Getrübte Urteilskraft

Expertismus Bücher von Ex-Muslimen über den rückständigen Islam sind Verkaufsschlager – mit fataler Wirkung
Houssam Hamade | Ausgabe 40/2015 2
Getrübte Urteilskraft
Viel Raum für Projektionen: in der Şehitlik-Moschee, Berlin-Neukölln

Foto: Thomas Trutschel/Photothek/Getty Images

Guter Tipp für Leute mit islamischem Hintergrund: Schreibt ein Buch, in dem ihr „den Islam“ angreift und euch über die lasche Haltung „der Deutschen“ gegenüber fanatischen Moslems und kriminellen Migranten beschwert.

Das ist das Erfolgsrezept der zum Christentum konvertierten pakistanischstämmigen Österreicherin Sabatina James in ihrem neuen Buch Scharia in Deutschland (Droemer Knaur). Man findet im Buch die Thesen, mit denen man als Ex-Moslem schnell zum Islam-Experten avanciert. Nicht nur das; hohe Verkaufszahlen winken, die rund 25 Prozent der Deutschen, die laut der „Mitte“-Studien der Universität Leipzig eine ausländerfeindliche Grundhaltung haben, fressen einem aus der Hand. „Siehst du! Selbst DIE sagen es!“, rufen sie. Wissenschaftlich spricht man hier vom Phänomen des „Native Informant“. Einer Person wird automatisch ein großes Expertentum zugeschrieben, weil sie oder er der Gruppe zugerechnet wird, über die sie spricht. Die Aussagen dieser „Native Informants“ fungieren als willkommene Steilpässe für die Rechten dieser Welt. Dieser Vorgang wird in Daniel Bax’ neuem Buch Angst ums Abendland. Warum wir uns nicht vor Muslimen, sondern vor den Islamfeinden fürchten sollten (Westend) unter dem Stichwort „Kronzeugen der Islamophobie“ treffend erfasst.

So zitiert die NPD gerne den deutsch-ägyptischen Politologen und Autor Hamed Abdel-Samad. Nur gilt dieser nicht gerade als vorbildlicher Wissenschaftler. Dem „Bushido unter den Islamkritikern“ wird (unter anderem von Bax) vorgeworfen, schlampig zu arbeiten. Beispielsweise unterscheide er in Der islamische Faschismus weder zwischen Muslimbrüdern und Salafisten noch zwischen dem Königreich Saudi-Arabien und dem damit verfeindeten iranischen Mullah-Regime. Unterscheidungen, die für eine sinnvolle Analyse unerlässlich sind. Auch arbeite er mit einem wissenschaftlich unhaltbaren Faschismusbegriff.

Meisterin der Behauptung

Bezeichnend ist auch der Fall der türkischstämmigen Publizistin Necla Kelek, den Bax nachzeichnet. Kelek schreibt regelmäßig für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, obwohl sie immer wieder so wilde Aussagen über den Islam verbreitet, dass sie in einem Beitrag der Zeit zur „Meisterin der unbelegten Behauptung“ gekürt wurde. So erklärte sie, dass Sodomie Tradition unter Muslimen habe oder dass in Deutschland jede zweite türkische Ehe unter Zwang geschlossen würde – freilich ohne den Hauch einer empirischen Grundlage.

Nun ist zu fragen, warum jemand objektiv sein sollte, wenn sie oder er über die eigene Gruppe spricht. Jeder kennt das Phänomen der „militanten Ex-Raucher“. Und beklagen sich nicht gerade die Rechten über die Deutschen, die kein gutes Haar an „ihrer Kultur“ lassen? Man hat aber eben nicht automatisch recht, wenn man die „eigene Gruppe“ angreift. Sonst hätte jeder Deutsche automatisch recht, der Deutschland als Naziland bezeichnet.

Tatsächlich trübt persönliche Erfahrung oft die eigene Urteilskraft. Zu bewerten ist der Wahrheitsgehalt einer Aussage. Auch Sabatina James, die gerade den „Hoffnungsträger-Preis 2015“ erhielt (was umgehend die PI-News aufgriffen), benutzt offensichtlich falsch interpretierte und verdrehte Daten. Sie spricht beispielsweise von angeblich 3.443 Zwangsehen im Jahr 2008 und vergisst zu erwähnen, dass eben nicht 3.443 Zwangsehen gezählt wurden, sondern dass die Studie, auf die sie sich bezieht, 3.443 Menschen gezählt hat, die eine Beratung zum Thema Zwangsheirat wahrgenommen haben. Auch erklären die Macher dieser Studie eindeutig, dass sie statistisch nicht repräsentativ ist. Tatsächlich erklären sie, dass die Ursache für diese Zwangsheiraten „vor allem in den Familienstrukturen, die in den ländlichen Herkunftsregionen der Betroffenen herrschen“ zu suchen seien. Nur auf „islamische Familien“ zu verweisen, greife in der Diskussion viel zu kurz.

Pauschale Urteile über „den Islam“ ( „die Türken“, „die Ausländer“) sind selten richtig. Die repräsentative Studie Muslimisches Leben in Deutschland von 2008, die bis heute als aktuellste Datengrundlage gilt, zeigt ein differenziertes Bild: Während ein Drittel der Moslems häufig betet, beten über ein Drittel fast nie. Fast zwei Drittel der nicht Betenden sind für die Homoehe, aber auch 40 Prozent der stark Gläubigen. Mit solchen Einstellungen stehen diese diametral den Fundamentalisten gegenüber, die das Bild des Islams, wie es von James und anderen gezeichnet wird, übermäßig prägen. So wie es auch im Christentum verschiedene Strömungen von den linken Befreiungstheologen bis zu christlichen Rechts-Fundamentalisten gibt, so gibt es das auch im Islam. „Die Muslime“ sind keine homogene Gruppe.

Um nicht falsch verstanden zu werden: Islamkritik – die fast immer auch Religionskritik sein sollte – ist eine gute Sache. Jede Zwangsheirat sollte aggressiv bekämpft werden. Innerhalb einer islamisch geprägten Gesellschaft können extreme Aussagen wie „Islam ist Faschismus“ sehr sinnvoll sein (auch wenn sie nicht besonders akkurat sind), weil sie möglicherweise eingefahrene Strukturen in Bewegung bringen. Gäbe es in Deutschland keine Rassisten, wären solche Provokationen vielleicht unproblematisch. So nähren sie aber leider Ressentiments und dümmliche Vorurteile. Egal ob diese „Kritik“ von einem mit Rassismus reich gewordenen Autor wie Thilo Sarrazin kommt, oder von einer von rechts hofierten Ex-Muslimin wie Sabatina James.

Houssam Hamade ist freier Publizist und Student der Sozialwissenschaften

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06:00 14.10.2015
Geschrieben von

Houssam Hamade

Schreibt über Rassismus und Liebe, über kluge und blöde Kapitalismuskritik. Und auch gleich seine sozialwissenschaftliche Masterarbeit an der HU.
Houssam Hamade

Ausgabe 42/2020

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