Lasst Samples die Geschichte erzählen

Gesanglose Popmusik Die britische Band Public Service Broadcasting setzt ausschließlich historische Sprachaufnahmen ein. Ihre Geschichtslektionen im Popformat sind clever – und radiotauglich
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Lasst Samples die Geschichte erzählen
Foto: By Sundance London / Wikimedia Commons (CC)

Das aktuelle Album dieser Londoner Band heisst „The Race for Space“, der Wettlauf um den Weltraum. Die damaligen Supermächte USA und Sowjetunion versuchten sich im von 1957 bis 1972 gegenseitig mit Pionierleistungen zu übertrumpfen. Weltraumtechnische Überlegenheit wurde damals gleichgesetzt mit der Überlegenheit des politischen Systems, weshalb die Eroberung der unendlichen Weiten auch ein Kräftemessen zwischen Kapitalismus und Sozialismus war.

Eingebetteter MedieninhaltIm Titeltrack des Konzeptalbums „The Race for Space“ hört man Auszüge aus John F. Kennedys Rede an die Nation zum Start des US-amerikanischen Apollo-Programms, in den nachfolgenden Songs, „Sputnik“ und „Gagarin“, erzählen Samples aus Rundfunk-Reportagen von den jeweiligen Punktsiegen der Sowjets, die den ersten künstlichen Erdtrabanten und den ersten Menschen ins Weltall brachten.

„Mich fasziniert an diesem Wettlauf eigentlich alles: die technischen Herausforderungen, die Ingenieursleistungen, dieses ungeheure Entwicklungstempo, dass es damals gab, die politische Dimension. Außerdem gehört doch ungeheurer Mut dazu, diesen Planeten zu verlassen“, erzählt mir J. Willgoose Esq., Gründer und Bandleader von Public Service Broadcasting, im Telefon-Interview. Für ihn lag das Thema wortwörtlich in der Luft, zumal die Raumfahrt universal ist, die gesamte Menschheit anspricht – für Populärkultur immer ein lohnenswerter Ansatz.

Zudem stellte Willgoose fest, dass es gerade zur Weltraumfahrt etliche Originalaufnahmen gibt, die sich für die Zwecke der Band gut eignen. Beispielsweise das Archiv der staatlichen US-Weltraumagentur NASA, das online zugänglich ist und in weiten Teilen auch „gemeinfrei“ (Public Domain), also für jegliche Nutzung und Weiterverwendung offen.

Die Aufregung in den Stimmen

Im Track „The other Side“ beispielsweise geht es um genau jenen Moment, als die Apollo 8-Astronauten im Dezember 1968 hinter den Mond flogen, somit im Funkschatten verschwanden und der Kontakt zu ihnen unterbrochen war, die Funksprüche der Bodenstation ins Leere liefen. Diese bangen Sekunden der Funk-Stille, in der viel Ungewissheit mitschwang, setzt die Band musikalisch sehr eindrücklich um.

So reduziert sich die anfangs beschwingt tuckernde Sequenzermusik plötzlich auf ein nautisches, unheilschwangeres Wabern und wird nur von den verrauschten Funksprüchen der Bodenstation in Houston überlagert. Es sind die akustischen Leerräume, die die Anspannung fühlbar machen und den Hörer in diesen scheinbaren Stillstand der Zeit hineinziehen. Geradezu erlösend steigert sich die Musik in ein rockiges Crescendo, als die Astronauten wieder zu hören sind.

Die Tracks von Public Service Broadcasting beziehen ihre Erzählung also nicht allein aus den Worten der Funksprüche oder der Reportagen, sondern vielmehr aus den Gefühlen, die in den Stimmen liegen, wie Nervosität, Begeisterung oder Stolz. Besonders deutlich wird das im Song „Go!“, bei dem es um die berühmte Apollo 11-Mission geht, mit der ersten Landung von Menschen auf dem Mond. Als Willgoose in den Archiven auf regelrecht euphorische „Go!“-Kommandos der Mission Control-Ingenieure stieß, da wusste er, „die sind der Song!“

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Mit der Arbeit an diesem zweiten vollständigen Album – zuvor veröffentlichte die Band nur Singles und eine EP – erhob J. Willgoose die Verwendung von historischen Sprachaufnahmen mit emotionaler Kraft endgültig zu seinem Markenzeichen. Angefangen hatte es für ihn 2008, mit Solo-Auftritten in kleinen Pubs.

„Für mein allererstes Demo-Tape arbeitete ich bereits mit Passagen aus einem alten Film. Ich fand die Stimmen in dem Film so toll, die wollte ich unbedingt verwenden. Und ich dachte, so könnte ich dem Instrumental-Track etwas mehr Charakter verleihen, ihn markanter machen.“

Dazu kam, dass er an seinem eigenen Gesang keinen Gefallen fand und ihn auch nicht für überzeugend hielt: „Irgendwann wurde mir klar, dass man mit Samples eine ganze Menge erzählen kann, insbesondere, wenn man historische Aufnahmen und Ereignisse verwendet.“ Wie gut, dass sich das „British Film Institute“ (BFI), in dem sich Wochenschau- und Dokumentarfilme sowie Radio- und Fernsehsendungen finden, oder auch die Sammlung des British Postal Museum und Archive, sehr kooperativ zeigten.

„Im Lauf der Jahre lernte ich, die Musik um dieses Samples herum zu bauen, statt sie nur hier und da in die Musik zu streuen. Dieser Ansatz ist über nunmehr fast sieben Jahre gewachsen und jetzt ist das eben unsere Methode“, so Willgoose.

Public Service Broadcasting lassen also ausschliesslich Samples die Geschichte erzählen, und das im doppelten Sinne. Ihre Tracks handeln von Ereignissen, die auch das Wissens-TV gerne aufgreift, wie Weltkrieg („War Room“), Bergbesteigungen („Everest“) oder besondere Kampfflugzeuge („Spitfire“). Ihr Name spielt auf das „Public Broadcasting“ an, also „öffentlicher Rundfunk“ und das erste Album betitelte sie „Inform Educate Entertain“, also „Informieren, Lehren, Unterhalten“, eine Art Kurzfassung des Programmauftrags öffentlicher Sendeanstalten.

Ernsthafte Botschaft als orhgängiger Pop verkleidet – oder cleveres Konzept, um Aufmerksamkeit zu erheischen?

Für mich passen Public Broadcasting Services mit ihrem ebenso originellen und eigenständigen wie radiotauglichen Sample-Pop zumindest gut in unsere Zeit. Sind wir doch längst gewöhnt, die Welt durch Samples wahrzunehmen: Ausschnitte von Texten, Ausschnitte von Videos, Ausschnitte von Musik reihen sich in den sozialen Medien aneinander, im besten Fall sinnhaft kuratiert durch eine Instanz, der wir vertrauen.

Public Broadcasting Services nutzt dieses Prinzip auf seine Weise und „kuratiert“ ausgewählte und konzeptionell sortierte Samples zu Pop-Tracks. Dabei ist sich J. Willgoose durchaus bewusst, dass er den Einsatz von historischen Original-Aufnahmen-Samples im Pop nicht erfunden hat: „Etwa dieses NASA-Piepen oder jegliche Start-Countdowns, das kommt in so vielen Songs vor.“

Spannt man den Bogen des Samplings etwas weiter, findet man sogar schon ab den 60er Jahren berühmte Beispiele. So setzten die Beatles für ihr 1967er „Sergeant Pepper“-Album die frühe Sampling-Maschine Mellotron ein, schuf Pink Floyd mit den markanten Kassenklingel-Geräuschen in „Money“ einen der berühmtesten Samples aller Zeiten und hoben Brian Eno und David Byrne für ihr Album „My Life in the Bush of Ghosts“ unter anderem den Mitschnitt eines Exorzisten mit einer nahezu hypnotischen. Afrobeat-beeinflussten Musik auf eine völlig neue Stufe – ein Meilenstein des Sample-Pop (The Jezebel Spirit).

Samples und Musik müssen eine Symbiose eingehen

An Eno/Byrne scheint Public Service Broadcasting anzuknüpfen – und kaum eine Band ging bisher so weit, kategorisch auf Gesang und eigene Texte zu verzichten zugunsten von Samples und ganze Konzept-Alben darauf aufzubauen. Gerade deshalb komme es darauf an, so Willgoose, wie man die Samples mit der Musik kombiniere, um idealerweise eine Symbiose zu erzeugen, die erstens funktioniere und zweitens markant klinge. Auf diese musikalische Identität lege er großen Wert, daran arbeiten er – an Gitarre, Banjo, Synthies und Samples – sowie sein Bandkollege Wrigglesworth – Schlagzeug, Piano – sehr hart, betont Willgoose.

Wer genau hinhört, der entdeckt bei Public Service Broadcasting viele popmusikalische Einflüsse, die bis in die 70er zurück reichen. „Ihre Musik bewegt sich zwischen Krautrock, Synthie-Pop und Breitwand-Post-Rock im Stil von British Sea Power“, schrieb der Guardian und erhob die Band zu einem Geheimtipp.

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Mit ihren Ausflügen in sphärische, kosmische Klänge, mit spiralförmig gesteigerten Wiederholungen von Harmonien und Melodien, erinnern sie mich auch an Brian Eno oder King Crimson. Willgoose selbst nennt deutsche Bands wie Neu, Cluster und Harmonia als Einflüsse, dazu New Order oder Primal Scream, KLF und die Manic Street Preachers.

Tatsächlich überzeugte die Band mit ihren ersten Singles und der ersten EP vor allem durch ihre Musik, insbesondere britische Radiosender, die ihnen mit viel Airplay zu Bekanntheit verhalfen. Ihre Alben stießen in die Top 30 der britischen Charts vor, erklommen Platz 1 der dortigen Indie-Charts, es folgten Einladungen zu renommierten Festivals.

Videosamples machen Live-Shows noch eindringlicher

Spätestens mit ihren Auftritten vor großem Publikum machen Public Service Broadcasting auch aufgrund der dabei eingesetzten Videos von sich reden. Auch hier setzen sie ausschliesslich historisches Archivmaterial ein, stets in kurze Sequenzen zerschnitten und zur Musik neu montiert. Viele der oft schwarzweissen Wochenschau-Beiträge fanden sie im berühmten Internet-Archive von Rick Prelinger.

„Was unsere Videos zeigen, erzählt der Song sowieso, daher bekommen die Bilder eine andere, kraftvollere Wirkung. Wir bauen die Bewegtbilder sehr konzeptionell ein, sodass alles miteinander verschmilzt“, so der Bandleader. Die Zuschauer würden nicht nur von der Musik eingenommen, die man in diesem Moment direkt vor den eigenen Augen live erlebe, sondern auch noch von den bewegten Bildern, was die emotionalen Eindrücke verstärke, so Willgoose.

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Gleichwohl sind die Konzerte von Public Service Broadcasting echte Live-Shows: „Wir arbeiten viel daran, uns in den Bühnenversionen der Songs Räume für Improvisationen zu schaffen. Speziell in den größeren Shows, zu denen wir auch Visual Artists mitbringen, die die visuellen Elemente Live mischen. So können wir Platz dafür schaffen, dass die Musik sich entfalten kann. Es ist für Musiker sehr wichtig, sich Raum für Veränderungen zu lassen, sonst langweilt einen die eigene Musik zu schnell.“

Nur singen werden Willgoose, Wrigglesworth und ihre Mitmusiker auch bei Live-Konzerten nicht. Selbst die Ansagen und Dankeschöns fährt Willgoose per Tastendruck aus einer Liste von Samples ab. Darüber amüsiert sich nicht nur das Publikum, sondern auch der Bandleader selbst. Das ist voll nerdig – aber sympathisch.

Public Service Broadcasting spielt im März fünf Konzerte in der Schweiz und Deutschland:

  • 10. 3., Exil, Zürich
  • 17.3., Münster, Gleis 22
  • 18.3., Köln, Stadtgarten
  • 19.3., Berlin, Columbia Theater
  • 20.3., Hamburg, Knust

Tourdaten auf der Website der Band

15:46 07.03.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

hest

Journalist, Autor, Referent, Lehrkraft, Freischreiber. Wanderer & Wunderer in Sachen Medienkultur
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