Böse Pläne überall

Sozialpsychologie Verschwörungstheorien sind gefährlich – auch weil es echte Verschwörungen ja wirklich gibt
Böse Pläne überall
Das ominöse Datum 9/ 11: Rekonstruktion des Angriffs auf das Pentagon
Foto: Purdue University/Getty Images

Einer der aktuell besonders gern gehassten Menschen ist der US-Milliardär George Soros. 2009 hat er in New York das Institute for New Economic Thinking gegründet, eine Denkfabrik mit anti-marktradikaler Ausrichtung. Auch Joseph E. Stiglitz ist dabei. Das Ziel ist, neue volkswirtschaftliche Ansätze gegen den Neoliberalismus zu entwickeln. Ungeachtet dessen hängen sich an Soros wilde Spekulationen auf, werden ihm etliche Ungeheuerlichkeiten unterstellt – etwa, dass er Flüchtlingsströme anheize, um Europa in die Knie zu zwingen. So sieht das etwa der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán: Soros fördere alles, was die Nationalstaaten schwäche und das traditionelle Leben in Europa verändere. Hierzulande stimmt der rechtsextreme Kopp-Verlag in die Unterstellungen ein. Soros verfolge seine Strategie zum Beispiel mit der Unterstützung von Pro Asyl.

Auch die frührere Tagesschau-Sprecherin und Kopp-Autorin Eva Herman sieht einen Masterplan hinter dem „Flüchtlingschaos“. Absichtsvoll würden Ströme an „Orientalen und Afrikanern“ nach Deutschland gelassen, um „unsere alte Kraft, unsere christliche Kultur, Glaube und Tradition“ zu zerstören und die „Identität der einzelnen Völker“ aufzuweichen. Eine „bestimmte Gruppe Machtmenschen des globalen Finanzsystems“ mache sich die Welt untertan, auf so böse und perfide Weise, dass es sich normale Menschen gar nicht vorzustellen trauten.

Hitler lebt, tief unter der Erde

In den USA glauben 28 Prozent der Wähler, dass eine verborgene Elite nach autoritärer Weltherrschaft strebt. Auch in Deutschland haben solche Sichtweisen viele Anhänger. Der fantastische Gehalt der hiesigen „Theorien“ variiert. Das geht von der „Bezahlung von Antifa-Demonstranten durch den Staat“ bis zum Glauben, dass Adolf Hitler mitsamt einer Elitearmee im Erdinneren überlebt habe, gemeinsam mit den „Ariani“, großen, blauäugigen Herrenwesen.

So wie Menschen dazu neigten, den verwirrenden Kräften der Natur das Gesicht eines Gottes (oder mehrerer) zu geben, lassen sich gesellschaftliche Vorgänge am einfachsten als planvoll herbeigeführt denken. Theorien dienen als Modelle, die Komplexität reduzieren sollen. Und die Vorstellung, dass hinter dem, was man als beängstigend und falsch empfindet, ein böser Plan steht, ist das einfachste politische Denkmodell. Menschen, die sich vorher vielleicht nie tiefere Gedanken über Politik gemacht haben, die aber durch tatsächliche oder bloß empfundene Deklassierung frisch politisiert sind, zeigen sich dafür besonders anfällig.Hier treffen sich viele Linke und Rechte. Lars Mährholz, der Organisator der inzwischen irrelevanten „Montagsmahnwachen für den Frieden“, die auch von Linken frequentiert wurden, vertrat in Interviews die These, alle Kriege der vergangenen 100 Jahre seien von der Federal Reserve Bank organisiert worden.

Die Ähnlichkeiten solcher Verschwörungstheorien mit dem Antisemitismus sind verblüffend. Moderner Antisemitismus ist die Überzeugung, dass eine kleine Gruppe omnipotenter Juden heimlich die Geschicke der Welt lenke, etwa so, wie es die gefälschten Protokolle der Weisen von Zion schon vor über 100 Jahren glauben machen wollten. Der Zerfall traditioneller Strukturen, 9/11, die kommunistische Revolution, Kriege, der Liberalismus, die „Lügen-“ oder „Systempresse“, der Bundestag, das Weiße Haus und – nach Ansicht linker Antisemiten – auch der Faschismus: Alles werde von dieser einen mächtigen Gruppe gelenkt. Schneidet man aus diesem Bild „den Juden“ heraus, bleibt ein struktureller Antisemitismus. Eine Welterklärungsideologie, die die gleiche Struktur hat wie der konventionelle Antisemitismus, aber als Strippenzieher alle möglichen Gruppen identifizieren kann, etwa Freimaurer.

Aber wo die Grenze ziehen zwischen einer irrationalen Theorie und der plausiblen Annahme eines nicht-öffentlichen Einflusses auf historische Prozesse und politische Entscheidungen? Nehmen wir die Bilderbergkonferenz, die erstmals 1954 in den Niederlanden stattfand und zuletzt im Juni in Dresden tagte. Auch viele Linke betrachten diese informelle Versammlung von Menschen aus Politik, Wirtschaft, Militär, Wissenschaft und Hochadel argwöhnisch. Wie gerechtfertigt ist es, diese linken Bilderberg-Kritiker via Antisemitismusvorwurf in eine Reihe mit der AfD und der NPD zu stellen?

Fakt ist: Verschwörungen gibt es. Zwar ist die Bilderbergkonferenz nicht „das geheime Zentrum der Macht“, wie es etwa der Kopp-Verlag herbeifantasiert, aber sie ist ein Ort, an dem auf höchster Ebene genetzwerkt wird. Man lernt sich kennen, knüpft Verbindungen. Das lässt sich durchaus als Element eines Klassenkampfs von oben verstehen. „Verschwörungen“, also die geheime, rücksichtslose Zusammenarbeit mehrerer Personen unter einheitlicher Zielsetzung, gehören in diesem Sinne zur politischen Realität. Beispiele gibt es viele.Bei der Watergate-Affäre 1972 haben Mitglieder der republikanischen US-Regierung die Opposition mit illegalen Mitteln bekämpft. In Italien flog 2010 die rechte Geheimloge P3 auf, die unter anderem daran arbeitete, Prozesse der Rechtsprechung zu manipulieren. Auch der letzte Irakkrieg wurde mit einer organisierten Lüge gerechtfertigt, nämlich der, dass es Beweise für Massenvernichtungswaffen gebe. Beteiligt an dieser Scharade waren Politiker und Journalisten aus aller Welt.

Wer undifferenziert jede Vermutung einer Verschwörung als unsinnig abtut, der ist gezwungen, ausschließlich systemische und abstrakte Ursachen für den Zustand der Welt zu besprechen – die Analyse wird unpräzise. Genaue Analysen müssen zwar so etwas wie Macht- und Marktmechanismen unbedingt mit einbeziehen, dennoch lassen sich politische Vorgänge nicht ohne die Akteure verstehen, die diese Vorgänge in Gang setzen oder unterbrechen. Wichtig ist es, plausible von weniger plausiblen Verschwörungstheorien zu unterscheiden. Der Watergate-Komplex ist von qualitativ anderer Art als die Vorstellung, die europäische Bevölkerung solle durch „Orientalen und Afrikaner“ ausgewechselt werden.

Einer der Großmeister der Machtanalyse, Niccolò Machiavelli, bestimmte einmal, dass die Zahl der Mitwisser einer Verschwörung drei oder vier nicht übersteigen dürfte, weil sonst einer von ihnen „durch Bosheit oder Leichtsinn“ das ganze Unternehmen aufdecken könnte. Die Organisation einer riesigen „Flüchtlingswelle“ oder das flächendeckende Durchsetzen von angeblich giftigen Impfungen würden so viele Mitwisser benötigen, dass dazu Mittel aus dem Reich der Science-Fiction nötig wären, etwa die Gedächtnislöscher aus den Men-in-Black-Filmen. Tatsächlich ist es von dort, wo gern von Verschwörungen die Rede ist, oft nicht weit zur Esoterik, zu Spekulationen über Aliens oder „Echsenmenschen“.

Wahn und Wahrheit

Eine Verschwörungstheorie, die ernst genommen werden kann, muss plausibel sein, recherchiert und widerlegbar. Plausibel wird sie durch ein realistisches Bild von politischen Prozessen. Dazu gehört, dass es immer verschiedene Machtzentren gibt – nicht nur das eine. Es gibt nicht „die Elite“ als homogenes Gebilde, genauso wenig wie „das Volk“. Ein George Soros zieht, trotz teils überlappender Interessen, an einem anderen Strang als ein Donald Trump. Und letztlich spielen in politischen Prozessen auch Fehler und der Zufall mit. Politik ist weniger Akte X und mehr House of Cards.

Eine aufschlussreiche Analyse von „Verschwörungen“ gibt etwa Philip Mirowskis Buch Untote leben länger (Matthes & Seitz 2015). Mirowski zeigt an konkreten Beispielen, wie seit den 40er Jahren eine kleine Gruppe Intellektueller um die Mont Pèlerin Society ein Netzwerk von Thinktanks, Unternehmen und Universitätsinstituten aufgebaut hat, das die Verbreitung neoliberaler Ideologie auch mithilfe von Fehlinformationen förderte. Es lassen sich viele Beispiele für mögliche Verschwörungen anführen: Dazu gehört die NSA-Affäre oder die engen Kontakte und möglichen Absprachen sächsischer Polizisten mit Nazis.

Wahnhafte Verschwörungstheorien sind brandgefährlich, insbesondere wenn sie strukturell antisemitischen Erklärungsmustern folgen. Wer diese aber effektiv bekämpfen möchte, muss die wahnhaften von den plausiblen Verschwörungstheorien unterscheiden. Noch sinnvoller wäre es allerdings, frisch politisierten Menschen kluge Erklärungsmuster aus dem Schatz linker Theorien verständlich zu vermitteln – damit die Empfindungen persönlicher Entfremdung, Entsolidarisierung und Deklassierung plausibel und nicht irrational erklärt werden können.

06:00 28.09.2016
Geschrieben von

Houssam Hamade

Schreibt über Rassismus und Liebe, über kluge und blöde Kapitalismuskritik. Und auch gleich seine sozialwissenschaftliche Masterarbeit an der HU.
Houssam Hamade

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