro pro Kilometer Autobahn. Aufgrund der vielen Tunnel und Brücken werden diese Kosten hier erheblich höher liegen, insgesamt also pro Jahr mindestens 30 Millionen Euro erreichen. Dabei ist noch nicht berücksichtigt, dass die Nutzungsdauer der Tunnel aufgrund der geologischen Besonderheiten nur bei 20 bis 40 Jahren liegen wird. Kostenaufwendige Instandsetzungs- und Sanierungsarbeiten werden dann anstehen.

Aufgrund der Tunnel, Brücken und einiger Kurven mit erheblicher Querneigung wird der überwiegende Teil der Strecke auf 80 bzw. 100 km/h geschwindigkeitsbeschränkt sein. Moderne Navigationsgeräte rechnen solche Verkehrswege meist aus ihren Routenvorschlägen heraus.

Seit mehr als zehn Jahren wird an diesem Teil der A 44 gebaut. Wann sie fertig gestellt sein wird, steht in den Sternen. Inzwischen sind durch die Tunnelbauarbeiten erste Kollateralschäden entstanden. Bahnschienen senkten sich, Wohnhäuser zeigen Risse, Anwohner klagen über unzumutbaren Bau- und Fahrzeuglärm. Dass der Bau der A 44 der Tourismusregion Werra-Meissner eher schaden als nutzen wird, darf befürchtet werden.

(Quellen: Hessen Mobil; welt:online „Unglaubliche Posse um teuerste Autobahn der Welt“ 13.03.2013; Dissertation „Modell für eine Lebenszyklusanalyse von Straßentunneln“ (Ruhr-Uni Bochum); Wikipedia „BAB 44“; BUND Hessen)

09:33 27.11.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

hessisch-sibirien

ein Reisender - nicht nur auf dem Weltmeeren
Schreiber 0 Leser 0
hessisch-sibirien

Kommentare