Tablets für alle?

Grundschule 2.0 "Tablets für alle!" ist eine coole Forderung. Vergessen werden dabei die Entwicklungsphasen der verschiedenen Lernalter.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Im Alter von ein bis vier Jahren lernen Kinder durch spielerisches Nachmachen. Dazu brauchen sie eine konkrete Bezugsperson, deren Handlungen sie nachahmen. Typisches Beispiel dafür ist das „Kuchenbacken“ im Sandkasten. Das Imitieren-können ist die Grundlage dafür, dass das Kind die Fähigkeit zu metaphorischen, symbolischen Gedankengängen entwickelt. Ein Tablet wird nicht gebraucht, es wäre kontraproduktiv.

Im Alter von vier Jahren beginnt das Kind, sich mehr und mehr in einer eigenen, von ihm selbst geschaffenen Welt zu bewegen. Es schafft sich ständig eigene neue Welten. Beobachtet man Kinder in dieser Phase, so erlebt man oft, wie sie ganz konzentriert in ihre Spielsituationen vertieft sind, nichts kann sie ablenken. Das intuitive Denken wird trainiert. Immer noch ist ein Tablet als Spielzeug nicht sinnvoll.

Ab dem Alter von ungefähr sieben Jahren beginnen Kinder, die sie umgebende Welt verändern zu wollen. Es geht darum, selbst konkrete Dinge zu erschaffen, z. B. ein kleines Boot oder eine Flöte aus Holz zu schnitzen, echte Plätzchen zu backen, ein Bild zu malen. Vorstellungskraft nimmt konkrete Formen an. In diesem Alter verhindert das Tablet die „handgreifliche“ Auseinandersetzung mit seiner konkreten Umwelt.

Nahezu zeitgleich durchlebt das Kind eine Phase intensiver körperlicher Betätigung, endloses Seilspringen, halsbrecherische Kletterpartien – das Ausprobieren der Fähigkeiten des eigenen Körpers steht auf dem Programm. Dabei geht es auch darum, in sozialen Kontakt zu kommen, das miteinander Spielen durch gemeinsam vereinbarte Regeln zu gestalten. Auch hierbei ist ein Tablet sinnlos.

In all diesen Phasen ist es wichtig, dem Kind zu vermitteln, dass nichts von dem, was es sich erschafft, etwas Falsches ist. Durch das eigene schöpferische Spiel bauen sich Kinder ihre eigene sichere Welt, in der es keine Fehler, keine Urteile, keine Bewertungen gibt.

Wenn wir es versäumen, diese natürlich angelegten Strukturen, Fähigkeiten und Kompetenzen auf einer angemessenen Stufe zu entwickeln, so fehlt uns nicht nur die Fähigkeit zum metaphorischen, symbolischen Denken, wie in Zahlensystemen, Formeln und vielen von uns verwendeten Sprachen. Uns ist es dann auch nicht möglich, unser eigenes Verhalten zu steuern.“ (J. Ch. Pearce)

Kinder mit entwickelter Phantasie brauchen auch keine Zuflucht zu Gewalt zu nehmen, da ihnen eine nahezu unendliche Vielfalt anderer Szenarien zur Verfügung steht. Wenn Kinder kein Vertrauen in ihre eigene Welt entwickeln konnten, betrachten sie die Welt als ihren Feind und bauen Verteidigungsstrategien auf, um sich vor ihr zu schützen.

Ein Kind, das mit dem Tablet als ständigem Begleiter aufwächst, durchlebt all diese Entwicklungsphasen gar nicht, nur zum Teil oder sehr oberflächlich. Denn mit dem Tablet zu spielen, bedeutet im Wesentlichen, immer nur ein und dasselbe zu tun, ein und dasselbe in den Händen zu halten und Programmen zu folgen, die Erwachsene ausgedacht haben.

Ein konkretes Beispiel: Ein Fünfjähriger, der seit seinem dritten Lebensjahr ein Tablet zu seiner Verfügung hatte, machte demzufolge in der Kita nicht mit, antwortete nicht auf Fragen, stellte sich taub, war extrem introvertiert. Er war ein Fall für den Entwicklungspsychologen.

(vgl. http://dersuperpauker.blog.de)

19:09 08.05.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 13

Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community