Vom Biedermeier zur partizipatorischen Kultur

Rebellion per Netz Facebook und Liquid Feedback sind nur ein Anfang. Zu besseren sozialen Netzen und offenerer politischer Entscheidungsfindung gibt es wenig überzeugende Alternativen.
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Deutschlands Umgang mit Öffentlichkeit wandelt sich: Public Viewing, bürgerliche Wutbürger auf den Straßen, die CDU NRW will Liquid Feedback einsetzen. Auch der große Erfolg von Facebook ist ein Symptom grundlegender Verschiebungen zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen. Es ist etwas in Bewegung im Verhältnis zwischen politischer Struktur und politischer Kultur.

Der Biedermeier-Kokon, in dem sich Deutschlands Bürger vor dem Mauerfall eingerichtet hatten, öffnet sich weiter. Die Ichlinge der 80er vereinten sich in den Neunzigern zur Spaß-Kultur (Kohl’s Fehlinterpretation: “kollektiver Freizeitpark”). Dann kam die Ernsthaftigkeit zurück: Fischer und Schröder, Jugoslawien und die Verteidigung Deutschlands am Hindukusch. Aus der Spaß- wurde die Wir-Kultur – das hieß jetzt auch wieder Familie, Verantwortung, Werte. Und aktuelle Stichworte sind: Runde Tische, Foren, Zukunftswerkstätten, Change 2.0. Darüberhinaus sind wir jetzt alle Freunde: Willkommen in der Beteiligungs-Kultur.

Schon die WM 2006 war ein Phänomen – Ungehemmt wurde sich gefreut und geweint, gejubelt und getrauert – Hauptsache gemeinsam. Der Erfolg des Public Viewing überraschte. Zur Sonne, zur Freiheit, zur Öffentlichkeit – Dieser Trend wurde Teil des deutschen Sommermärchens.

Das Fernsehen verliert an Boden, wird vom Internet bei der täglichen Nutzungsdauer überholt: 14-29 jährige surften länger im Internet als sie TV sahen, so die ARD-ZDF-Onlinestudie 2011.

Raus aus dem Wohnzimmer, dem Schrebergarten, der Stammkneipe. Es wird nicht mehr nur konsumiert, es wird agiert. Immer offensiver verlangen Bürger ihre Teilhabe an Entscheidungen, es wird gebloggt und getwittert.

Konflikte zwischen legitim beanspruchter Anteilnahme und formeller Demokratie werden zu Schlichtungspolitik erhoben und im öffentlichen Fernsehen ausgetragen (Stuttgart 21).

Der Trend hat einen Namen: Partizipatorische Kultur. Eine Kultur der Beteiligung und Teilnahme, im Ideal löst die partizipatorische Kultur die Konsumkultur ab, in der Passivität und Untertanengeist vorherrschen.

Partizipatorische Kultur ist ein Trend, aber in der Realität noch weitgehend ein Versprechen. Der amerikanische Medienwissenschaftler Henry Jenkins und die Co-Autoren Ravi Purushotma, Katie Clinton, Margaret Weigel und Alice Robison Autor beschrieben sie als eine Kultur (frei übersetzt):

  • mit relativ niedrigen Schranken für den künstlerischen Ausdruck und bürgerschaftliches Engagement
  • mit starker Unterstützung für die Erstellung und gemeinsame Nutzung von Ideen, Projekten, Werken mit anderen
  • mit informellen Mentoring, der Weitergabe von Wissen von Erfahrenen an Neulinge
  • in der die Menschen glauben, dass ihre Beiträge von Bedeutung sind
  • in der die Menschen ein gewisses Maß an sozialer Verbindung untereinander empfinden (sie sind zumindest daran interessiert, was andere zu ihren Ideen und Projekten sagen)

Das ist keine neue bürgerliche Revolution, wie der Vormärz nach der Biedermeierzeit, aber vielleicht doch eine bürgerliche Rebellion. Während sich der Vormärz der Wiederherstellung der Adels- und Fürstenmacht nach der französischen Revolution entgegensetzte, lehnt sich die bürgerliche Rebellion unserer Tage auf gegen Klüngelwirtschaft und eingefahrene Entscheidungsstrukturen. Der Alleinvertretungsanspruch von Behörden, Ämtern, Ausschüssen oder Parlamenten wird nicht mehr als legitim betrachtet.

Man könnte dies eine epikuräische Rebellion nennen. Während es bei Epikur um die Lage der Menschen in einem Universum ohne den Einfluss von Göttern geht, geht es hier um das geschwundene Vertrauen in die Entscheidungsfähigkeit klassischer Politik und um die Selbstermächtigung, Themen und Prozesse selbst in die Hand zu nehmen.

http://cafelascaux.files.wordpress.com/2012/08/aufkleber_-_treibt_bonn_den_notstand_aus.jpg?w=630

Das Internet ist nicht die Ursache dieser Rebellion, aber die Rebellion macht es zu ihrem Werkzeug. Das Web 2.0 – auf dieses Phänomen war der Begriff partizipatorische Kultur von den amerikanischen Medienwissenschaftlern hin gemünzt – ist ein Werkzeug, das mittelfristig vielleicht zu einer Demokratie führen kann, in der außerparlamentarische Kräfte einen größeren Einfluss erhalten - APO 2.0?

Dazu müssen sich soziale Netze und digitale Abstimmungs- oder Entscheidungsverfahren noch stark weiterentwickeln.

Facebook ist ein Werkzeug zur Organisation von Öffentlichkeit, Liquid Democracy wäre eines zur Optimierung von Entscheidungsprozessen, WikiLeaks kann man als eines zur Erzwingung von Transparenz sehen. Soziale Netze und Community-Technologien müssen aber erst noch beweisen, dass sie einem partizipatorisch-demokratischen Anspruch und den Aufgaben wirklich gewachsen sind.

Komplexe Zukunftsaufgaben wie Atomausstieg, Klimawandel, Wasserknappheit oder Welternährung stellen die Probe aufs Exempel dar. Können vernetzte Diskussions- und Entscheidungsformen die bisher entwickelten politischen Modelle produktiv ergänzen? National und international?

Netzwerke wie Facebook, Xing, Google+ oder LinkedIn haben schon ein offenbar wichtiges Element dazu integriert: Das der Reputation.

Denn die Chance ist wohl, dass soziale Netzwerke gerade mit der Bewertungsmöglichkeit der Reputation ihrer Mitglieder ein Medium bereitstellen, in dem Aufgaben des Gemeinwohls besser gelöst werden können. Zum Beispiel haben Spieltheoretiker und Mathematiker herausgefunden, dass gut vernetzte Gemeinschaften (unter der Bedingung, dass Reputation sichtbar im Spiel ist) komplexe Probleme des Gemeinwohls ("public goods") konstruktiv lösen können, und zwar vor allem dann, wenn keine Politiker mit im Spiel sind:

Reputation rettet das Gemeinwohl, Anonymität zerstört es. „Menschen achten auf ihren guten Ruf. Und sie achten genauso darauf, ob andere mitbekommen können, was sie tun. Altruisten, die sich so verhalten, dass andere es mitbekommen, die gewinnen“, sagt Milinski. Er und seine Kollegen trauen der Reputation einiges zu, sogar dass sie dazu beiträgt, den Klimawandel zu begrenzen. „Das Klima der Erde zu schützen, ist mit mehr als sechs Milliarden Spielern das wahrscheinlich größte public goods game, das wir kennen“, sagt Milinski.

(Aus einem Artikel (PDF) über Prof. Dr. Manfred Milinski, Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie, in der Zeitschrift Max-Planck-Forschung 4/2007).

Wir werden jedenfalls, wie es aussieht, jede Kreativität, jede Ernsthaftigkeit, jede Gemeinsamkeit und jede Zuversicht brauchen. Ob bei Netzwerk-Programmieren, bei Regierungen, Unternehmen, Experten, Bürgern oder Medien.

Wenn wir es schaffen, könnte man sagen – dann nur gemeinsam. Zu besseren sozialen Netzen und offener, auch digital strukturierten politischen Entscheidungsprozessen gibt es wenig überzeugende Alternativen.

Eigene Bildmontage APO-Aufruf 11.5.68 / Facebook Like

01:57 20.08.2012
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Geschrieben von

Heinz-Günter Weber

Medien Quer Denker, Autor
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