Nicht noch ein Design-Award

Gestaltungs-Preis Der heute bekannt gegebene „Ehrenpreis für Gestaltung“ will anders sein – „eine Art Bundesverdienstkreuz für gestalterisch Tätige“, so die Erfinderin im Interview
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Nicht noch ein Design-Award

Foto: der-ehrenpreis.de

„Leider haben wir keine Queen, die mit großer Geste Menschen auszeichnet, die was Tolles geleistet haben (siehe dazu http://de.wikipedia.org/wiki/Order_of_the_British_Empire)“, sagt Juli Gudehus. Die Berliner Gestalterin vermisst weniger Monarchie oder Königsfamilien. Sie hat vielmehr den Traum, dass Deutschland auch für Gestaltung ein denkbar höchstes Lob vergibt. Und deshalb arbeitet sie seit über einem halben Jahr an nichts anderem als am „Ehrenpreis für Gestaltung“ http://www.der-ehrenpreis.de

„Täglich benutzen wir so viele Dinge, mit denen wir wohnen oder kochen, die wir anziehen oder mit denen wir herumfahren, an deren Aussehen, Funktionalität oder Nutzwert wir uns erfreuen. Wir sind umgeben von Design, Gestaltung führt uns durchs Leben. Nur reden wir viel zu wenig darüber, schon gar nicht darüber, wer dahinter steckt, wer es entworfen oder gestaltet hat.“ Juli Gudehus, selbst Kommunikationdsdesignerin, findet es schade, dass die Deutschen zwar schnell und gerne über Alltagsdesign meckern – den komplizierten Fahrkartenautomaten, unverständliche Formulare, unwirtliche Warteräume. Doch dieser offenbar gern gepflegten Beschwerdekultur stehe viel zu wenig öffentliche Anerkennung und damit auch zu geringe Wertschätzung von Gestaltung gegenüber. „Beides sollte sich ändern.“

Eines ihrer Schlüsselerlebnisse war ein cleverer Toilettenaufsatz, der ohne umständliches Hantieren jeweils für Kleinkinder sowie Erwachsene funktioniert, gesehen in der Wohnung einer Freundin. „Die Schöpfer solcher praktischen Dinge sollten eine Anerkennung erfahren, die sie zum Weitermachen motiviert“, erklärt Gudehus. Diese Idee liess sie seither nicht mehr los. Sie entwickelte Konzepte, führte Gespräche, konnte eine große Schar von Mitwirkenden mobilisieren, trommelte in Branchen und Szenen hinein, mehr oder weniger pausenlos und voller Enthusiasmus. Dabei hatte sie nach der Veröffentlichung ihres Lesikon – ein 3.000-seitiges Buch, an dem sie insgesamt neun Jahre arbeitete – eigentlich keine Lust auf ein weiteres Mammutprojekt. Und doch vermochte sie sich dem Sog der eigenen Idee nicht zu widersetzen, sagt sie. „Weil die Zeit einfach überreif ist für so etwas‘“, so Gudehus.

Doch, Moment mal, noch ein Design-Award? Bei Lichte besehen gibt es gerade für Gestalter (Designer) eine Vielzahl an Preisen, und nicht wenige sehen sich „hoch aufgehangen“. Die jährlichen Nägel des Art Directors Club Deutschland, der IF Design Award, der Red Dot Design Award, der Deutsche Designpreis des Rat für Formgebung, der Bundesdesignpreis, der German Design Award und und und … . Im Grunde gibt es für Designer jeder Art und jeder Disziplin – von Architektur bis Webseiten – so viele Preise, dass eigentlich jeder einigermaßen professionell agierende Gestalter, jede wirtschaftlich funktionierende Agentur schon mindestens eine, meist mehrere Trophäen im Regal zu stehen beziehungsweise Urkunden an der Wand zu hängen hat. Ist die Eitelkeit der Schöpfer, ihre Sehnsucht nach Anerkennung – oder auch ihr vermeintlicher Minderwertschätzungskomplex – wirklich so groß, dass es noch einen weiteren Preis geben muss? „Es stimmt, Design-Peise gibt es viele, aber die sind alle sehr branchenbezogen, erreichen mehr oder weniger nur die Insider. Alle vorhandenen Gestaltungs-Preise drehen sich um die Perspektive der Gestalter. Zudem ist die Teilnahme daran in aller Regel sehr kostspielig, das können oder wollen sich viele nicht leisten“. Doch genau für die Stillen, Unauffälligen soll ihr Ehrenpreis für Gestaltung gemacht sein, so Gudehus.

Kernidee des von ihr entwickelten Ehrenpreises sei das für alle offene Vorschlagswesen. Jeder kann Arbeiten, die ihn begeistern, vorschlagen und dazu ein öffentliches Plädoyer schreiben, dafür genügt ein Gang auf die Website. Alle eingereichten Vorschläge prüfen 28 von Gudehus sowie Ehrenpreis-Mitwirkenden ausgewählte Gutachterinnen und Gutachter. Diese schreiben zu den von ihnen nominierten Arbeiten Empfehlungen für die Jury, ebenfalls web-öffentlich. Vorschlag, Plädoyer und Gutachten stehen also zur offenen Diskussion, die idealerweise zu einem Diskurs über Gestaltungslösungen und Design-Wertschätzung wächst. Denn dieser „Weg“ einer öffentlichen Debatte von Gestaltung ist das eigentliche Ziel des Ehrenpreises.

Gleichwohl steht am Ende der Vorschlags-, Diskussions- und Auswahlprozesse eine jährliche Preis-Verleihung, die erste im kommenden Frühjahr im Berliner Museum der Dinge. Hierfür sortieren die 28 Gutachter – idealerweise auf Basis der Diskussionen – eine Vorauswahl für eine siebenköpfige Experten-Jury. In Letztere sollen Hochkaräter aus allen gestalterischen Disziplinen, deren Namen dem Ehrenpreis breite mediale Wahrnehmung und öffentliche Reputation garantieren mögen. Bis zu 56 Preise dürfen die Juroren vergeben, aber es können auch viel weniger sein. Genau hier könnte jedoch die Krux dieses neuen Gestaltungs-Preises liegen. Gudehus legt zwar Wert darauf zu erläutern, dass bei Gutachtern und Juroren nicht Hipness, Eitelkeit oder Galafaktor relevant seien, sondern diese eine ausgesprochen menschenfreundliche Weltsicht und eine klare Haltung hätten, gleichwohl in ihrem Fach hervorragend und eloquent wären, bereit über den eigenen Tellerrand zu blicken. Und doch sind gerade (renommierte) Gestalter nicht frei von Eitelkeiten. Und das bei vielen von Ihnen verinnerlichte Klüngeldenken und eine gewisse Abgehobenheit ihrer Ansprüche könnten dafür sorgen – wenn auch ungewollt oder unbewusst – dass am Ende wieder die üblichen Verdächtigen der deutschen Gestalter-Eliten zu den Nominierten und Geehrten zählen; Stichwort: Augenhöhen-Wahrung.

Wenn der Ehrenpreis aber die Perspektive der Nutzer einnehmen will, wie Gudehus mehrfach betont, und auf deren Vorschläge, Plädoyers und Bewertungen vertraut – wieso dann nicht auch die Nominierungen und Vergaben in die Hände der „weisen Masse“ legen, auf eine Jury verzichten? Darüber hätte sie nachgedacht und mit vielen gesprochen, gibt Gudehus zu. Überwogen hätte dabei die Ansicht, die Größe der betreffenden Gestaltungsarbeiten erst durch Gutachter-Auswahl und Experten-Urteil deutlich machen und nachhaltig vermitteln zu können. „Unser Konstrukt des öffentlichen Vorschlagswesens ist aber für den Gestaltungsbereich so ungewöhnlich, dass bestimmt etwas Gutes dabei herauskommt“. Gleichnis und Vorbild ist für sie das Bundesverdienstkreuz, die höchste deutsche Ehrung für Bürger und gesellschaftlich wertvolle Leistungen. Prinzip des Bundesverdienstkreuzes ist ja, dass jeder jemanden vorschlagen und auch jeder vorgeschlagen werden kann, aus allen Bereichen der Gesellschaft.

Aus diesem Grund trügen die sieben Ehrenpreis-Kategorien http://www.der-ehrenpreis.de/der-ehrenpreis/preiskategorien auch so seltsame Namen, wie „durch die Blume”, „kleine Ewigkeit”, „Sonnenschein”, „weniger ist mehr”, „ah und oh”, „Nächstenliebe” und „Begleiterscheinung”. In den Erklärungen zu diesen Preis-Rubriken geht es stets um das Nutzer-Erleben, den Nutzungs-Mehrwert oder gar die Emotionen beim Gebrauch. Die achte Kategorie „einfach toll”, steht für einen Publikums-Preis, den eben nicht Juroren sondern Nutzer vergeben. Dieser ist für Gudehus Teil des Experiments, als das sie den Ehrenpreis für Gestaltung insgesamt betrachtet. „Unser Ziel ist, gestalterische Leistungen jeder Art mehr ins Bewusstsein zu rücken, und die Menschen, die Prozesse, die Arbeit dahinter zu würdigen“, sagt Gudehus. Für sie steht am Ende die gesellschaftliche Anerkennung der Gestaltung und der Gestalter. Und das gewiss auch, damit aus einer gesteigerten Wertschätzung bei Auftraggebern bessere Honorare folgen – denn die sind für die mehrheitlich selbständigen, freiberuflichen Gestalter durchaus ein Problem, genau wie für die allermeisten Berufsgruppen der von der Bundesregierung als „Kultur- und Kreativwirtschaft“ zusammengefassten Branchen.

Der Ehrenpreis für Gestaltung hat mit der Wertschätzungsteigerung für Gestalter kein verkehrtes Motiv, ganz gewiss nicht. Ob sich Gudehus und die von ihr ins Leben gerufene Bürgerinitiative mit ihrem Preis von der breiten Phalanx an Design-Preisen sichtbar abgrenzen kann, bleibt indes ungewiss. Doch die Idee, eine Art Bundes-Gestalter-Verdienstkreuz zu vergeben, die hat was. Sollte sie erfolgreich sein, dann könnte am Ende sogar eine politische Debatte entstehen: darüber, dass die ultimative, gesellschaftlich vorgeschlagene Gestaltungs-Lobhudelei womöglich staatlich geweiht sein soll – ob nun mit Queen oder ohne.

Links zum Ehrenpreis Gestaltung:

Website: http://www.der-ehrenpreis.de

Twitter: https://twitter.com/#!/derEhrenpreis

Facebook: http://www.facebook.com/pages/Ehrenpreis/298158893585104 (edit)

18:47 16.11.2012
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Geschrieben von

hest

Journalist, Autor, Referent, Lehrkraft, Freischreiber. Wanderer & Wunderer in Sachen Medienkultur
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