hest
03.11.2009 | 15:11 1

„Fair Trade Content“ – jetzt!

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied hest

Wenn Medien ihre Zulieferer betrügen oder ausbeuten, dann wehren sich Autoren – völlig zu Recht. Doch auch die Medien-Nutzer sollten ein Wertgefühl für faire Produktionsbedingungen von Urhebern entwickeln – und aktiv darauf drängen.

Also, besonders fett war diese Sau ja nicht, die unlängst durch‘s globale Dorf „Netz“ getrieben wurde. Anlässlich einer Abmahnung wegen Content-Klau eskalierte der Streit zwischen einer couragierten Journalistin und empörten Bloggern. (Wie es dazu kam, sei hier nur verkürzt wiedergegeben: Die freiberufliche Journalistin Eva Schweitzer stellte unlängst bei einer von ihr in Auftrag gegebenen „Schleppnetzfahndung“ im Internet fest, dass ihre Texte zahlreich kopiert und veröffentlicht werden, ohne dass sie dafür Zustimmung gab noch Honorar dafür erhielt. Die Betreiber der betreffenden Webseiten liess sie durch Anwälte anschreiben und ihnen entsprechende Schadensersatzforderungen zukommen. Unter den „Betroffenen“ war auch der Blog „nomnomnom“. Weil dort nicht nur die Überschrift eines bei „Zeit online“ erschienenen (Schweitzer-)Text als Link zu lesen war sondern aus diesem Artikel ganze drei Absätze komplett veröffentlicht wurden (kursiv und schmaler laufend), sollte der Betreiber 1.200 Euro an die Urheberin bezahlen (plus 955 Euro Anwaltskosten). Der „nomnomnom“-Blogger „Philipp“ öffnete sich damit der Blogosphäre und dann ging‘s schnell: Man warf sich gegenseitig erst Unerhörtheit, dann handwerkliche Fehler vor, versuchte sich öffentlich zu verstehen, verstand sich aber nicht richtig und verzog sich in die jeweils eigene Ecke.)

Wer sich für den Staub interessiert, den diese neuerliche „Blogger-vs-Journalisten“-Sau aufwirbelte, oder auch für ihre wilde Route durch das Dorf „Netz“, kann bei „blogs.taz.de“, bei „Spreeblick“, bei „carta.info“, „stefan-niggemeier.de“ und „medial digital“ Texte und viele, viele Kommentare nachlesen. Was aber war und was sagt uns der Anlass, der „die Sau“ überhaupt zu ihrem Galopp angestachelt hat?

Textklau durch Verlage – ein Einzelfall?

Ausgangspunkt für Frau Schweitzers Groll war der von ihr erläuterte Klau ihrer Texte. „Ich stellte fest, dass eine Tageszeitung einen Artikel von mir, für den sie ungefähr 80 Euro bezahlt hat, an sage und schreibe 15 andere Zeitungen verkauft hat, ohne mir Bescheid zu sagen.“ Und ohne sie an den Einnahmen zu beteiligen. Sie beschwerte sich, aber ihr wurde bedeutet, sie könne eine Nachzahlung verlangen, doch dann würde man sie hinauswerfen. Genau dagegen setzte sie sich zur Wehr, und das durchaus vehement – und völlig zu Recht. (Wie un-/glücklich sie in Sachen Blogger-Abmahnung vorgeht ... siehe oben).

Ein Einzelfall? Nun, Texter, Fotografen, Illustratoren und Videojournalisten berichten zur Genüge über diese Praxis, die längst kein „Phänomen“ oder keine „unvermeidbare Begleiterscheinung“ mehr ist, sondern flächendeckende Unart. „Freelens“, 1995 gegründeter Verband der Fotojournalisten, kämpft seit Jahren gegen Verschlechterung von Arbeitsbedingungen und die als Total-Buy-out berüchtigte Praxis, den Fotografen per Einmalzahlung alle nur denkbaren Veröffentlichungsrechte und Lizenzen abzukaufen. Die „Illustratoren-Organisation“, kurz „io“ streitet seit 2002 als Berufsverband ebenfalls gegen diese Ausverkaufs-Praktiken von Verlagen und Agenturen. Und quasi mit seiner Gründung schrieb sich das 2008 gegründete Journalisten-Netzwerk „Freischreiber e.V.“ den Widerstand gegen unlautere Autoren-Abzocke in die Agenda, es gibt eine „Arbeitsgruppe gegen Buy-out“. Und auch Journalisten-Verbänden, wie djv, dju und DFJV ist die Misere um Honorarkürzungen und unmoralische Vertragsangebote alltägllich.

Es ist also generell im Interesse vieler, ja Tausender Medien-Freiberufler, überhaupt aufzudecken – im Fall Schweizer mit Hilfe eines entsprechenden Dienstleisters aufdecken zu lassen – dass Portale, Publikationen und auch Medienhäuser unverhohlen Texte weitergeben oder verkaufen, ohne die Urheber daran zu beteiligen. Hier ist zuallererst nach der Moral solcher Zeitungen, solcher Verlage und Anbieter zu fragen. Finanzkrise hin und Internetprobleme der Medien her, ein Recht auf Ausbeutung gibt es nun mal auch für arg gebeutelte Unternehmen nicht. Geltende Urhebergesetze und den dort geregelten Grundsatz der „angemessenen Vergütung“ hingegen gibt es sehr wohl.

Was geht „uns Leser“ das an?

Meiner Meinung nach zeigt sich an diesem Fall, dass „wir Leser“ oder generell „wir Medien-Nutzer“ nicht nur eine Rolle als Käufer, Gebührenzahler und Flatrate-Surfer haben. Wir müssen uns als Teil des Ganzen sehen und dazu eine Haltung annehmen. Wir müssen uns schlicht und einfach dafür interessieren, woher der Content wohl kommt, den wir da gerade anklicken, lesen, rezipieren und goutieren. Angenommen, die von Schweitzer entdeckte Quote von 16:1 wäre eine Art Durchschnittswert, dann ist auf 15 von 16 Internetseiten „etwas faul“ an dem Content, den wir da sehen und nutzen, ob nun Text, Foto oder Illustration: Womöglich unbezahlt, unterbezahlt, schlecht bezahlt, ungefragt benutzt, dreist gestohlen oder irgendwie zusammengemauschelt. Wie „heisse Ware“ in einer miesen Hehler-Bude.

Gewiss, gewiss, den etablierten Leitmedien mag solch systematische oder flächendeckende Schindluderei niemand ernsthaft unterstellen. Von Zeit bis ProSieben, von WDR bis Spiegel Online erwarten wir ordentlichen Journalismus und ebenso einwandfreien Umgang mit Journalisten. Dafür sprechen die Reputation, die Größe der Häuser, die Beaufsichtigung durch Gremien und Landesmedienanstalten und ein bisschen auch die gegenseitige Beobachtung, weil die Verfehlung des einen Leitmediums immer eine Story für die anderen ist.

Doch wie der Fall Schweitzer zeigt (konkrete Verlags- und Publikationsnamen will sie eventuell noch veröffentlichen) reicht dieses Urvertrauen in seriöse oder etablierte Medien-Institutionen nicht mehr: Auch bekannte Zeitungen, Portale oder Plattformen bedienen sich gerne im großen Topf der vermeintlich kostenlosen Inhalte, ohne ordentlichen Rechte- und Quellencheck, angeblich nichts ahnend, doch in Wirklichkeit fahrlässig. Wenn sie dabei nachweislich Lizenzen verletzen, die Ansprüche der Urheber missachten und sie damit schädigen, dann ist das alles andere als „nachhaltig“. Vielmehr würde so ein schlampiges, ja gewissenloses wirtschaften an einen Begriff aus dem Lebensmittel- und Textilbereich erinnern: „Fair Trade“.

Nach Jahrzehnten ungezügelter Globalisierung entwickelten wir Verbraucher in den westlichen Industrieländern langsam, aber bleibend einen Blick, eine Aufmerksamkeit dafür, unter welchen Bedingungen jene Produkte entstehen, die auf unseren Märkten die Preise drücken. Heute empört uns, wenn Grabsteine in Fernost von Kindern gehauen werden, wir wollen keinen Kaffee von ausgebeuteten Plantagen und boykottieren Teppiche, für die Frauen unwürdig schuften. Alles gut und richtig, so können sich zumindest die Schattenseiten der Globalisierung beeinflussen lassen. Und gewiss sollen auch deutsche Milchbauern vernünftig leben können – gleichwohl finden sich „Fair Trade“-Siegel auf keinem Käse aus, sagen wir mal, Brandenburg. Noch nicht. Oder vielleicht doch schon?

Es geht nicht um einen Generalverdacht, aber die Zeit des General-Urvertrauens ist wohl vorbei

Naja, wo jedenfalls unsere tägliche Dosis Information, die wöchentliche Ration Erhellung oder das Pfund Unterhaltung wirklich herkommen, unter welchen Bedingungen dieser Content entsteht, wie wenig einzelne daran Beteiligte am Ende davon haben, geschweige denn davon leben können, dafür haben wir Verbraucher noch keinen Blick, glaube ich. Klar, auch hier unterstellen wir einer Süddeutschen, der Tagesschau oder heise online per se, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Weil dort ja die Elite der Journaille arbeitet und bestimmt elitär entlohnt wird, ist ja klar. Alles eine Frage des Vertrauens. Das hatten wir ja seinerzeit auch in Esso, Shell und Chiquita.

Wo auch immer sie beginnen mögen, die Praktiken, Content billig produzieren zu lassen und am Ende unfair einzukaufen, erst ein bisschen, dann ein bisschen doller – sie finden statt. Es gibt sie reichlich, die Freiberufler, die schlecht bis miserabel bezahlt werden, die Praktikanten und Volontäre, die für ein Mini-Salär voll mit anpacken müssen. Auch die Auslagerung von Textprodukten ins Ausland klingt zunächst seltsam, ist aber, etwa bei Börsenmeldungen für Wirtschaftsmedien, bereits gängige Praxis von global agierenden (!) Nachrichtenagenturen. Desgleichen der möglichst preiswerte Einkauf bei Agenturen oder Kleinstmedien. Das Kopieren, Verschieben und Klauen käme eigentlich erst als nächstes – findet aber offenbar, angesichts des oben genannten Falls, längst schon statt.

Es ist demnach an der Zeit für Leser, Zuschauer und Surfer, an die Medien, an den Content-Markt, an die Branche, die mit Informationen, Inhalten und „Assets“ handelt, die gleichen Ansprüche und Maßstäbe anzulegen wie an die Lebensmittel-, Textilien-, Möbel- oder Lifestyle-Branche. Uns „Rezipienten“ sollten, ja, müssen jetzt auch Produktionsbedingungen, Honorare und Handelsvorgänge interessieren. Wir müssen hinschauen, prüfen lassen, brandmarken und womöglich auch auf Siegel drängen. 15-facher Betrug an einer Autorin – das sollte nicht hinnehmbar sein. Da zuckt mein kleiner, an Zapfsäulen und Obstregal trainierter „Boykott“-Muskel aber heftig.

Gut, man muss von Verfehlungen nicht nur erfahren, man muss auch sensibilisiert sein, um dann zu handeln. Doch auch hier gibt es ja Erfahrungsschätze. Was in den späten 60er und in den gesamten 70er Jahren viele Mediennutzer lernten und verinnerlichten, nämlich dem niederen Boulevard-Journalismus erst zu misstrauen und ihn dann kritisch zu beobachten (nun ja, einige bekämpften ihn dann sogar auf der Strasse), das müssen wir nun wohl mit den Augen einer erwachsenen Bio- und Öko-Bewegung auf fast jegliche Art von Medien und Journalismus anwenden. Es geht nicht um einen Generalverdacht, aber umgekehrt ist die Zeit des General-Urvertrauens wohl endgültig vorbei.

Wer auf Bio steht wird auch stolz auf seine „Fair Media“-Abonnements sein

Als aufgeklärte, mündige und verantwortungsbewusste Mediennutzer wollen wir für Content, der unfair gehandelt wurde, nicht mehr nichts bezahlen – wir wollen den gar nicht erst haben! Wo kein „Fair gehandelter Content“-Siegel drauf ist, da lassen wir selbst die kostenlosesten Links links liegen. Wo nicht „geprüfte Content Qualität“ drauf steht, diese Seiten wird unser Browser nicht öffnen. Ohne unsere PageViews und Klicks nützen dann auch keine Google-Ads mehr was. Ätsch!

Das gute Gewissen, als aufmerksamer Verbraucher fair bezahlten und auf Güte geprüften Content einzukaufen, wird sich in den Medienhäusern als positive Sogwirkung manifestieren. Wer bewusst mit Bio-Lebensmitteln, -Möbeln und Textilien umgeht und sich damit auch gerne umgibt, der wird auch stolz auf seine „Fair Media“-Abonnements sein. Und an diese selbstbewusste und kaufkräftige Zielgruppe wollen sie ja ran. Na, dann benehmt euch anständig und behandelt eure Freien fair.

OK, wir kennen mittlerweile die Einblendung „Diese Sendung wurde ermöglicht durch Ihre Rundfunkgebühren“. Ist zwar ein netter Ansatz der Gebühreneinzugszentrale (GEZ), meint aber lediglich: „Danke für Ihr Geld. Den Rest machen wir dann schon selbst“. Eben nicht! Viel dringender sind nun Transparenz, sind vertrauensbildende Massnahmen, dass mit den Gebühren, den Abonnements, den Flatrate-Einnahmen, den Telefonier-Spielchen-Einnahmen, den Paid-Content-Umsätzen, ja, mit den Werbegeldern auch ethisch vernünftig umgegangen wird. Damit wir Verbraucher uns reinen Gewissens informieren, unterhalten und vom Alltag ablenken lassen können.

Ich will ja nicht gleich ein Gebot oder eine gesetzliche Regelung für die Angabe von Inhaltsstoffen fordern, das wär‘ ja nun wirklich überzogen. Obwohl … : „Dieser Artikel enthält: eigenhändige Recherchen des Autors (45%), aus Agentur-Meldungen und Fremd-Artikeln teilweise übernommenes (20%) aus Internetquellen abgeschriebenes (12%), gekünstelte Stilverstärker und Fabulierzusätze (6%), Einfallslosgkeit (3%); nicht autorisierte Kürzungen Dritter (14%), brillante Formulierungen (in Spuren).“

Zu den riesigen Nebenwirkungen fragen Sie ... ach, nee, das war jetzt wieder was anderes ;-)

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (1)

aries 06.11.2009 | 12:59

Zu Ihrem Beitrag fallen mir so viele Punkte ein, dass ich fast einen eigenen Blog eröffnen könnte. Ich werde mich jetzt auf eine einzige Anekdote beschränken, auch wenn die eher o.T. ist, aber sei’s drum.

In den späten 70ern hatten wir am Institut ausschließlich britische Tageszeitungen. Für US-Zeitungen fuhr ich alle paar Monate 100 km weit ins nächste Amerika-Haus. Von Lesen konnte keine Rede sein; es war ein Blättern, um halbwegs ein Gespür dafür zu bekommen, was so abgeht.

Um die Jahrtausendwende war ich endlich im Netz und wußte anfangs nicht so recht, was ich damit anstellen könnte. Ich stürzte mich auf das Objekt meiner früheren Begierde, die NY Times. Das Newsletter-Angebot war nicht zu übersehen: sorgfältige Zusammenfassungen aus den Ressorts, die ich vorher angekreuzt hatte. Durch einen Klick landete ich direkt auf dem Artikel. So las ich denn zeitgleich gegen halb zwölf mit den frühstückenden New Yorkern eine Zeitung, die es hier gar nicht gab, und dann noch umsonst.

Anfangs loggte ich mich mit dem Smartsurfer „call by call“ ein. Dieses Programm führt genau Buch. Ich wußte genau Bescheid, die letzte Session kostete mich z.B. 9 Cent, dazu Tages-/Wochen-/Monats-Kosten. Weil Surfen vor der DSL-Flatrate deutlich teurer war, kopierte ich die interessanten Beiträge auf die Festplatte oder druckte sie aus, um sie dann preiswert offline zu lesen. Die entstandenen Kosten betrugen immer nur einen kleinen Bruchteil der hiesigen Lokalzeitung, aber die gingen nicht an die NY Times, sondern an den Provider. Ich fand das sehr, sehr seltsam. Irgendwann fiel mir die Werbung über dem Titel auf, durchweg Läden an der 5th Avenue, Tiffany und so. Bis heute kann ich mir nicht vorstellen, dass dieses System irgendwann mal funktioniert hat. Die NYT ist ja dann auch davon abgerückt. Und ja, mir ist schon klar, dass Bezahl-Printmedien ohne Werbung deutlich teurer wären.

Was ich damit sagen will: wenn ich vor dem Hintergrund einer akademischen Ausbildung und einigen Jahrzehnten Lebenserfahrung nicht wirklich begreife, warum so viele Inhalte kostenlos im Netz angeboten werden, wie sollen dann die heutigen Teens und Twens die Kosten nachvollziehen, die Qualitätsprodukte gleich welcher Art verursachen. Hat die Geringschätzung geistigen Eigentums in bestimmten Nutzer-Kreisen nicht auch damit zu tun, dass die Produktion desselben - im Gegensatz zum Brötchen backen - nicht nachvollziehbar ist?

Die Transparenz müßte m.E. viel früher anfangen. Wenn ich einen Index habe, was die Herstellung eines bestimmten Gutes kostet, kann ich vergleichen. Und dann erst kann ich mir Gedanken über „fair Trade“ machen. Nachdem die Web-Produzenten fast aller Branchen seit Anfang an den Eindruck vermitteln, das Netz sei umsonst, ist es ein weiter Weg bis dahin. Grundsätzlich stimme ich Ihnen jedoch zu.