Harter Kern

Porträt Arye Sharuz Shalicar ist Pressesprecher der israelischen Armee. Als Jude wuchs er unter muslimischen Jugendlichen im Berliner Wedding auf und schloss sich einer Gang an

Als Ort für das Gespräch hat Arye Sharuz Shalicar ein türkisches Café im Berliner Stadtteil Wedding vorgeschlagen. Hier ist er aufgewachsen, heute lebt er in Jerusalem und arbeitet als Pressesprecher der israelischen Armee. Nach Berlin ist er zurückgekehrt, um sein Buch Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude (dtv) vorzustellen. Darin erzählt er von seiner Jugendzeit als Mitglied einer Weddinger Gang. An den Nachbartischen des Cafés essen Gäste Sesamgebäck, es läuft türkische Pop-Musik. Shalicar bestellt sich einen Tee.

Der Freitag: Herr Shalicar, eine Szene aus Ihrem Buch hat mich sehr berührt: Sie erzählen von Ihrer erste Liebe Selma, einem türkischen Mädchen aus dem Wedding. Sie wies Sie zurück: Sie seien Jude und sie selbst Muslima, das könne nicht funktionieren.

Arye Sharuz Shalicar:

Selma war meine erste große Liebe. Sie kam aus der türkisch-nationalistischen Ecke. Als Jude hat sie mich aber immer in Schutz genommen vor den Attacken türkischer und arabischer Jugendlicher. Trotzdem sagte sie mir, dass wir wegen der Religion nicht zusammenkommen könnten.

Waren Sie sehr enttäuscht?

Damals habe ich das nicht verstanden und war traurig, denn ich hätte alles getan, um ihr Freund zu werden.

Sie sind Jude iranischer Abstammung. Während Ihrer Jugend im Wedding haben Sie verschiedene Phasen durchgemacht. Mit 16, 17 Jahren waren Sie Mitglied einer Gang. Dann haben Sie sich eher zurückgezogen.

Das Ganze hat eine Vorgeschichte: Mit 13 war ich auf den Straßen unseres Viertels das Opfer. Man hat mich als Juden fertig gemacht. Ich hörte immer wieder Sprüche wie: ‚Jude, du gehörst nicht hierher. Wir wollen dich hier nicht haben.‘ Dann habe ich Husseyn, Mitglied einer arabisch-kurdischen Gang, kennengelernt. Er hatte im Bezirk sehr viel zu sagen. Er hat mich gemocht und verteidigte mich.

Was hat sich dadurch geändert?

Durch ihn bin ich in diese Gang-Sache hineingerutscht. Mit der Zeit habe ich Gefallen daran ge­funden. Unter den aggressivsten Jugendlichen brauchte ich zumindest keine Angst haben, auf der falschen Seite zu stehen, also auf jener der Schwachen und Opfer. Wer dort steht, hat keine Chance. Ich als Jude musste mich mit den radikalen muslimischen Weddingern verstehen, ganz genauso wie auch viele moderate türkische Weddinger, weil man sonst fertig gemacht wurde auf dem Pausenhof oder auf dem Weg nach Hause.

Ihre dunkle Haut- und Haarfarbe hatten Sie mit den anderen Jungs gemeinsam. Nur dass Sie im Unterschied zu ihnen nicht muslimisch, sondern jüdisch waren.

Es gab Situationen, in denen 20 muslimische Jungs neben mir Judenwitze oder Sprüche über Israel gerissen haben. Nicht um mich bewusst damit zu provozieren: Die haben mich damals als Weddinger Gangmitglied gesehen, nicht aber als Juden. Sie haben gar nicht darüber nachgedacht, dass mir das wehtun könnte.

Im Buch beschreibt Shalicar, wie Kreuzberger und Weddinger Gangs um den Titel des gefährlichsten Bezirks Berlins rivalisieren. Bei einer Massenschlägerei von 100 Jugendlichen nach einem Breakdance-Turnier verprügeln Weddinger Jugendliche die Kreuzberger in deren eigenem Bezirk. Die Gang von Shalicar ist sehr stolz auf diesen Sieg. Für die Niederlage bei einem zweiten Zusammenstoß wird Shalicar dann aber die Schuld gegeben.

Irgendwann haben Sie mit Ihren Gangfreunden gebrochen. Wie kam es dazu?

Bei einer Schlägerei mit 20 Kreuzberger Jugendlichen wäre ich fast abgestochen worden. Meine Kumpels hatten Angst und haben mich im Stich gelassen. Da habe ich gesehen, dass das nicht meine wahren Freunde sind. Ich wurde danach von ihnen auch noch als Verräter, eben als ‚der Jude‘ gesehen, weil sie mich für die Nieder­lage verantwortlich machten. Da habe ich gemerkt: Ich kann tun, was ich will, ich werde nie wirklich ein Teil der Szene werden.

Was war so faszinierend an diesen Jugendgangs? Trotz der antisemitischen Diskriminierung hat es Sie da ja hingezogen.

Zwei Sachen: Als 14- und 15-Jähriger hatte ich zum einen keine andere Wahl. Ich musste Teil der Aggressiveren werden, um mich und meine Geschwister vor ihnen zu beschützen. Außerdem kommen diese Jungs besser bei den Mädchen an. Sie geben auf den Schulen den Ton an, werden respektiert und gelten als cool. Die Mitglieder machen sich in den Gangs durch Graffiti, Rappen oder Einbrüche einen Namen. Das verschafft einem in der Jugendszene einen gewissen Status.

Ihre Eltern haben Ihnen Ver­haltensratschläge gegeben, Sie aber nicht wirklich beschützt.

Mit 15 konnte ich meinen Eltern nicht sagen: ‚Ich will hier weg.‘ Sie hätten gefragt: ‚Warum? Was ist los?‘ Sie haben nicht wirklich mitbekommen, was auf der Schule oder auf dem Fußballplatz lief. Und ich konnte auch nicht wirklich mit ihnen darüber reden.

Heute sind Sie ein Pressesprecher der israelischen Armee. Einer Institution, die Stärke, Macht und Männlichkeit repräsentieren will. Sehen Sie Parallelen zwischen Ihrem Beruf und Ihrer Gangzeit?

Das Eine hat mit dem Anderen nichts zu tun. Gangs haben keinen Sinn. Die Jugendlichen gefährden sich selber. Viele landen im Gefängnis oder sterben. Die israelische Armee verteidigt dagegen ihre Heimat. Wir haben um uns herum Feinde, Länder und radikale Organisationen wie Al Qaida, Hisbollah oder Hamas. Ohne die Armee gäbe es dieses Land nicht mehr.

Sie hätten doch auch in einer normalen Firma arbeiten können. Warum ausgerechnet die Armee?

Für mich ist es einfach nur ein Job. Ich habe von der Armee ein Angebot bekommen und habe zugesagt. Wenn ich von einer anderen Organisation ein Angebot bekommen hätte, hätte ich wahrscheinlich das gemacht. Ich spreche mehrere Sprachen und kenne verschiedene Kulturen. Das passte gut zum Stellenprofil.

Sie sagen heute: ‚Ich bin stolz, Jude zu sein.‘ Warum das?

Mit 13, 14 Jahren habe ich das noch nicht gesagt. Mein Umfeld hat mich in diese Richtung geschubst. Anfangs habe ich das gar nicht verstanden, wenn jemand zu mir sagte: ‚Du bist Jude, du bist anders.‘ Erst wollte ich es nicht akzeptieren. Irgendwann habe ich das Jude-Sein dann aber angenommen und angefangen, darüber Bücher zu lesen. Doch erst in Israel habe ich mich als Jude freier gefühlt.

Hatten Sie dort Angst vor Selbstmord-Attentaten?

Ich bin 2001, zur Zeit der zweiten Intifada, nach Israel eingewandert. Im Bus habe ich damals immer geschaut, wer einsteigt – ein Selbstmordattentäter vielleicht? Aber selbst in diesen Situationen hatte ich weniger Angst als im Wedding mit 14 Jahren allein auf der Straße. Ich fühle mich in Israel relativ sicher, auch in den grausamsten Zeiten. Das zeigt, wie sehr ich im Wedding Angst hatte.

Sind Sie stolz, Israeli zu sein?

Ja. Ich bin aber auch stolz auf meine deutsche Identität, meine persische Identität. Ich bin stolz, dass ich in Berlin groß geworden bin. Trotz allem Negativen, was ich hier erlebt habe, habe ich eine gute Erziehung genossen. Ich beobachte typisch deutsche Eigenschaften an mir. Ich bin relativ pünktlich, ordentlich, sauber, höflich. Meine Identität ist bis heute eine viel­fältige. Jüdisch, persisch, deutsch, israelisch – und natürlich Berliner. Und das alles ist korrekt.

Wie ist es für Sie, wieder hier in Berlin zu sein?

Sehr schön. Wir beide treffen uns gerade in einem türkischen Café. Ich fühle mich in türkischen Lokalen wohl. Ich liebe bis heute meine türkischen Freunde, sie sind mittlerweile eigentlich alle selbstbewusste und gut integrierte Türken in Deutschland. Sie halten zu mir, egal, ob ich im Schuhladen oder bei der israelischen Armee arbeite.

Aber spüren Sie nicht eine gewisse Traurigkeit, wenn Sie Weddinger Straßen entlang laufen?

Ja, wenn ich hier herumlaufe, sehe ich viele Leute, denen es nicht gut geht, die aggressiv und abgeschottet wirken. Heute sehe ich vieles anders als zu meinen Gangzeiten. Ich weiß, die Vorzüge Deutschlands zu schätzen. Man lebt hier in einem wohlhabenden und freien Staat. Irgendwelche Vorurteile, nationalen Gefühle und Hass aus anderen Regionen zu importieren, ist so verfehlt. Diejenigen, die diesen Hass nicht haben, sollten den anderen helfen, ihn zu überwinden.

Wie Sie sicher wissen, stehen Muslime in der deutschen Gesellschaft zurzeit sehr in der Kritik. Und auch wenn Antisemitismus unter vielen Muslimen nicht zu leugnen ist – niemand kann Ihnen Ihre Erfahrungen absprechen –, haben Sie nicht trotzdem Angst, dass Ihr Buch anti-islamischen Hetzern in die Hände spielen könnte?

Als ich angefangen habe zu schreiben, habe ich nicht darüber nachgedacht, wem ich damit Stoff liefern könnte. Ich wollte einfach einen Teil der deutschen Realität wiedergeben. Vor allem habe ich das für meine Familie aufgeschrieben. Jetzt ist es veröffentlicht. Das hat sicher eine andere Dimension. Aber so leid es mir tut: Die Menschen, die da mitwirken – im Guten und im Schlechten –, sind Teil der Realität.

Als jemand, der mit seiner Biografie in der Öffentlichkeit steht, haben Sie aber eine besondere Verantwortung.

Ich denke, jemand, der zu meinen Lesungen kommt, spürt, dass ich nicht gegen irgendeine Gruppe Hass schüren will. Ich versuche, verständlich zu machen, dass es in diesen Bezirken wie dem Wedding besonders hart zugeht. Ich will aber auch zeigen, dass ich viel Gutes erlebt habe, gerne bis heute die muslimische Kultur genieße. Das ist ganz klar eine Bereicherung für Deutschland.

Trotzdem, was denken Sie, wie Ihr Buch in Deutschland aufgenommen wird?

Es ist sicher Interpretationssache. Der eine kann jetzt sagen: ‚Schau,

Aber es wird auch Leser geben, die sich auf positive Beispiele konzentrieren und sagen: ‚Schau, es gibt Husseyn, Sahin, Mehmet.‘

Zu wünschen wäre, dass das Buch auch jene Jugendlichen lesen, die Sie beschreiben. Also Gangmitglieder in den Problembezirken.

Ja, hoffentlich.

Was würden Sie diesen Jugendlichen sagen, wenn sie jetzt hier mit uns zusammen am Tisch sitzen würden?

Es ist so sinnlos, dieses Macho-Gehabe und die Cool-Tuerei. Das ist falsch investierte Energie. Das machen diejenigen, die im Endeffekt nicht den gesellschaftlichen Anschluss oder gute Jobs finden. Und wem gibt man dann die Schuld? Deutschland, den Deutschen, der Gesellschaft. Man muss sich aber auch selbst fragen: ‚Was habe ich in meiner Jugend falsch gemacht?‘ Man kann nicht erwarten, dass man, statt auf die Schule zu gehen, den ganzen Tag auf der Straße Unsinn machen kann. Und dass die Gesellschaft einen dann schon auffängt.

Haben Sie von Seiten der deutschen Mehrheitsgesellschaft irgendwann mal Antisemitismus erlebt?

Nein, habe ich nicht. Was aber nicht bedeutet, dass es da keinen Antisemitismus gibt. Aber mein Fall ist auch speziell: Die Mehrheitsgesellschaft war für mich in der Jugend die größtenteils muslimische Einwohnerschaft des Weddings. Später war ich an der Uni, wo ich von meinem Äußeren und von meinem Auftreten nicht verbergen konnte, dass ich aus dem Wedding kam. Ich wurde aber nicht als Jude wahrgenommen. Trotzdem hatte ich ganz andere Gewohnheiten als die meisten Studenten. Meine Freunde waren hauptsächlich türkisch.

Sie haben auch Ihren Wehrdienst bei der Bundeswehr geleistet.

Das war für mich eine Möglichkeit, aus dem Weddinger Umfeld rauszukommen. Ich bin dafür bewusst in eine Kaserne nach Schleswig-Holstein gegangen.

Wie war es da?

In der Bundeswehr habe ich am ersten Tag gesagt: ‚Ich bin Jude.‘ Ich hatte das Glück, dass ich bei den Sanitätern, einer ‚Streber-Einheit‘ für Abiturienten, war und nicht etwa beim Panzerbataillon, wo es mir ganz anders hätte ergehen können. Nicht nur als Jude: Ich war ja der Einzige mit dunklerer Haut. Um mich herum waren alle sehr deutsch, sehr hell und blond. Am Anfang war mir mulmig zumute. Erst als ich einen anderen Soldaten mit dunkler Hautfarbe sah, fühlte ich mich da wohler.


Das Gespräch führte Hülya Gürler. Sie arbeitete früher als Diplom-Pädagogin mit Jugendlichen in Kreuzberg und ist heute freie Journalistin mit den Schwerpunkten Kultur und Migration.

Arye Sharuz Shalicar wurde 1977 in Göttingen als Kind jüdisch-iranischer Migranten geboren. Nach einem Umzug seiner Familie in den Berliner Stadtteil Wedding wächst er unter Jugendlichen mit türkischen oder arabischen Wurzeln auf. Für seine Herkunft interessiert er sich bis zu jenem Tag nicht, an dem arabische Männer ihn in der U-Bahn als Scheißjude beschimpfen, weil er einen Davidstern trägt, obwohl er zu dieser Zeit nicht religiös ist.

Der Zwischenfall ist erst der Anfang. Shalicar wird öfters gedemütigt. Ein Jugendlicher, umgeben von zwölf anderen palästinensischen Jugendlichen, stopft ihm Erdbeeren in den Mund: Friss Jude, friss. Enttäuscht wendet er sich von einigen Freunden ab. Er findet neue, über die er in eine Gang kommt. Shalicar sprüht Graffiti, verschafft sich so Respekt. Zu anderen Juden in Berlin hat er kaum Kontakt. Mitglieder der jüdischen Gemeinde leben entweder in besseren Gegenden oder sprechen nur Russisch. Nach der Schule begibt Shalicar sich auf Reisen, unter anderem nach Israel und Los Angeles, wo er in seiner jüdischen Identität bestärkt wird. Seine persisch-amerikanischen Verwandten erzählen ihm vom jüdischen Leben im Iran: Muslime hätten dort nichts angefasst, was zuvor Juden berührt hätten. Jüdisch-Sein gelte als Krankheit. Für sein Buch, das im Deutschen Taschenbuch Verlag erschienen ist, wählt Shalicar daher eine shiitische Redewendung als Titel. hül

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15:00 09.12.2010
Geschrieben von

Hülya Gürler

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