Rücktrittsredenschreiber? - Läuft gerade super!

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„Und?“ Ich setzte das „machst‘n Du jetz‘ so?“-Gesicht auf, unter journalistischen Wanderarbeitern eine wohlbekannte Begrüßung. Während er betont lässig ins Geschehen des Stehempfangs rundumblickte, reichte er mir seine Visitenkarte.

Müller-Meier-Schulze – Rücktrittsredenschreiber
Wir geben Ihnen unser Wort

„Gnihihi, sehr clever“. Ich zeigte ihm übertrieben schmunzelnd den vermutlich erwarteten „Gefällt mir“-Daumen und legte die Karte ab. Er hatte schon damals in unserer gemeinsamen Redaktionszeit Sinn für Humor und Mut zur Selbstironie, war amüsant mit ihm. „Ja, stimmt schon, es könnte ‘n Gag sein“, wandte er sich nun ganz mir zu. „Aber Du glaubst nicht, wie das in diesen Social Media Networks funktioniert, die Leute nehmen alles für …“ – „Doch, doch, glaube ich sofort, ich hatte mal diesen Job in einem Studentennetzwerk als Irrationalisierungsmanager, da musste ich mit erfundenen Gerüchten … “. Er drehte sich um. „Hey, komm schon“, sage ich „ … also gut: Spezialisierung, klar, Nische besetzen, auch klar, aber mal ehrlich: Wie kommt man denn bitte auf ‘Rücktrittsreden‘ schreiben?“

Ich griff vom Tablett zwei Bierflaschen, das ‘Plong‘ ihres rituellen Zusammenstoßens hob endlich seinen ernsten ‘Ich-mache-hier-Geschäfte‘-Vorhang.

Nach den guten Jahren mit fest angestellter Redakteursbewirtung hätte es auch bei ihm lange Zeit nur preiswerten Durchwurstelsalat gegeben. Hier‘n Artikel, da‘n PR-Text, zwischendurch mal ‘ne befristete halbe Stelle, Schrumpfhonorare, Nebenjobs und so fort. „In der Unternehmenskommunikation von so‘ner Solarbude liessen sie mich dann die Absagen an Bewerber schreiben. Jede Woche ein paar Dutzend. Irgendwer mochte da aber keine Textbausteine, also musste ich das ewige ‘Bedauern wir, Ihnen mitteilen zu müssen‘ x-fach variieren. Das schult enorm. Naja, dann kackte der Laden ab, und ich durfte noch die Anschreiben zu hunderten Kündigungen humanisieren … “ „ … einschliesslich Deiner eignen, nehme ich an.“

„Eben nicht! Mitten im Abstiegskampf wollten die Chefs tatsächlich ‘Verantwortung übernehmen‘. Und um wenigstens sprachlich gepflegt den Hut zu ziehen, übertrug man mir diese Aufgabe, ich hatte ja reichlich Übung im Absagen erteilen. Und da fiel‘s mir auf: Das ist ein Trend! Rücktritte in der Wirtschaft, in der Politik, in der Kunst, im Sport – Rücktritte, Rücktritte, Rücktritte. Und überall lauern die Medien auf‘s mitschneiden – die einen von was ‘druckreifem‘, die anderen von was ‘blamablem‘. Letzteres will keiner, Ersteres kann kaum einer. Darin sah ich meine Chance, und spezialisierte mich auf Rücktrittsreden.“ Nicht übel, dachte ich neidisch, und nahm einen großen Schluck.

Trainer und Profisportler hätten sich jedoch als kaum lukrativ erwiesen, erzählte er, da gäbe es zwar haufenweise Rücktritte, aber meistens hauten die einfach nur ab, (gut) Reden sei nicht so deren Ding. An das Marktsegment ‘Kirchenvertreter‘ habe er zum Glück nur kurzzeitig geglaubt, dort würde es schlicht an Dynamik fehlen. Doch Manager, da lief es immer prima, bis in die allerhöchsten Funktionen. „Vor rund zwei, drei Jahren dann nahmen die Politiker bei der Rücktreterei ordentlich Fahrt auf: ein Premium-Auftrag nach dem anderen. Ich kann jetzt sogar Volontäre ausbeuten, hähä. Nee, wirklich, das Segment Politik läuft gerade super, das wird Dir ja in den letzten Tagen nicht entgangen sein.“ Jetzt brauchte ich einen noch größeren Schluck.

„Aber, die Namen“, wandte ich ein, „Müller-Meier-Schulze – die sind doch ‘n schlechter Witz. Ich meine, da hast Du doch was besseres drauf. Etwa ‘Ich habe fertig - Büro für Rücktrittsgerede‘.“ Ja, klar,“, sagte er, „anfangs habe ich ja auch so gedacht wie Du, hatte sofort die Werbebanner im Kopf: ‘Kreide – wir bringen Sie auf den Geschmack‘ oder ‘Canossa – wir bringen Sie sicher hin‘, unterlegt von diesem Ohrwurm (summt die Melodie ). Ich träumte sogar davon, in den breiten Markt zu expandieren als ‘Ausredenschreiber‘. Doch das Segment ist mausetot, geflutet von Heerscharen von Schülern, Studenten und Blaumacheragenturen, die ihr Zeug umsonst ins Netz stellen. Mitunter erstaunlich gut, wie überall auf diesen Amateurmärkten.“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, das ist ein seriöses Geschäft und keine Nische für Witzbolde.“ Über Ironie liefe da nichts, Rücktrittsreden seien was für Profis. „In den Sphären, in denen eine Rücktrittsrede wirklich gebraucht wird, darf, nein, dort muss der Anbieter teuer sein – und aussehen.“ Hm, das leuchtete mir sofort ein. Aber „Müller-Meier-Schulze“ – das klingt doch nun wirklich …“ „… wie eine erfundene Anwaltskanzlei, ich weiss. Das feine Augenzwinkern darin ist gewollt, diese Kunst-Namen signalisieren durch ihre Austauschbarkeit vor allem eins: Diskretion. Und, naja, Anwaltskanzlei ist ja nicht die schlechteste Assoziation: eine gute Rücktrittsrede muss schliesslich wie ein Plädoyer sein.“

„Wie ein Schluss-Plädoyer“, wollte ich ihn verbessern, doch er schüttelte, das Bier im Anschlag, seinen Kopf und deutete mit drehender Hand an, ich solle die Visitenkarte wenden: „Nicht unbedingt. Was ist wohl die sinnvolle, ja logische Erweiterung meiner Nische, meines kleinen Geschäftsfeldes?“, rief er noch, während er schon eine ihm zuwinkende Dame ansteuerte.

Ich drehte das Kärtchen um. Auf der Rückseite stand:

Neu-Macht-Mai – Antrittsredenschreiber

Na, dann mal Prost!

12:09 20.02.2012
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Geschrieben von

hest

Journalist, Autor, Referent, Lehrkraft, Freischreiber. Wanderer & Wunderer in Sachen Medienkultur
hest

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