Houssam Hamade
17.02.2016 | 12:14 20

10 Thesen zur Flüchtlingsfrage

Integration Die Flüchtlingskrise hat die Argumentationen sowohl linker als auch rechter Lager immens verschärft. Es ist Zeit, wieder klar zu denken und vernünftig zu diskutieren

10 Thesen zur Flüchtlingsfrage

"Wir können als stolze Weltbürger Menschen in größter Not zur Hilfe kommen"

Bild: Christof Stache/AFP/Getty

Die derzeitige politische Polarisierung um die Flüchtlings- und Islamfrage ist ungeheuer gefährlich. Linke wie Rechte beziehen sich in ihrer Argumentation auf Extrempositionen der Gegenseite. Man hält diametral dagegen, um einen Ausgleich herzustellen. Das ist nachvollziehbar. Allerdings ist der Gegensatz der linken, „weltfremden Gutmenschen“ zu den Rechten als verbohrte und rassistische Chauvinisten einer, der nicht unbedingt der Realität entspricht. Beide Seiten bringen teils sehr vernünftige Argumente an. Hier dazu einige Thesen, die zwischen den Positionen vermitteln sollen:

  1. Leitwerte sind unerlässlich. Ohne sie lassen sich weder Terrorattacken auf Flüchtlingsheime, noch die Massaker in Paris als falsch definieren. Diese Werte müssen notwendig universalistisch sein, wollen wir friedlich miteinander leben. Das Grundgesetz hat diese Werte klar und sinnvoll definiert.

  2. Die Rede von den „westlichen Werten“ ist gefährlich unpräzise. Diese Werte gehören nicht „dem Westen“. Zwar besitzen „wir“ eine großartige Tradition der menschlichen Freiheit, Solidarität und Gleichwertigkeit, aber die gibt und gab es auch woanders. „Westlich“ sind auch Sklavenhaltung, blutige Kolonialisierungen und die Shoah. „Der Westen“ ist auch ein zentraler Akteur der weltweiten (barbarischen) neoliberalen Umstrukturierung, die unsere Welt in die Misere gebracht hat, in der sie heute ist. Westlich sind auch die 20-25 Prozent der Deutschen, die laut „Mitte-Studien“ rechtsextremes Gedankengut vertreten

  3. Innerhalb des Islams gibt es derzeit viele autoritäre bis faschistische Strömungen. Auch in einigen Koranschulen in Deutschland werden menschenfeindliche Werte vermittelt. Das ist ernst zu nehmen und sinnvoll zu bekämpfen. Auch werden einige übelwollende Akteure die Flüchtlingsbewegung nutzen, um nach Deutschland zu kommen. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass wir in einer globalisierten Welt leben. Die Gefahr wird sich nicht durch hochgezogene Grenzen ausschließen lassen.

  4. Es gibt nicht „den Islam“. Es gibt den faschistischen Islam des IS und anderer ähnlicher Gruppen. Es gibt auch den autoritären und reaktionären Islam Saudi Arabiens. Aber es gibt auch die islamisch geprägten Länder, in denen acht weibliche Staatsoberhäupter gewählt wurden. Es gibt den Islam, in dem 70.000 Kleriker das Morden des IS als unislamisch und barbarisch bezeichnet haben, in dem die größte islamische Gemeinde der Welt, die indonesische „Nahdlatul Ulama“ einen vernünftigen Islam predigt. Es gibt den progressiven Islam von Amina Wudud, Mahmud Taha und Reza Aslan.

  5. Migranten und Flüchtlinge sind Menschen. Manche benehmen sich sehr schlecht. Manche benehmen sich toll. Der Großteil liegt, wie bei allen Menschen, irgendwo dazwischen.

  6. Die Grenze verläuft nicht zwischen den „Völkern“, Religionen oder Geschlechtern, sondern zwischen Arschlöchern und Nicht-Arschlöchern. Arschlöcher sind Menschen, die andere als nicht gleichwertig und gleich wertvoll erachten, die das Recht der anderen, über ihr eigenes Leben selbst bestimmen zu können, nicht anerkennen.

  7. Wir brauchen einen kraftvoll umgesetzten Plan zur Integration. Flüchtlinge müssen Deutsch lernen, denn eine gemeinsame Sprache ist aus vielen Gründen die Grundlage für ein sinnvolles Miteinander. Einige von ihnen (die, die sich „schlecht benehmen“) müssen an die Werte des Grundgesetzes herangeführt werden beziehungsweise zur Respektierung dessen gezwungen werden. Sie brauchen einen Platz in der Welt. Das ist nicht nur eine ökonomische Frage. Klappt diese Integration nicht, ist der soziale Frieden in Gefahr. All das gilt auch für einige „Deutsche“.

  8. Die Grenzen können in der gegenwärtigen Wirtschafts- und Weltordnung nicht ohne weiteres geöffnet werden. Das könnte Deutschland destabilisieren. Davon hat niemand etwas. Allerdings geht die größte Gefahr derzeit empirisch gesehen von der radikalen Rechten aus, nicht von Flüchtlingen.

  9. Den Flüchtenden muss aber geholfen werden. Wir können sie nicht einfach ihrem Schicksal überlassen, das wir als „Westen“ maßgeblich mit verursacht haben. Das gebietet die universalistische Moral, auf die immer gepocht wird. Das gebietet aber auch das langfristige Eigeninteresse. Sinnvolle Vorschläge dazu machte beispielsweise Slavoj Žižek hier.

  10. Die Flüchtlingskrise ist eine große Chance. Wir haben die Chance, uns nicht wie Mäuse vor der Misere der Welt zu verkriechen, die wir selbst mit verursacht haben. Wir können als stolze Weltbürger (auf kluge Weise) Menschen in größter Not zur Hilfe kommen. Damit erfrischen und verbreiten wir die ehrwürdige Idee von Freiheit und Solidarität Wir bejahen damit unser schönstes Erbe.

Kommentare (20)

SigismundRuestig 17.02.2016 | 13:55

Wenn man schon mal grundsätzlich über die Flüchtlingspolitik nachdenkt, muss zunächst auch einmal analysiert werden, wem wir dieses Chaos - sowohl im Management der Flüchtlingsströme als auch in Teilen der aufgebrachten Bevölkerung - angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen in unserem Lande in erster Linie zu verdanken haben. Von dem Chaos auf europäischer Ebene ganz zu schweigen!
Unser Land ist nicht vorbereitet: weder auf Unterbringung noch auf Eingliederung und Integration und im übrigen auch nicht auf die "Einstimmung" unserer Bevölkerung auf die anstehenden Herausforderungen. Die Politik hat es verschlafen.
Hätten unsere Politiker sich frühzeitig weniger auf das - offensichtlich gescheiterte - Abschotten als vielmehr auf das kluge und für alle Beteiligten letztlich nutzbringende Eingliedern fokusiert, würden wir heute nicht vor einem Berg ungelöster Probleme stehen. Und es ist daher auch durchaus nachvollziehbar, dass diese - noch - ungelösten Probleme bei manchen Menschen Ängste auslösen.
Und was die Union angelangt, muss man konstatieren: die Union kann nicht Flüchtlingspolitik!Wie sollten CDU/CSU das Flüchtlingsproblem auch lösen können, haben sie doch jahrzehntelang populistisch verkündet: Deutschland ist kein Einwanderungsland. Tatsächlich war, ist und wird auch künftig Deutschland ein Einwanderungsland sein!
Aber die Union hat das nicht in ihren Genen!
Allein angesichts der unsäglichen Rhetorik nach der Strategie "was heute noch Skandal ist morgen normal" insbesondere der CSU mit Seehofer an vorderster Front - sowie zu vieler CDU-Granden (darunter seit geraumer Zeit auch De Maizière und Schäuble) - bis in die jüngste Zeit muss die Frage erlaubt sein, ob diese nicht im Einzelfall bis zur geistigen Brandstiftung reicht, wenn doch im Gleichschritt ausländerfeindliche, teils extremistische Straftaten exorbitant zunehmen - während deren Verfolgung eher lax erscheint.Es muss auch daran erinnert werden dürfen, dass die CDU/CSU und insbesondere Merkel vor 14 Jahren das Süssmuth-Konzept für eine moderne, zeitgemäße Zuwanderungspolitik abgeschmettert haben. Vor zwei Jahren hat Merkel eine Quotenregelung auf europäischer Ebene blockiert und im Sommer diesen Jahres gut gemeinte, aber planlose Willkommenssignale in die Welt gesandt. Und über das heute sichtbare Chaos werden Krokodilstränen vergossen. Scheinheilig!
Was wir brauchen, ist weiterhin eine Willkommenskultur und ein funktionierendes Management der Flüchtlingsbetreuung und -Eingliederung, geführt von fähigen und loyalen Ministern und - last but not least - eine verbale Abrüstung. Nicht nur, weil Flüchtlinge auch Deine Schwiegersöhne/Töchter, Schwäger/innen, Nichten/Neffen, Cousins/Cousinen etc. sein könnten. Ob allerdings die Union das kann, darf bezweifelt werden!
Sigismund Rüstig hat diese Sichtweise in seinem Song "Ich bin, ich hab, mia san mia" thematisiert:http://youtu.be/2AdoJY-VRkwViel Spaß beim Anhören!
Rock-Blogger, Blog-Rocker und Roll'n Rocker Sigismund Rüstig posted auf multimediale Weise Meinungen und Kommentare zu aktuellen Reiz-Themen in Form von Texten und Liedern.

uebung 17.02.2016 | 14:51

Die Punkte 1 bis 4 finde ich sehr gelungen, insbesondere Punkt 2 finde ich sehr gut herausgearbeitet mit dem Blick darauf, dass der Westen nicht perse Das Gute ist, sondern schlicht eine gesellschaftliche Lebensformation mit ihrem Für und Wider und zu Moralischem Kolonialismus nicht auserkoren.

Was mich stört, ist die permanent nicht weiter zur Diskussion gestellte Annahme, dass a) Migration unerlässlich ist und b) Flüchtlinge zu integrieren seien. Auch hier wird wieder unterstellt das Flucht- und Migrationsbewegungen ein- und dasselbe seien. Dem kann ich so nicht zustimmen. Migration ist Teil der menschlichen Weltgeschichte, jedoch nicht deshalb ein Muss, um Gesellschaft an sich lebensfähig oder entwicklungsfähig zu halten. Es gibt auch kulturellen, geistigen, technisch-handwerklichen Austausch ohne Migration. Ich würde gerne mal wissen, woher die Postulierung herkommt, wenn keine Migration=nichtlebensfähige, weil nicht weiterentwickelnde Gesellschaft.

Ableitend kann ich nur feststellen, dass jene, die Flüchtlinge dringend integriert wissen wollen und deshalb weitreichende Forderungen an die aufnehmende Gesellschaft stellen, zutiefst pessimistische Menschen sein müssen oder nicht weiterdenkende Menschen. Denn sie sagen indirekt, dass ein Frieden in den Konfliktregionen nicht mehr herstellbar sei, weshalb die Menschen, wie jetzt Syrer, Iraker und Afghanen zwingend in Deutschland integriert werden müssten. Sie sagen damit, Syrien ist verloren für die Syrer. Sie sagen damit, es gäbe keinen Weg zurück für diese Menschen.

Ich würde gerne endlich mal von Flüchtlings-(nicht Migraions-)intergrationsbefürwortern dezidiert diese Annahme im Detail argumentenreich dargestellt bekommen.

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Ehemaliger Nutzer 17.02.2016 | 23:24

und es diktiert eine Art von Grimms Märchen zusehends öffentliche Diskurse.

Klar zu denken und buchstäblich (wieder? - wann eigtl?) auf den Teppich zu kommen, das ist allerdings nicht grad en vogue - warum auch.

Wo es doch so gut zu funktionieren scheint: das mit dem weiteren Blutvergiessen.

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Ehemaliger Nutzer 17.02.2016 | 23:33

und ich bezweifle weiterhin, dass es eine "Flüchtlingsfrage" je so geben wird wie eine ebenso erbärmlich erscheinen könnende "deutsche Frage": beide haben nicht gefragt - sonden Geltung zu erlangen gesucht - mit unterschiedlicher Faktizität - historisch gesehen vlt - bis jetzt - oder so

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Ehemaliger Nutzer 17.02.2016 | 23:42

Man stelle sich vor: man flöge nach Dubai, würde einen Asylantrag im Bursch el Arab stellen und sich wundern, warum da solange diskutiert wird drüber.

Während aus dem Bursch El Arab weiterhin die Direktiven a la große weite Welt verlautbart werden - Globalisierung eben.

Dass mit "Globalisierung" eben auch Elend globalisiert wirken könnte, darüber möchten die Elenden und entrechteten garnicht nachdenken müssen : entweder weil sie zu blöd sind oder aber ihren ganz eigen wirkenden Rassismus noch nicht zur Kenntnis genommen zu haben scheinen, den sie gern lieber anderen zuschieben wollen als sich selbst...

ironisch - sokratisch gesehen [best wishes 4 Busche and Arendt]

oder so

Frieda Baum 18.02.2016 | 07:03

Danke für den Artikel, sehr gelungene Zusammenschau und Vorschläge! Bitte schreiben Sie mehr dazu.

Einzig bei der Differenzierung Arschlöcher- Nicht Arschlöcher lassen Sie sich zu Verbalgewalt hinreißen, was ich persönlich für verzeihbar halte.

Wenn ich darüber nachdenke, wie es anders formuliert werden könnte, verzettel ich mich gedanklich. Hier ein psychologisierender Versuch: Die Arschlöcher sind doch diejenigen, die von der Angst zu wenig Macht (über ihr Leben) zu haben getrieben sind und ihren Machtanspruch gegen ihre Mitmenschen (und nicht unter Berücksichtigung von deren Interessen) durchsetzen wollen.

Die eigene Angst vor Ohnmacht wird zum Triebmotor von unsäglichen Zumutungen an den Mitmenschen, eigene Stärke kann nur in diesem Gebaren erlebt werden, eigene Ohnmacht wird verdrängt.

Was halten Sie davon?

balsamico 18.02.2016 | 09:20

Einzig bei der Differenzierung Arschlöcher- Nicht Arschlöcher lassen Sie sich zu Verbalgewalt hinreißen, was ich persönlich für verzeihbar halte.

Die Frage ist, wie man Arschlöcher zu Nicht-Archlöchern macht, wenn man mal unterstellt, dass die Nicht-Arschlöcher besser sind als die Arschlöcher, und was ja keineswgs ausgemacht ist. Man muss es übrigens nicht so nennen. Es geht um die bekannten Dichotomien von gut und böse, dumm und klug oder, wie es Heinrich Böll gesagt hätte, um Böcke und Schafe. Da Umerziehung weder erwünscht ist noch gelingen kann, und Bildung nicht gehörig gefördert wird, sehe ich für die Zukunft eher schwarz.

Filou Sophia 18.02.2016 | 09:37

Bei Punkt 9. steigen aber die Gegner der liberalen Asyl- und Migrationspolitik aus. Sie sagen dann "müssen", die aber "müssen nicht". Und dann? Seitens der Gegner wird eben keine Universalität der Werte und Ansprüche, sondern ein Rückzug auf Nation, Status und Eigeninteresse vertreten. Sie machen den Gegnern also ein Angebot, das die nur ablehnen können, nämlich ihre Position aufzugeben, weil es Menschenrechte, Grundgesetz und GFK nun einmal gibt. Die Gegner jedoch würden das Grundgesetz ändern wollen und bestreiten die universellen Geltungsansprüche.

Letztendlich steht hinter dem Konflikt eine unterschiedliche Bewertung der Belastungsgrenzen. Da sehen viele Linke aufgrund solidarischer Einstellung noch Luft nach oben, wogegen die Gegner die Ausnahme zum Regelfall eskaliert betrachten. Das ist diskursiv nahezu unvermittelbar. Daher auch der Regierungs- und Parteientaumel. Jeder, der die Entscheidungen nicht vor seinem Gewissen, dem Parlament, der Partei und den Wählern zu vertreten hat, kann natürlich gut reden und betrachten. Ich teile die Perspektive, dass dieser Konflikt Europa an seine Grenzen treibt, vermutlich auch zerbrechen lässt. Krisen- und Armutswanderung lässt sich nicht abstellen. Diese Heimsuchung wird Europa, ob mit oder ohne Festung und Waffengewalt, nicht loslassen.

Nordlicht 18.02.2016 | 17:50

Eine anspruchsvolle Aufgabe, die sich der Autor da gestellt hat: mit einem Rundumschlag alle wichtigen Aspekte und Positionen zu behandeln.

Ds Ergebnis ist anregend, aber auch ärgerlich. Aber so soll es ja sein bei einem Diskussionsaufschlag. Zu jedem Abschnitt könnte man Einwände und Ergänzungen bringen; das kann ich in notwendiger Ausführlichkeit aber nicht leisten.

Einen Satz aber als Aufhänger:

"„Der Westen“ ist auch ein zentraler Akteur der weltweiten (barbarischen) neoliberalen Umstrukturierung, die unsere Welt in die Misere gebracht hat, in der sie heute ist."

Ob damit die Aufforderung an Uns verbunden ist, Migranten und Flüchtlinge in grossem Umfang ins Land zu lassen, wird zwar nicht direkt gesagt; ich entnehme das aber dem Argumentationsverlauf. Einer solchen moralischen Pflicht möchte ich entschieden widersprechen, wie ich auch dem Satz mit dem Neoliberalisierung als Ursache einer "Misere in der Welt, wie so nun einmal ist" widerspreche.

Ich halte diese Aussage aus Pkt. 2 für eine Phrase, für Behauptung ohne Erläuterung, wie hier Neoliberalismus definiert und interpretiert wird, welche historischen Marken als Belege heran gezogen werden. Das ist nicht mehr als eine Fahne. Ich stelle dem entgegen, dass es den Menschen in der Welt insgesamt besser geht als zuvor.; die Indikatoren dazu können wir gerne im Detail diskutieren. (Dass es zu vielen Menschen schlecht geht, steht meiner Bewertung nicht entgegen und sollte Gegenstand zur Arbeit an Verbesserungen sein; da ist auch keine Frage.)

Zu einer allgemeinen (Selbst-)Kasteiung des Westens besteht kein Anlass in dem Sinne, dass der Westen mehr historische Schuld als viele andere Gesellschaften auf sich geladen hat.

Ein Beispiel für die Engführung der Argumente des Autors: Ja, die Sklaverei als Basis der Plantagenwirtschaft in den Kolonien war schändlich, dazu kann historisch ergänzt werden, dass bereits das alte Ägypten, das alte Rom, etc. Sklaven hielten und wirtschaftlich nutzten, ebenfalls die muslimische Weltreiche der vergangenen 1.300 Jahre. Und dass Orient und Okzident bei dem Fangen und Verschleppen von afrikanischen Menschen sich prima ergänzt haben, passt in keines der üblichen Gedankenschemen von Kolonialismus und Ausbeutung des Westens, gehört aber dazu.

Meine These: Europa ist nicht verpflichtet, Migranten aufzunehmen - weder wegen irgendwelcher historischer Ereignisse noch wegen der Interpretation der weltwirtschaftlichen Situation.

Asyl und Flüchtlingshilfe sind anders zu sehen. Die westlichen Saaten haben sich zur Hilfe verpflichtet. Dass Asyl gewährt wird, ist keine notwendige oder auferlegte, sondern eine freiwillige grosszügige Haltung. Und die Genfer Flüchtlingskonvention spricht auch nicht von der Verpflichtung zur Aufnahme, sondern von der Gleichbehandlung wenn sich die Flüchtlinge rechtmässig mehr als 3 Jahre im Land aufhalten. Ob man sie aufnimmt, ist in die Entscheidungen der Länder gestellt.

In vielen Abschnitten des Textes wird "der Westen" wie ein Straftäter behandelt, dem der historische Glücksfall "Flüchtlingskrise" Gelegenheit zur Buße und Wiedergutmachung gibt. Das ist von Anfang an ein falscher, anmassender Zungenschlag.

Sabine Manning 18.02.2016 | 19:16

"These 7: ...Wir brauchen einen kraftvoll umgesetzten Plan zur Integration. Flüchtlinge müssen Deutsch lernen, denn eine gemeinsame Sprache ist aus vielen Gründen die Grundlage für ein sinnvolles Miteinander..."

Völlig richtig - Deutsch als gemeinsame Sprache ist wesentlich für eine gelingende Integration. Doch das ist keine einseitige 'Pflicht' für die Flüchtlinge und Migranten. Auch die Deutschen sind gefordert, auf die Neuankommenden sprachlich zuzugehen, sie beim Spracherwerb zu unterstützen und die eigenen Fremdsprachenkenntnisse zu mobilisieren. Zu Initiativen in dieser Richtung vgl. den Blog "Refugees im sprachlichen Neuland" (http://multisprech.org/2015/12/11/refugees-welcome/)

Ivold 19.02.2016 | 15:12

Der Autor hat die Entschuldigung seine Thesen mangels Platz nicht ins letzte Detail erläutern zu können – Sie hätten genug Platz ihre Gegenthese auszuführen; und bringen doch sich im Kreis drehend kaum Argumente. Was ich da an „Thesen“ rauslesen kann:

1) Der Westen (wie vom Autor durch die Anführungszeichen vermutlich angedeutet kein einzelner, homogener Akteur) ist nicht mitverantwortlich für globale Ungleichheit. Beleg: Sklaverei gabs auch schon mal woanders. Aha. Was zu widerlegen wäre: die globale Weltwirtschaft (in der westliche Staaten, Unternehmen, Banken, Individuen etc. eine zentrale, wenn auch nicht die einzige Rollen spielen) produziert Gewinner und Verlierer; und in den letzten Jahrzehnten zeigt die Empirie sehr deutlich dass die Zahl letzterer immer mehr steigt und diese weiterhin vor allem im globalen Süden zu finden sind. Teilweise werden die Zahlen dadurch verharmlost, dass China (eines der Länder mit weniger starken neoliberalen Reformen) sich gegen die von IWF und Weltbank (jeweils mit einer Dominanz westlicher Staaten) verordneten Reformen wehrte und sein eigenes Modell konzipierte; teils werden Zahlen tatsächlicher Armut dadurch verschleiert, dass Messkonzepte ungenau sind. Von z.B. multinationalen Firmen enteignete Menschen in der Landwirtschaft tauchen als Lohnarbeitende in Statistiken auf und verdienen vermutlich nun mehr, haben tatsächlich aber weniger. Diese Prozesse noch weiter auszuführen wäre endlos...Fakt ist die Weltwirtschaft und die ihr innewohnenden Handels- und Schuldenstrukturen seit Jahrhunderten so konzipiert sind, um die Dominanz westlicher Staaten, die diese Architektur in Zeiten des Kolonialismus errichtet haben, zu reproduzieren. Die Tatsache dass es auch innerhalb der Regionen des globalen Südens Hierarchien gibt oder dass Sklaverei nicht neu ist (ihre Integration in die globale Kapitalverwertung allerdings schon) ändert daran nichts.

2) „Europa ist nicht verpflichtet, Migranten aufzunehmen.“ Keine Argumentation dafür außer dass die anderen auch nicht besser seien. Das ist so dünn dass ich darauf auf Basis des bisher Geschriebenen nicht weiter eingehen mag; außer mit dem Verweis darauf, dass die Formulierung „grosszügige Haltung“ dem Fass des privilegierten-westlichen Zynismus den Boden ausschlägt.

Nordlicht 20.02.2016 | 18:21

Zu 1.: Zu allen 10 Thesen hätte ich Kommentare. Ich behaupte nicht, dass meine Ansichten Gegenthesen zu Widerlegung von Thesen sind. Ich teile lediglich eine Reihe von Behauptungen des Autoren nicht. Dass Sie meine Meinungen nicht teilen, ist nun Ihr gutes Recht. Ihre Behauptungen auch nicht belegt; es sind Ihre Sichtweise und es ist Ihr Sprachgebrauch. Einen grösseren Wahrheitsgehalt haben Ihre Ausführungen auch dadurch nicht, dass Antikapitalismus und zugehörige revolutionäre Phrasen mit Empörung garniert werden..

Zu 2.: Warum Europa Migranten aufnehmen sollte, ist mir auch nach Ihren Äusserungen nicht klarer geworden. Sie halten die Haltung Europas nicht für grosszügig? Können Sie Staaten nennen, die nicht eingeladene Besucher so lange versorgen?

Lassen wir doch die Scheinwissenschaftlichkeit von "Thesen" und "Gegentehesen". Es handelt sich um Meinungen. Sie haben Ihre Meinungen zu einer Haltung verdichtet. Ihre Haltung ist nicht untypisch für gewissen Medien und Gruppen. Man möchte die ganze Gesellschaft anders haben als sie ist. Und weil man nun einmal dazu gehört, kommt Selbsthass auf.

So sehe ich das.

Lilies & Blue 22.02.2016 | 18:33

Ja, Deutsch ist super wichtig - nicht "Deutsch", denn das artet schnell in "universalistisches"Geschwurbel aus, statt universell verständlich zu sein.

Soweit ich weiß, finden auch die meisten Saudis ISIS ziemlich be%&/ssen und haben keinerlei Lust auf Terror. Seit wann ist der Islam aber "vernünftig" sobald er sich vom Terror abgrenzt?? Dann wären die Piusbrüder ja quasi Leuchten der Aufklärung.

Und wen soll die Erwähnung weiblicher Staatsoberhäupter der islamischen Welt beeindrucken? Benazir Bhutto macht das korrupte, kaputte, vormittelalterliche Pakistan, das Geld für Atomwaffen, aber nicht für Bildung hat sicher nicht zum Vorbild für eine gesunde Gesellschaft.

Ach ja - "westliche Werte" - das war doch der Slogan derer, die sich von eben dieser "westlichen" "Dekadenz" abgrenzen wollten!

Und ja, stimmt, Sklaven hat es auch in Europa gegeben - nicht nur in Afrika oder unter Muslimen.

Warum erinnert mich dieser Beitrag so an das "Migazin"?

Rafael Przyrembel 24.02.2016 | 10:05

Integration bedeutet ja Einbindung in die Gesellschaft.

Dass die Flüchtlinge in die Gesellschaft eingebunden werden, da sie hier Asyl suchen, ist auf jeden Fall kein Schaden und bedeutet zunächst nur, dass wir sie als menschen respektieren und anerkennen.

Außerdem ist gerade diese Offenheit eine unbedingt notwendige Eigenschaft jeder Gesellschaft, um das Menschenrecht auf Sebstbestimmung jeglicher Art nicht zu verletzen.

Ob alle Geflüchteten auch dann noch hier bleiben, wenn die Gefahr in ihrer jeweiligen Heimat gebannt ist, bleibt dann ihnen selbst überlassen.

Allerdings hast Du recht, wir stehen vor zwei Aufgaben:

Die Aufnahme und Integration der Geflüchteten und die Mitwirkung an der Bewältigung der Krisen in ihren Heimaten aus internationaler Solidarität (und selbstverständlich aus Mitschuld daran).

uebung 25.02.2016 | 05:11

Sehe ich eindeutig anders. Es gibt verschiedene Stufen der Integration und Flüchtlingsaufnahme bedeutet für mich in keinster Weise Integration, genauso wie Asyl dies nicht bedeutet, sondern das Angebot von Schutz, was mit Respekt und Menschenwürde vollkommen konform geht.

Die Vermischung von Flucht, Asyl und Migration aus anderen Gründen sehe ich als eines der Grundprobleme im derzeitigen Umgang, ja sogar als wesentliches Moment für die Auslösung dessen, was wir als Krise wahrnehmen, bzw. uns in diese Krise geführt hat.

Grundsätzlich würde ich zustimmen, dass ein jegliches Individuum sich selbst entscheiden sollte, welchen Weg er/ sie nimmt. Allerdings ist dies von vielen Faktoren abhängig, ob dies immer realisierbar ist. Und realistisch betrachtet, ist es nicht so. Das hat jeder schon im eigenen Leben zu spüren bekommen.

Aber was treibt die Menschen in Panik, also, worauf reagiere ich persönlich z.B. so stark? Das ist, dass so getan wird, dass Flüchtlinge voll zu integrieren seien, entsprechend es für sie kein anderes Heimatland mehr gebe und dass dies im Verbund mit der Postulierung, D. wäre ein Einwanderungsland, jedes Jahr aufs neue stattfinden soll. Irgendwo werden Kriege angezettelt und hier werden dann Millionen aufgenommen. Ehrlich, ich will so eine Welt nicht, in der ständig Millionen von Menschen durch die Gegend wandern auf der Suche nach Schutz oder Arbeit. Das ist für mich keine Lösung, D als Einwanderungs- oder Flüchtlingsland aufzubauen. Dies zu tun bedeutet für mich, auszusagen, dass Kriege geführt werden, die mit Bomben und die mit den Krediten und Monokulturen. Es ist für mich das Eingeständnis des 'weiter so'. Deshalb unterstütze ich die Flüchtlingspolitik derzeit nicht und sehe das, was zu Beginn letzten Herbstes als 'Humanität' angepriesen wurde, als das genaue Gegenteil an. Ich sehe es als Vorbereitung zu weiteren Kriegen, als Ausbau von Hegemonie.