Antimuslimische Hochburg Deutschland

Rassismus Deutsche hatten schon vor Sarrazin mehr Vorurteile gegen Muslime als andere Europäer. Jetzt drücken sie diese freier aus. Das bezeugen nicht zuletzt die Islamverbände

Wieder ein Anschlag auf eine Moschee. Ende November traf die Zündelei die Al-Nur-Moschee in Berlin-Neukölln. Kurz davor die Sehitlik- Moschee, zum vierten Mal innerhalb von sechs Monaten. So etwas gehört mittlerweile zum Alltag – wie auch tägliche Hass- und Drohbriefe an muslimische Verbände und säkulare Migrantenorganisationen, etwa die Türkische Gemeinde Deutschland (TGD). Gegen deren Vorsitzenden Kenan Kolat ist eine ganze Facebook-Seite gerichtet: Etwa 130 Nutzer unterschrieben dort unter „Ausweisung für Kenan Kolat“ die Aussage: „Aufgrund der anti-deutschen Haltung sollte dieser Parasit (..) bedingungslos ausgewiesen werden.“ Initiator ist Franz Herbert Schneider, ein Mitglied der Gruppierung Pro NRW.

„Immer dann, wenn in der Öffentlichkeit verstärkt negative Klischees in Debatten über Muslime, Türken und Araber auftauchen, nehmen Hass-Mails zu“, kommentiert ein Sprecher des Zentralrats der Muslime dessen Erfahrungen. Das bestätigt auch Erol Pürlü vom Koordinationsrat der Muslime. Der Hass auf Muslime zeige sich immer unverfrorener, sagt er: Auf dem Baugelände einer Moschee in Neckarsulm hätten Körperteile von Schweinen gelegen; ein Hakenkreuz sei angebracht gewesen, so Pürlü. Es bleibt nicht bei Einzeltaten: In einer konzertierten Aktion seien in diesem Frühjahr an viele größere Moscheegemeinden abgeschnittene Schweineohren geschickt worden, schreibt der Zentralrat auf seinem Webportal islam.de.

In den Hass- und Drohbriefen zeigen sich Anklänge an die aktuellen Terrorwarnungen: „Wenn ihr am Montag einen Anschlag verübt, dann werdet ihr noch am selben Tag ausgerottet.“ Aufgegriffen werden auch jüngste Äußerungen etwa von CSU-Chef Horst Seehofer über so genannte Kulturkreise. In einer Mail heißt es: „Verschwindet in euren Kulturkreis, dann seid ihr und sind wir glücklich.“ Offensichtlich tragen rechtspopulistische Äußerungen einiger Politiker und von Ex-Bundesbankchef Thilo Sarrazin Früchte: „Insbesondere nach Thilo Sarrazin sind die eingehenden Mails hemmungsloser, unverschämter geworden als früher“, sagt Kenan Kolat.

„Muslimhass unverfrorener“

Eine zum Wochenende erschienene Studie der Universität Münster kommt zu dem Schluss, dass die Deutschen islamfeindlicher sind als vier westeuropäische Vergleichsländer – Frankreich, Dänemark, Niederlande und Portugal. Vorurteile und Ängste gegenüber Muslimen hat es demnach im Verborgenen schon vor Sarrazins Thesen gegeben. Fast zeitgleich veröffentlichte der Bielefelder Sozialisationsforscher Wilhelm Heitmeyer einen Zwischenstand aus seiner Langzeiterhebung zur „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“. Er erklärt, dass sich die Islamfeindlichkeit in der Mitte der Gesellschaft und im Spektrum links davon deutlich verstärkt habe.

Auch nach dem 11. September 2001 bekam der Zentralrat Hassbriefe, „welche die Heftigkeit der gegenwärtigen Briefe aber nicht annähernd erreichten“, sagt ein Zentralrats-Vertreter. Die Schreiber seien durch die Integrationsdebatte bestens mit Argumenten gewappnet. Zudem halte die Welle schon seit Monaten an, was 2001 ebenfalls nicht der Fall gewesen sei. In der Regel würden solche Mails an die Behörden weitergeleitet. Doch die seien „angesichts der Masse der eingegangenen Mails überfordert“.

TGD-Chef Kenan Kolat forderte deshalb jüngst, „dass die Sicherheitsbehörden das Ausmaß islamfeindlicher Straftaten systematisch statistisch erfassen“. Die Verfassungsschutzämter differenzieren zwar zwischen ausländer- und fremdenfeindlichen Delikten auf der einen – und antisemitischen Delikten auf der anderen Seite. Die Unterscheidung nach antimuslimischen Straftaten gibt es bislang nicht. Sie ist längst fällig. Und nicht nur das. Der nächste Schritt wäre möglicherweise ein ausreichender Polizeischutz von Moscheen, wie es ihn auch für Synagogen gibt. Behörden, Polizei und Gesellschaft müssen sich für antimuslimisch motivierte Einstellungen und Hassdelikte sensibilisieren lassen. Verfolgung und Bestrafung der Täter müssen einen auch öffentlichen Stellenwert erhalten.

Es sollte aufmerken lassen, dass es nicht verfolgungswürdig ist, wenn Menschen öffentlich als „Parasiten“ – einst ein Schimpfwort für jüdische Menschen – bezeichnet werden. Mittlerweile wird – laut islam.de – einmal im Monat ein Anschlag auf eine Moschee verübt, ohne dass es die breitere Öffentlichkeit wahrnimmt. Es müsste irritieren, dass es „so normal wird, dass man gar nicht mehr darüber zu reden braucht, wenn muslimische Frauen mit Kopftuch auf offener Straße beschimpft und angespuckt werden“, wie Bekir Yilmaz, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde zu Berlin berichtet. Höchste Zeit, die Menschenrechte religiöser und säkularer Muslime konsequenter zu schützen.

Hülya Gürler ist Diplom-Pädagogin und schreibt über Diversity- Themen

16:00 09.12.2010
Geschrieben von

Hülya Gürler

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