Ab jetzt nur noch „unitasken“ mit „Omm“

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Das innovative Programm „OmmWriter“ unterstützt konzentrierte Text-Schöpfung.

Das muss ich meinem Hausarzt erzählen, er wird begeistert sein. Als ich ihm neulich im Rahmen einer Rundum-Untersuchung von hin und widrigen Unruhezuständen und Schlafstörungen berichte, er aber in meinem Körper nichts Besorgnis erregendes entdecken kann, vermutet er sogleich zweierlei Ursachen: Elektrosmog und Multitasking. Das Handy zu nah am Körper, Steckdosen oder Funk-Wellen zu nah am Schlafplatz, da solle ich gegensteuern. Wichtiger aber noch: Auf eine Sache konzentrieren statt mehrere Vorgänge (englisch: tasks) gleichzeitig ausführen oder steuern zu wollen. Hm, da hat er irgendwie recht (und was bleibt einem bei einem Arzt anderes übrig als zustimmend zu nicken?)

Also gut, ich nehme die Hinweise ernst. Als Schreibtisch-, besser gesagt, als Computerarbeiter bin ich ja gewohnt, dem „Rechner“ mehrere Aufgaben gleichzeitig zu geben: Check mal die Mails, mache gleichzeitig den Browser und die Textverarbeitung auf und spiel mal das neue Album, dass Du mir gestern herunter geladen hast. Macht der auch alles brav. Doch dann geht es auch schon los. Das Mail-Programm ruft „Ping“ und meint damit, es ist neue Post da. In der Post sind Newsletter, in denen wiederum stecken interessante Links, die probiere ich aus, ich merke oder kopiere mir Informationen als Recherche-Idee, die Musik läuft, ich beginne locker einen Text zu schreiben. Da macht es schon wieder „Ping“, ich folge einem Link eines „Facebook“-Freundes auf dessen Profilseite, wo einige andere interessante Neuigkeiten zu finden sind, etwa zu einer neuen „App“ für das iPhone, die ich mir gleich mal ansehen werde ... und so weiter. Die Musik läuft weiter, es macht wieder „Ping“, plötzlich fällt mir ein, dass ich ja vor geraumer Zeit einen Kaffee aufgesetzt hatte. Das Alles ist vermutlich irgendwie Multitasking und irgendwie nicht gut, jedenfalls nicht für die innere Ruhe – meint mein Arzt jedenfalls.

Da lese ich – ja, OK, beim multitasken – den Hinweis auf ein neues Textverarbeitungs-Programm mit dem bezeichnenden Namen „OmmWriter“. Wie sich schnell herausstellt – auf der Webseite des Anbieters – ist das „Omm“ tatsächlich so gemeint, wie es klingt, im Sinne der gerne meditativ eingesetzten Schwing-Silbe „Ommmmmm“. Dieses „Ommmmm“ soll ja den Blick nach Innen unterstützen, die Konzentration auf sich Selbst, auf den Moment, auf das schiere Dasein, um zu einer tiefen Entspannung zu kommen. Absolut „unitasking“, also, dieses „Omm“. Doch als Name sehr wohl die richtige Hinführung zu diesem kuriosen, aber vorweg gesagt, sehr wirkungsvollen Ansatz für eine Textverarbeitung.

Keine Paletten, kein Blatt, Fenster

Das Programm verzichtet auf die üblichen Werkzeugleisten, Menüs, Paletten, Lineale und Funktionsfelder, die moderne, hochgezüchtete Textverarbeitungen um die eigentliche Schreibfläche herum platzieren. Mehr noch: Es gibt nicht einmal das „klassische“ weisse Blatt im Programmfenster, ja, es gibt überhaupt gar kein „Fenster“ mit Rahmen und Namen. Stattdessen öffnet sich bei „OmmWriter“ das bildschirmfüllende Foto einer vernebelten, kahlen Winterlandschaft. Also nur Weiss-Grau-Nuancen plus kahler Bäume, ein Motiv, das beruhigend wirkt. Doch vor allem blendet es all die Symbole, Icons, Ordner, Dateien, Verweise und anderen bunten, klickbaren Bildchen aus, die – hinter den „Fenstern“ – das Auge immer wieder ablenken. Erst recht, wenn sie nervös hopsen, etwa um eine Aktualisierung zu signalisieren. Diese ganzen Verlockungen für's Multitasking verschwinden nun hinter einer „omminösen“ Winterlandschaft.

webkit-fake-url://3BC169DD-27DD-4C9A-B446-34048D9C5F7F/image.tiff

Die „Programm-Oberfläche“ von „OmmWriter“ (Screenshot: hest)

Den Text selbst schreibt man bei „OmmWriter“ direkt auf die Graufläche des Himmels. Ein dafür gestrichelt markierter Begrenzungsrahmen lässt sich in Breite und Höhe individuell skalieren, ganz nach gusto und Bildschirmgröße, verschwindet danach aber wieder. Für die Schrift stehen drei „Schnitte“ zur Verfügung – mit oder ohne Serifen oder kursiv – sowie drei Schriftgrößen, klein, mittel, gross. Das ist schon alles. „OmmWriter“ geht es allein um den Akt derText-Schöpfung. Die Bearbeitung oder gar Aufbereitung für weitere Verwendungen überlässt es anderen Programmen. Hierfür lässt sich das Geschriebene mit „OmmWriter“ im Format „.txt“ sichern, also ohne jegliche Formatierung. Die Werkzeuge – kleine, schwarze „Knöpfe“ in der Mitte schwebend - blenden sich nur bei Bedarf ein und kurz nach Benutzung von allein wieder aus.

Damit der Fokus auf den Schreibprozess noch besser, im Sinne von ablenkungsfreier gelingt, bietet „OmmWriter“ auch ein akustisches Umfeld. An Bord des Programms sind sieben verschiedene Endlosschleifen mit atmosphärischen Geräuschen, die man am ehesten mit Meditations-Beschallung in Verbindung bringt: Vogelgezwitscher, Wind- und Meeresrauschen, Wassergeplätscher und dazu regelmäßig ein Gong oder das Kling-Klang, wie es indonesische Gamelan-Orchester erzeugen. Das alles dezent und sparsam, doch gut aufeinander abgestimmt. (So gut, dass bei mir sogar das „Ping“ meines Mail-Programms darin integriert wirkt, sprich gar nicht auffällt – und mich auch nicht ablenkt ;-)

Zusätzlich zur jeweils gewählten Klangwolke – man kann auf diese auch ganz verzichten – lassen sich auch für das Anschlagen der Tasten, also das Tippen, unterschiedliche Geräusche wählen. Auch diese sind dezent, etwa ein leises Klickern, wie von Kieselsteinen, oder eine Art Tropfen oder Platschen. Auch das lässt sich komplett abstellen. Für bessere Wirkung der gesamten Geräuschkulisse auf den Schreibprozess empfiehlt der Programm-Anbieter einen Kopfhörer, um jegliche akustische Aussen-Reize fern zu halten.

Testergebnis: Es funktioniert

Nach mehreren kompletten Test-Läufen – auch dieser Text hier entsteht mit „OmmWriter“ – kann ich konstatieren, dass es gut bis hervorragend funktioniert, was die Entwickler sich mit diesem Programm gedacht haben. Die esoterischen Klang-Schleifen wirken tatsächlich fokussierend, ich bin weit mehr bei meinem Text als mit Musik oder den normalen Büro-/Wohnungs-/Strassengeräuschen, die ja nicht selten ablenken, lärmen oder gar nerven. Auch das optische Angebot des grauweissen Winterbildes funktioniert bei mir besser, als wenn ich meine sonstige Textverarbeitung nutze oder sogar auf bildschirmfüllendes Weiss umschalte. „OmmWriter“ ist irgendwie besser. Es ist ein bisschen wie die Illusion des von vielen Schreibenden gehegten Traums der einsamen Schreib-Kammer oder -Hütte, mit dem Schreib-Tisch vor einem grossen Fenster, durch das man auf nichts als Landschaft blickt. Bei mir zumindest ist es so, dass ich mit „OmmWriter“ ruhiger und effizienter zu Text-Werke gehe, als mit meinen anderen Programmen. Mag sein, dass dabei auch ein Placebo-Effekt zum Tragen kommt, doch der soll ja bekanntlich guten Ärzten auch ganz recht sein.

Jetzt muss ich eigentlich nur noch beobachten, ob ich durch das „unitasking“ mit „OmmWriter“ auch seltener Unruhe oder Schlaf-Störungen bemerke. Dann wird mir mein Hausarzt gratulieren.

„OmmWriter“ ist derzeit als (englische) „BetaVersion“ und kostenlos erhältlich, allerdings bisher nur für das Apple-Betriebssystem Mac OS X 10.5.

www.ommwriter.com/

14:54 23.02.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

hest

Journalist, Autor, Referent, Lehrkraft, Freischreiber. Wanderer & Wunderer in Sachen Medienkultur
hest

Kommentare