Leicht erregbar durch Memes, Hypes & Trolle?

Hysterien im Netz Von der Aufklärung-Kampagne zum Impf-Programm: „Stärke Dein Mentales Immunsystem“ (SDMI) will dem Netz helfen, sich abzuregen. [Glosse]
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„Sag mal, hast Du meinen Impf-Dongle gesehen? … Diesen USB-Stick der Gesundheitsbehörde, mit den digitalen Immunisierungszertifikaten … ?“ Das Heimbüro habe ich schon durchsucht, in einer Viertelstunde muss ich los, wenn ich Mike nicht vor dem Bürgerbüro warten lassen will. „Schau doch mal in der Küche nach, in der Kruschel-Schublade.“

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Oha, ausgerechnet diese Schublade. Da ist so unglaublich viel alles mögliche drin … irgendwie scheint ihr tatsächlicher Raum größer als der sichtbare … etwa so wie bei der unerschöpflichen Zauberhandtasche von Hermine, Harry Potters bester Freundin.

Für mich birgt die Schublade vor allem die Gefahr, als „trockener Prokrastinierer“ rückfällig zu werden. Ein einziger Gegenstand des Kruschelsammelsuriums kann mich umgehend von meinem eigentlichen Vorhaben ablenken … beispielsweise ein Schleifstein … im nächsten Moment schärfe ich, mental komplett abgedriftet, sämtliche Messer und Scheren … .

Naja, zumindest bin ich damit nicht der einzige – im Gegenteil. Fokussier- und Aufmerksamkeitsdefizite haben sich über die Jahre quer durch alle Schichten, Altersgruppen und Millieus ausgebreitet. Mehr noch, sie gelten längst als symptomatische Nebenwirkungen unseres digitalen Kommunikationsalltags mit hoher Benachrichtigungsdichte, häufigen Reizen und kurzen Zeitspannen. Und genau darum geht es dem bundesweiten Impf-Programm namens „SDMI“.

„Gefunden?“

In diesem Moment sehe ich den knallgelben USB-Stick mit seinem grünem Gummirand und dem schwarzen Siegel – und kann die riskante Schublade flugs wieder schliessen.

„Ja!“ Doppelt erleichtert stecke ich den Dongle am PC ein. Wie gewohnt ruft sich die SDMI-App selbst auf und prüft die auf dem Dongle gesicherten Daten. „Bitte haben Sie einen Moment Geduld, aber bleiben Sie bei der Sache (Zwinker-Smiley) … “

„Stärke Dein Mentales Immunsystem“: Breit angelegte Aufklärungskampagne

SDMI steht für „Stärke Dein Mentales Immunsystem“. Unter diesem Motto startete das Bundesgesundheitsministerium seinerzeit eine breit angelegte Aufklärungskampagne. Es ging dabei auch um die generellen Konzentrationsschwächen in weiten Teilen der Bevölkerung, aber nicht nur: In erster Linie wollte das Gesundheitsministerium etwas dagegen tun, dass es in den digitalen Öffentlichkeiten immer häufiger zu heftigen und ausdauernden gemeinschaftlichen Erregungen kam die den Alltag mehr und mehr dominierten – und das Ganze sich zu einem gesellschaftlichen Problem entwickelte.

In sozialen Netzwerken und Nachrichtendiensten liessen sich immer mehr Menschen immer schneller immer öfter und immer länger auf Zeit- und Arbeitskraftverschwendungen ein, indem sie ein „Meme“ nicht nur weitertrugen, sondern ausgiebig diskutierten; etwa über die wahren Farben eines Kleides (#TheDress), den Bühnenstolperer einer Popdiva oder das Feldspieltor eines Fussballtorwarts; bereitwillig oder leichtfertig beteiligten sich immer mehr Leute an Lästereien, Empörungswellen, Shitstorms, bis hin zu Hasstiraden – alles Resonanzeffekte, die den eigentlich lapidaren Anlass extrem überhöhten; und in Leserforen und Netzgemeinden neigten immer Mitglieder mehr dazu, sich von Trollen provozieren zu lassen und zurück zu trollen, was wiederum zu zähen Debatten über den Umgang mit Trollen führte.

In der Summe, und das war der entscheidende Auslöser für die Kampagne des Ministeriums, verbrachten die Menschen mit ihren Smartfons und mit ablenkendem, lähmendem und unproduktivem Kommunikationsrauschen tendenziell mehr Zeit – auch mehr ihrer Arbeitszeit, wie die Wirtschaft mit großer Sorge konstatieren musste. Die infektiöse Verbreitung des Phänomens, sich leicht aufregen und in fruchtloses Aufwallen ziehen zu lassen, ging bei vielen sogar auf Kosten von Freizeit und Familie, Gesundheit und realem sozialem Engagement. Diesen Trend wollte man stoppen, mit Hilfen für die „Leicht Erregbaren“ im Netz.

Das als „Troll Collect“ verspottete Konzept des Verkehrsministers wurde ad acta gelegt

Anfangs war das Verkehrsministerium mit an Bord, da es ja für Netzwerke zuständig ist. Der damalige Minister Dobrindt wollte allerdings Internet-Provider, Community-Services, Social Media Plattformen und Forenbetreiber in die Pflicht nehmen: seiner ihm eigenen Logik zufolge sollten die Firmen Gebühren zahlen, mit denen der Staat Infrastrukturen schafft, die Kommunikationsstaus durch Meme-Erregungen und Diskussionsinfarkte durch Troll-Unfälle verhindert. Doch derlei Gebührenzahlungen fanden selbst hartgesottene Koalitionspartner zu abwegig, und das als „Troll Collect“ verspottete Konzept wurde samt Minister ad acta gelegt.

Auch das Bundesgesundheitsministerium sorgte sich um die Produktivkraft, sah aber als eigentliche Ursache die geringen mentalen Abwehrkräfte der Menschen, geschwächt durch ein tägliches, unkontrolliertes Dauerfeuer von Nachrichten-, Diskussions- und Meinungsbildungs-Impulsen.

Folgerichtig zielte die Kampagne darauf ab, die Menschen widerstandsfähiger zu machen, etwa gegen sensationsheischende Tweets und Artikel-Überschriften, gegen die hohlen Verlockungen von Hypes, Phishing und Memes, gegen hysterische Erregungsbereitschaft und Trollereien. Erst waren es nur Flyer und eine Webseite, dann eine eigene App mit Selbsthilfe-Anleitungen, und schließlich interaktive Online-Trainings.

„Stärke Dein Mentales Immunsystem“ kam gut an – insbesondere bei den Betreiber kommerzieller Foren, Leser- und Abonnentenclubs sowie Media-Communities, denn die standen vor einem Problem: Sie liessen ihre Nutzer ja längst nicht mehr für die eigentlichen Inhalte bezahlen sondern für das Mitreden darüber, also für den Zugang zur Community, die sich im Idealfall sachlich, fair und konstruktiv an einem Thema abarbeitet. Doch auf Dauer hielt die Bezahlschranke für Communities weder die „Leicht-Erregbaren“ (LE) noch die Trolle fern – sie verhagelten weiter die Diskussionskultur. Daraufhin blieben viele Abonnenten wieder weg und die Mitgliederentwicklung stagnierte – bestenfalls.

Persönliche Resistenzen gegen vorschnelle Erregung, Trolldrang oder Meme-Lemmingerei

Mit Unterstützung der Social Media Communities-Wirtschaft und Verbraucherverbänden baute das Gesundheitsministerium die SDMI-Kampagne zu einer Art Impf-Verfahren aus: Zu den Online-Trainings kamen Workshops- und Auffrischungstests in den Gesundheitsämtern, mit Abschlusstest und Bescheinigung. Vor kurzem übernahmen die neuen Bürgerbüros für digitale Angelegenheiten die Kurse, verbesserten sie und führten das heute gültige Zertifizierungssystem ein. Insgesamt gibt es derzeit 73 unterschiedliche Trainings, Tests und Prüfungen, um seine persönlichen Resistenzen gegen vorschnelle Erregung, Trolldrang oder Meme-Lemmingerei zu reaktivieren oder zu stärken.

Seitdem nutzen immer mehr Social Media Community-Betreiber die Möglichkeit, sich den SDMI-Impfstand neuer Kunden per Impf-Dongle näher anzusehen. Andersrum gesagt: wer einer Troll-freien, weil SDMI-geprüften Lesercommunity beitreten, ein SDMI-besiegeltes Premium-Abonnent abschließen oder in die SDMI-zertifizierte Club-Lounge des Social Media Netzwerks will, der sollte den Impf-Dongle unbedingt parat haben.

Allerdings muss man dazu aber auch alle relevanten Kurse absolviert beziehungsweise aufgefrischt haben. Und genau das lasse ich von der Software gerade checken.

Oha, ich brauche eine Auffrischung des „Buzzfeedblockers“

„Hier ihr Ergebnis“: … Oha , ich brauche eine Auffrischung meiner mentalen Immunkräfte gegen Überschriften mit Cliffhanger, den so genannten „Buzzfeedblocker“. Ein Basis-Modul, der Test ist bei mir zu lange her. Verdammt.

Für die ambulante Auffrischung im Bürgerbüro muss man eigentlich vorbereitet sein, sich in die Materialien eingelesen haben. Das habe ich natürlich nicht. Was tun? Hm, es gibt doch da diesen Schnelllesedienst, der Inhalte optimal verdichtet, sodass man in wenigen Minuten alles Wesentliche intus hat. Wie heißt der nochmal …

„Wolltest Du Dich nicht mit Mike treffen?“ „Jaja, bin gleich weg!“

In der Trefferliste finden sich einige brauchbare Stichworte. Und da, die rettende Überschrift: „Die zehn besten Tipps, um ihren SDMI-Basismodule-Set aufzufrischen. Bei Tipp 6 werden Sie … “ Yepp, das isses, ich klicke drauf und lese und arbeite mich durch die ersten fünf Punkte … oh, ein Werbebanner für einen neuen SDMI-Ratgeber … klick … zwei weitere Top-10-Tipp-Listen und dort lese ich … hmm, sehr interessant, das muss ich mir bookmarken … … … .

Mein Smartfon klingelt, Mike ist dran: „Ey, Alter, Du bist seit 20 Minuten überfällig, wo bleibst Du denn?“

„Doh!“

14:58 02.03.2015
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Geschrieben von

hest

Journalist, Autor, Referent, Lehrkraft, Freischreiber. Wanderer & Wunderer in Sachen Medienkultur
hest

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