(Mit) Bahnverspätungen richtig umgehen

LastMinuteReisen 2.0 Ein Raunen geht durch den Waggon, die ersten zücken ihre Handies, der Wutpegel steigt. Nur an den beiden Mitteltischen kommt die eben angesagte Zugverspätung bestens an …
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Das muntere Oktett an den Großraumwagen-Tischen – ohnehin eben erst zugestiegen – nimmt die für viele so bittere Verspätungsansage zum Anlass, einen Set Piccolos zu öffnen und sich freudestrahlend zuzuprosten. „Fängt doch gut an!“ jubilieren sie quasi synchron zum mehrfachen ‘Pling‘ ihrer Fläschchen. Was, bitte, geht da vor sich?

Wir reden hier nicht über fünf Minütchen mehr im Regionalexpress, wegen „Warten auf Anschlussreisenden“. Nein, es handelt sich um eine ausgewachsene ICE-Verspätung von nunmehr 85 Minuten, aufgrund, äh, hm, Moment, „Signalstörung“? Oder waren es „Baumaßnahmen an der Strecke“? Oder die beliebte Wildcard-Begründung „Verzögerungen im Betriebsablauf“? Offenbar hat das keiner mitbekommen, wie aus den resignierten, verzweifelten und hasserfüllten Telefonaten an Sekretariate, Kollegen, Verwandte oder Abholer herauszuhören ist. Und es ist ja eh wurscht, weshalb man am Ende satte anderthalb Stunden später ankommt. Die Besprechung, die Projektabnahme, die Präsentation, was auch immer – dieser (Arbeits-)Tag ist abgeraucht, bevor er auch nur glühen konnte. Wieso aber sind die acht Jungs an den Tischen so gut gelaunt? Ich recke meinen Kopf, versuche aus dem albernen Gegiggel etwas aufschlussreiches herauszuhören.

„Das ist so'n B-D-T-Trupp“, sagt plötzlich mein Sitznachbar zu mir, während er mit seinem Smartfon beschäftigt ist. Ich guck' verblüfft zu ihm rüber: „Da oben, der Anhänger“, deutet er, ohne aufzusehen, auf einen Koffer über der Tischrunde, die sich gerade sportlich abschlägt. Betont unauffällig stehe ich auf und nestele zum Vorwand an meiner abgelegten Jacke, um am unweit davon liegenden Koffers das rot-weisse Schildchen lesen zu können: Bahn-Delay-Travel – Last Minute Reisen 2.0. Aha.

Ich verstehe trotzdem nur Bahnhof – also in etwa soviel, wie bei den Durchsagen in selbigem: so gut wie gar nichts. Bevor ich wieder sitze, hält mir mein Nachbar schon sein Gerät vor die Nase. „Schon mal was vom Zugmonitor gehört?“ Stimmt, da war mal was: Diese Online-Karte sämtlicher Zugbewegungen der Bahn, die die Verspätungen grafisch als farbige Kreise darstellt – und das alles in Echtzeit. „Eigentlich sehr nützlich, dieser Service, so ähnlich wie Staumeldungen, nur eben für Bahnfahrer.“ Mein Nachbar richtet sich in seinem Sitz auf, zoomt und klickt auf die Verspätungskreise der Zugmonitor-Karte. „Naja, wer es einrichten kann, der disponiert anhand dieser Verspätungs-Infos eben einfach um, ändert seine Route oder gleich die Reisepläne. Kann man ja machen“, sagt er etwas gelangweilt. Doch dieses Reisebüro, Bahn-Delay-Travel, drehe das Ganze einfach um, erklärt er, schon deutlich lebhafter. „Die suchen nicht nach schnellen Alternativen, die fahnden nach den richtig fetten Verspätungen. Und wenn die beim Zugmonitor eine Verspätung jenseits der 30, nahe der 60 oder gar nahe der 120 Minuten entdecken, dann bekommen registrierte Kunden rechtzeitig eine Nachricht, damit diese genau diesen verspäteten Zug in ihrer Stadt noch erreichen.“ Er dreht sich wieder von mir weg, wischt und tippt betriebsam auf dem Monitor seines Smartfons herum.

Ich aber tippe, äh, tappe noch immer im Dunkeln: Wieso sollte jemand spontan eine Reise antreten in einem Zug, der massive Verspätung hat? Mein Nachbar, offenbar auf diese Frage gefasst, greift in seinen Aktenkoffer und wedelt kurz darauf mit einem Formular der Bahn: „Das Zauberwort heisst Fahr-Preis-Er-Statt-Ung“. Er grinst süffisant. „Bei Verspätungen von mehr als 60 Minuten erstattet die Bahn 25 Prozent des Fahrpreises, bei über 120 Minuten sind es sogar 50 Prozent. Also eine Fahrt für die Hälfte des Preises.“ Aber es gibt doch Sparpreise, die BahnCard 50, wende ich ein. Er stimmt mir murmelnd zu, relativiert jedoch: beim Sparpreis müsse man lange im Voraus seine Züge fest buchen, habe oft langsame Verbindungen zu wählen, das sei unspannend. Und die BahnCard 50 sei ja nicht gerade billig. „Bahn-Delay ist eben ein Last-Minute-Prinzip, man muss spontan und offen sein, die Ziele nehmen, wie sie der Zugmonitor zutage fördert. Wann und wo Sie am Ende eintreffen, wird sich zeigen – Hauptsache der Preis stimmt!“

Hm, ich denke nach: wenn dieser Zugmonitor funktioniert und ihn jeder aufrufen kann – wozu braucht man dann ein Reisebüro, wie Bahn-Delay-Travel? Ich will ihn fragen, doch nun duckt der Herr Nachbar sich weg von mir und ist sehr konzentriert mit Tippen beschäftigt, offenbar ist er in einem Chat oder tauscht Direkt-Nachrichten aus. Das geht einige Minuten, dann lehnt er sich auf einmal entspannt zurück, legt das Gerät ab und reibt sich die Hände, das Gesicht tief vergraben in der Kapuze seines Pullovers.

Eine Viertelstunde vergeht, ich denke weiter über dieses Konzept nach, da bremst der Zug mit einem mal ab und kommt mitten auf der Strecke zum Stillstand. Das Stöhnen der Genervten Berufspendler und Verabredeten schlägt schnell in sarkastisches Gelächter um. Es dauert fast zehn Minuten, bis die nächste Ansage erfolgt. Ich verstehe was von „unplanmäßiger Halt“, „spielende Kinder im Gleis“ und „Polizei-Einsatz“ – und dass die Verspätung jetzt rund 120 Minuten beträgt. Im Waggon brandet zynischer Beifall auf, manche schlagen weinend ihren Kopf an die Lehne des Vordersitzes, andere verfallen in Agonie, einzelne wollen den Zugchef sprechen, der sich aber nicht blicken lässt. Während der Zug steht, scheint die Ausgelassenheit der Reisetruppe an den Mitteltischen jetzt erst richtig in Fahrt zu kommen. Bewaffnet mit kleinen Schnäpsen füllen sie gemeinsam ihre Fahrtkostenerstattungsformulare aus. Dabei singen sie zur Melodie von „Guantanamera“ immer wieder „Fahr-Preis-Er-Statt-Ung, her mit der Fahr-Preis-Erstattung, Fahr-Preis-Er-Staaaa_aaa-Tung, ‘ne fette Fahr-Preis-Er-Staaaa-Tung … “

Und mein Nachbar? Als der Zug langsam wieder anfährt, schaut er interessiert aus dem Fester. Es geht im Schneckentempo weiter, draussen sind Feuerwehr und Polizei zu sehen … mein Nebenmann beobachtet die Szene genau, steckt sein Smartfon demonstrativ in eine Hülle und lässt es mit einem sehr leisen, kaum vernehmlichen „Na, Bitte“ in seinen Koffer gleiten – aus dem er zugleich ein Kissen angelt. Während er mit einem Feierabend-ähnlichen Grinsen das Kissen für ein Nickerchen platziert, raunt er mir zu: „Im Grunde können Sie sich drauf verlassen: Irgendwo in Deutschland hat die Bahn immer Verspätung. Und praktisch täglich sind mehrere 30plus-, oft 60plus-Züge dabei. Es kommt aber nicht darauf an, die Verspätungen zu umgehen, sondern darauf, mit ihnen umzugehen“, sagt er – und es klingt irgendwie sehr zweideutig. Er bettet seinen Kopf auf's Kissen, immer noch zufrieden grinsend.

Langsam frage ich mich, wieso der so gut Bescheid weiss – und sich auch so gar nicht aufregt über diese mittlerweile 135 Minuten. Die B-D-T-Truppe startet gerade eine Laola von Tisch zu Tisch. Als einer von ihnen aufsteht und fröhlich in Richtung WC tänzelt, spreche ich ihn an: „Sagen Sie, bis wohin fahren Sie eigentlich?“ Er lacht über beide Ohren. „Noch sehr, sehr weit, bis zur Endstation. Und das hier“, er zeigt mit dem Finger auf den Boden, „ist der letzte Zug bis dorthin“. Er beugt sich zu mir und fügt leise hinzu: „Wenn wir so spät ankommen, mit über zwei Stunden, ist unser Anschluss-Zug längst weg, da fährt dann gar nichts mehr., kommen wir garantiert nicht weiter. Also: Taxifahrt, Hotel-Übernachtung“, er nähert sich meinem Ohr und flüstert noch leiser, „zahlt alles die Bahn! Die Jungs von B-D-T – er guckt kurz zu meinem Nachbarn – die sind echt spitze!“ Kurz darauf wackelt eine Polonäse an mir vorbei und singt in DFB-Pokal-Stadion-Manier „Ho-tel, Ho-tel! Wir fahren ins Ho-tel!“

Bald darauf kullert der Zug zeitlupig in den nächsten Bahnhof. Im Waggon formieren sich die Verzweifelten zu einem kleinen Tross lebenslustloser Lemminge und schlurfen in Richtung Ausstiegstüren. Ich angele im Ablagefach über mir nach meiner Jacke und sehe dabei, dass an der Seite einer Reisetasche, vermutlich die meines Nachbarn, ein ganzer Stapel Prospekte herausragt, Werbebroschüren von – na, so was – Bahn-Delay-Travel. Hochglanzdruck, attraktiv gestaltet. Vorne drauf die typische Bahnhofsuhr, aber mit einmontiertem Smiley-Gesicht. Darunter der Slogan: „Wir machen mehr aus Verspätungen“.

Ts … !

Henry Steinhau bloggt auch auf www.steinhau.info

10:19 05.11.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

hest

Journalist, Autor, Referent, Lehrkraft, Freischreiber. Wanderer & Wunderer in Sachen Medienkultur
hest

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