hest
18.02.2010 | 15:15

Konzertbericht: Dave Matthews Band begeistert in Berlin

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied hest

„Dafür werden Bühnen gemacht.“

So liesse sich, in Abwandlung des bekannten Werbespruchs für Kinos, der Eindruck zusammenfassen, den die siebenköpfige Dave Matthews Band mit ihrem imposanten Breitwandrock Live zu erzeugen vermag. Und das, wohlgemerkt, ohne eine einzige Multimedia-Zutat, sondern ausschliesslich musikalisch: Mit einem phänomenalen Sound, mit Virtuosität, Inspiration und Vitalität. Fast drei Stunden lang die volle Packung Musik und Spaß an der Spielfreude - dafür werden Bühnen gemacht. Wie beispielsweise die des Tempodrom in Berlin, wo die Dave Matthews Band gestern ihr Publikum begeisterte.

Schon die Vorband – oder wie es im Rock-Fach-Sprech heisst, der „Support Act“ – legt die musikalische Latte überraschend hoch – soll doch der „Opener“ das Publikum lediglich anwärmen, nicht aber verzücken. Doch Alberta Cross, ein junges Rock-Quintett aus New York, zelebriert vom ersten, gefühlvollen Blues-Track an exzellentes Handwerk, was sowohl die Songs als auch die Sounds betrifft. Und das abgeklärt und professionell wie gestandene Haudegen. Ihren fast altmodischen 70er-Jahre-Grunge-Rock spielen sie, als hätten sie ihn selbst gerade erfunden. Tief verinnerlicht haben sie die Vorbilder gewiss, zumal der Songwriter und Sänger Petter Ericson Stakee in seiner Tonlage nahe an Neil Young liegt. Youngs Ouevre, wie auch das von Pearl Jam, mögen zur Verortung von Alberta Cross dienen. Introvertiert und irgendwie schwebend ihr Klang, laut, rockig deftig, aber nicht wütend oder ungestüm, viel eher erwachsen, aufgeklärt, reif. Sehr beeindruckend, wie kompakt und sicher die fünf Jungs das spielen, wobei sie mit ihren Langhaar-Lotter-College-Look kein heutiges Rocker-Klischee bedienen (falls es die noch geben sollte). Am ehesten erinnern mich Alberta Cross an die Kings of Leon, musikalisch, wie auch mit ihrer Attitüde. Alberta Cross ist schlicht eine großartige Band, deren hörenswertes Debut-Album (vom September 2009) nach solch überzeugenden Auftritten, wie diesem in Berlin, noch einigen Auftrieb erhalten dürfte.

Grandioser Auftakt

Wer eine dermaßen erstklassige Band als „Support Act“ auf die Bühne lässt, der darf damit prahlen – doch viel mehr muss er sich ziemlich sicher sein, diese toppen zu können. Und daran lässt die Dave Matthews Band, die in den USA grosse Stadien füllt, schon mit ihrem allerersten Song nicht den geringsten Zweifel aufkommen. Im Gegenteil: Die Midtempo-Nummer steigert sich langsam aber gewaltig, in langen Schleifen baut sich eine Sound-Wand auf, erste Solo-Eskapaden von Gitarrist, Bläsern und E-Geiger setzen Zeichen, die Band rockt, als würde sie schon zwei Stunden spielen, als wäre es der letzte Song vor der Zugabe, nicht erst der Auftakt. Grandios.

Nach dieser fünfminütigen Probefahrt sind praktisch alle in der Halle anwesenden (geschätzten) 2.000 Herzen geöffnet. Bereit für den Trip. Wenn ihr uns bitte folgen würdet, ihr werdet richtig Spaß haben – a one, a two, rackatackatak, Riff, Groove, Hookline, Bangbangbang! Oder anders gesagt: Ab geht die Luzie. Die Dave Matthews Band ist viel Sound, guter, fetter Sound und genau so viel Groove, dynamischer, abwechslungsreicher und dampfender Groove. Wie ein grosser, mächtiger, glitzernder Truck, aber mit Panorama-Wagen und auf einer Art Vergnügungspark-Kurs. Take it, or leave it. Eine Sause mit musikalischer Vollwertverpflegung an Bord. Yippieh, go for it!

Rock mit Köpfchen

Nach dem furiosen Eröffnungsstück sind Tempo und Tonlage rund drei, vier Songs lang moderat, zum Angewöhnen. Der Diesel muss vorglühen. Dave Matthews, Amerikaner, eigentlich, aber die Kinder- und Jugendjahre in Südafrika und Amsterdam verbracht, schreibt Songs, die sich als „nachdenklich“ zusammenfassen lassen. Über Beziehungen, Liebe, Sehnsucht, Trennungen, Abschiede, Reisen, Zweisamkeit und Glück – keine wirklich aussergewöhnlichen aber auch keine schlechten Lyrics. Kritisch ist er auch, poetisch seltener, er reflektiert die (amerikanische) Einwanderer-Indianer-Problematik („Dont drink the water“) oder über die Verrücktheit einer globalisierten Welt voller krasser Gegensätze. Politisiert nicht, aber zeigt sich offen, multikulturell, humanistisch, kann man sagen. Keine Offenbarung, also, aber Rock mit Köpfchen.

Die Musik ist die Botschaft, klar, doch hier gilt noch mehr: Die Band ist die Botschaft. Und nach einer halben Stunde etwa schafft und shuffelt sie sich in Rage. Atemberaubend ihr kompakter, geölter, ja, perfekter Klang, ihre Fähigkeit, Tempo- und Rhythmuswechsel geradezu organisch klingen zu lassen, ihr musikalisches Handwerk, das einer Jazz-Formation zur Ehre gereichte. Der Saxofonist Jeff Coffin auf der einen und der Violinspieler Boyd Tinsley auf der anderen Bühnenseite setzen mit ihren Soli, langen Improvisationen und fast hypnotisch wirkenden Wiederholungen Farben, die über dem Bühnenklang wie ein Regenbogen scheinen.

Des Fusion-Rock reine Essenz

Währenddessen, also auch über lange Impro- und Solo-Sequenzen hinweg, webt die unerschütterliche Rhythmus-Sektion einen Groove-Teppich, der nie „uni“ ist sondern stets voller vertrackter Muster. Allen voran der, man kann es nicht anders sagen, sensationell gute Schlagzeuger Carter Beauford, der im musikalischen Sinne die Zugmaschine der Band ist, ein Kraftzentrum mit Klanggefühl und Variationsbreite, blendendem Timing und den vermutlichen lockersten Handgelenken der Rockgeschichte. In ihm scheint die Band-typische Verschmelzung vollkommen, von beseeltem Pop (oder auch Soul), rollenden Rock und flatterndem Jazz. Fusion-Rock hiess so etwas früher, doch die Dave Matthews Band spielt diesen Fusion-Rock ohne Pomp oder Glitter, ohne Bombast oder Narzissmus, sie spielt leidenschaftlich des Fusion-Rock reine Essenz.

Ergo brauchen diese sieben Vollblutmusiker auch auf dieser wirklich großen Bühne keine Leinwand, kein Multimedia, keine Bühnen-Gimmicks, nicht mal Bühnen(ver)kleidung. Sie bieten, neben einer präzisen und daher wirkungsvollen Ausleuchtung, allein ihre Musik, ihren fülligen Sound. Es gibt auch keine Mitsing-Sequenzen, kein Fans-auf-die-Bühne-holen, nur rockin‘, rollin‘, tumblin‘. Die Musik ist die Show. Gleichwohl nimmt die Band das Publikum wahr, all die durchweg textsicheren Fans, von denen ein Großteil aus der Ferne angereist ist, aus Polen, Skandinavien. Die Musiker baden im Jubel, der Bandleader shakert bei seinen Ansagen ein bisschen rum, tänzelt ab und zu linkisch ums Mikro, zählt wieder neu ein, groovt, singt, freut sich – ganz der frenetische Reiseführer. Mit Gitarre.

Eine kollektive Genuss-Veranstaltung

Das Publikum hat sich dem Spektakel komplett hingegeben, es ist eine kollektive Genuss-Veranstaltung, das grosse Goutieren grosser Musik. Selten habe ich es bei Konzerten erlebt, dass nebeneinander stehende Zuschauer, sich wildfremd, einfach einander zuwenden, um ein „ist das nicht supergeil“ auszutauschen. Klar, das da oben ist schon sehr typisch amerikanische Mucke, stark rhythmisierter Fusion-Rock im XXL-Format, eine mitunter zu grosse Portion, zu kräftig und eigentlich zu mächtig, extra grosses Kino, im übertragenen Sinne. Doch weil hier die Musikalität dominiert – nicht die Opulenz – weil das Ganze mit einer Professionalität abläuft, die (für mich) beinahe nicht auszuhalten ist (genau das liebe ich so), weil diese Musiker bei aller Könnerschaft immer unverkrampft und selbstverständlich, gefällig aber eben nicht selbstgefällig spielen, deshalb ist es toll.

Die musikalische Präsenz, eine solch große Bühnen auszufüllen, hat diese Band, da erinnert sie an Tom Petty‘s Heartbreaker oder auch an die ähnlich kraftvolle E-Street-Band von Bruce Springsteen. Im Vergleich zu diesen „Richtgrößen“ fehlt es der Dave Matthews Band vielleicht noch an Riesenhits, an Ohrwürmern und Charts-Stürmern. Doch Songs kann Matthews schreiben, da wird mal einer bei sein, es gibt ja auch schon einige Studio-Alben. Auf Hits angewiesen scheint die Band allerdings keineswegs, ihr derzeitiger Mega-Erfolg begründet sich auf ihre Live-Qualitäten. Und im übrigen auch darauf, von zahlreichen Auftritten Live-Alben selbst zu produzieren und zu verkaufen (als digitale Downloads). Auch das eine Umsatz-Quelle, die in diesem Fall sprudelt, weil die Konzerte so verlässlich gut sind.

Schlüssig und bündig bis zum letzten Ton

Beim Konzert in Berlin, was vermutlich für die gesamte, noch lange andauernde Tournee gilt, spielt sich die Band über fast drei Stunden komplett durch das jüngste Studioalbum „Big Whiskey And The GrooGrux-King“, erschienen 2009. Weil es von allen Studio-Alben den Sound und die Dynamik der Band am besten rüberbringt und viele starke Songs enthält, sei es an dieser Stelle als guter Einstieg empfohlen. Wer sich in Anbetracht feister Bläsersätze und Streicher-Arrangements fragt, wie die Band diesen Sound auf die Bühne bekommt – der möge sich die Show unbedingt ansehen. Denn er wird sich hinterher noch ganz andere Fragen stellen. Etwa, wie es der Band gelingt, so viel Druck zu entfalten, gleichzeitig aber so virtuos zu bleiben. Ein Geheimnis mag in den Arrangements von Leroi Moore stecken, einem Gründungsmitglied der Band, der im August 2008 tragisch verstorben ist. Die von ihm geschaffene Balance aus kraftvollen Rhythmen, gerne vertrackt, verspielten Instrumental-Passagen, gerne jazzig, und eingängigen Refrain-Strophe-Mustern, gerne unkonventionell, setzen Matthews und Kollegen fort, ein Bruch ist nicht zu spüren. Im Gegenteil, schlüssig und bündig spielt die Band, bis zum letzten Ton der beiden Zugabenblöcke.

Am Ende verteilt der gefeierte Schlagzeuger massenhaft Drumsticks, schreibt Autogramme, schüttelt Hände, dann ist die Bühne leer. Der Trip ist vorbei, die Eindrücke klingen in den Ohren nach, und die Augen suchen die stummen Instrumente ab, versuchen zu begreifen, wie schön das alles gerade war.

Dafür werden Bühnen gemacht.

Die Dave Matthews Band ist weiter auf Tournee:

20.2., München

28.2., Köln

4.3., Frankfurt/Main

sowie in vielen europäischen Städten, siehe Tourplan auf der Homepage:

www.davematthewsband.com/#/tour

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