Ich gehe hier nicht raus

Kapitalanlage Die wollen meine Mietwohnung kaufen! Reiche Erben kommen, inspizieren die Dusche, schämen sich, imitieren Eigenbedarf
Ich gehe hier nicht raus

Illustration: Susann Massute

Etwa jede zweite Woche meldet sich Herr Römer. Dieser klingt und sieht so aus, als habe er vor Kurzem erfolgreich sein BWL-Studium beendet. Er sagt, er habe einen neuen Kaufwilligen, der sich meine Wohnung anschauen will – also mein Zuhause im Berliner Bezirk Friedrichshain, in dem ich seit 14 Jahren zur Miete lebe. Ein paar Tage später tauchen sie dann auf. Der sauber rasierte Herr Römer trägt braun glänzende Anzugschuhe und Jeans. Zwei Schritte hinter ihm laufen die jeweiligen Kunden.

Meine ersten Kaufinteressenten waren ein dunkel gekleidetes Lehrerpärchen, das in den 70ern in Kreuzberg Häuser besetzt habe. Er hielt sich zurück, als ginge ihn das Ganze nichts an, sie lief mit eng um die Brust geschlungenen Armen durch die Wohnung und inspizierte ernst die improvisierte Aufhängung meines Duschvorhangs und die Spinnweben an der Decke. Auf meine Frage, was sie mit der Wohnung vorhätten, erklärten sie mir, dass der Enkel für sein Psychologiestudium nach Berlin ziehe und eine Wohnung brauche. Ich erklärte ihnen, dass ich aber nicht ausziehen wolle, dass ich einen Rausschmiss für unmoralisch halten und mich schon aus Prinzip wehren würde. Beide zogen die Schultern hoch, pressten die Lippen zusammen und erklärten halblaut, dass das ja gut zu wissen sei. Herr Römer untersuchte derweil hochkonzentriert die Fensterisolierung und den an die Küchenwand gemalten, lebensgroßen Elch.

Ein sehr weißes Lächeln

Auf solche Konfrontationen lassen sich nicht alle ein. Mein letzter Besucher sah aus wie ein moderner Kapitalist aus dem Bilderbuch. Mit sehr weißem Lächeln, einem Anzug, der so gut saß, dass ich ganz neidisch wurde, und einer geheimnisvollen Geldkassette in der Hand. Der schritt im Eiltempo durch Küche, Wohnzimmer und Bad und hatte dabei einen Ausdruck auf dem Gesicht, als würde er gerade Statistiken wälzen. Ich schaffte es gerade, die Frage einzuschieben, ob er denn Eigenbedarf anmelden würde, worauf er nur sagte: „Erst mal nicht. Kapitalanlage.“

Das Ganze begann mit einem Brief. Der stammte von einer großen Immobiliengesellschaft, die dafür bekannt ist, Mietwohnungen in Eigentumswohnungen umzuwandeln. Wir Hausbewohner versuchten, cool zu bleiben, versicherten uns gegenseitig, dass wir in einem Milieuschutzgebiet leben. Das heißt, dass solche Umwandlungen nicht ohne Weiteres durchgeführt werden können. Außerdem haben wir schließlich eine linke Regierung in Berlin. Außerdem: Was sollten kaltschnäuzige Typen mit Geldkassette mit einem schäbigen Altbau aus der Kaiserzeit anfangen? Aber mit jeder neuen Information bröckelte unsere Sicherheit.

Es gibt schüchterne 19-Jährige, die von ihren Eltern das Geld für eine Eigentumswohnung zugesteckt bekommen, die sehr wohl Eigenbedarf anmelden können, wenn sie eben selbst darin wohnen wollen. Der Schutz, den die Eigenbedarfsregelung bietet, sei ohnehin wenig wirksam, wie uns der Mieterverein erklärte: Die Strafen für „vorgetäuschten Eigenbedarf“ seien zu niedrig, um wirklich abzuschrecken. Für mich heißt das, dass ich nach neun Monaten ausziehen müsste, meine Nachbarn sogar nach drei Monaten, weil sie noch keine 14 Jahre hier leben. Das Grundbuchamt sagte uns, dass der Milieuschutz in unserem Haus nicht greife, da die Wohnungen schon Ende der 1990er in Eigentumswohnungen umgewandelt wurden, und dann vermietet: Nun werden sie an einzelne Interessenten verkauft. Uns dämmerte irgendwann: Selbst wenn mein Zuhause nicht als Geschenk für den studierenden Enkelsohn gedacht ist, sondern „nur“ als Spekulationsobjekt dient, droht ein Rausschmiss eben beim nächsten Käufer in einem Jahr, oder durch massive Sanierungen, die sich von uns niemand leisten kann. Die Bedrohung geht also nicht weg. In dem Film Die Stadt als Beute von Andreas Wilcke (2015) finden zwei Mieter zufällig auf einem Internetportal ihre Wohnung, die zum Kauf angeboten wird.

Seitdem ich diese Besuche bekomme, weiß ich, was Klassengesellschaft ist, der „Klassenfeind“. In der Theorie wusste ich das längst. Das lernen wir Sozialwissenschaftler im Basisstudium. Grob gesagt ist der Klassenfeind diejenige gesellschaftliche Gruppe, deren Interesse meinem entgegengesetzt ist. Ihr Nutzen ist mein Schaden. Das Prinzip verstehe ich, die Wirklichkeit schien mir aber bisher komplexer. Wer heute „die Arbeiter“ und wer „die Kapitalisten“ sind, lässt sich nur in Einzelfällen eindeutig feststellen.

In meinem Arbeitsleben vor dem zweiten Bildungsweg, in dem ich Menschen mit Behinderungen betreut habe, kam es vor, dass ich mich von meinen Chefs ausgenutzt fühlte. Aber sie waren keine Feinde. Auch jetzt wehrt sich etwas in mir dagegen, andere Menschen so zu bezeichnen.

Das Lehrerpärchen hat seinen Wohlstand wohl nicht durch Kapitalrenditen erreicht, wie ich annehme. Kapitalisten sind sie also keine. Auch Herr Römer gibt sich nicht wie ein Ausbeuter. Er tut so, als hätten wir ein ganz normales Geschäftsverhältnis. Zur Begrüßung wirft er mir locker einen Handschlag zu. Er mag es unkompliziert. Seine Telefonnummer habe ich blockiert, weil er immer wieder zu vergessen scheint, dass ich nicht abends um neun angerufen werden möchte.

Sorgen nagen an mir

Bisher war fast allen Kaufinteressenten die Konfrontation mit der Tatsache unangenehm, dass sie für mich eine Bedrohung sind. Manche scheinen sich zu schämen, weil sie geerbt haben oder offensichtlich auf der anderen Seite stehen (wie es die Autorin Julia Friedrichs in ihrem Buch Wir Erben beschrieben hat). Allein, dass sie mein Zuhause behandeln, als wäre es eine Ware im Supermarkt. Ein Rausschmiss würde zu einem deutlichen Abfall meiner Lebensqualität führen, möglicherweise sogar zu einem existenziellen Problem. Ich nehme an, sie finden Wege, sich diesen moralischen Konflikt wegzureden. Möglicherweise finden sie, dass jemand, der Spinnweben an der Decke hängen lässt, seine Wohnung nicht liebt und darum auch nicht verdient. Oder entspringt das meinen Albträumen? Sorgen nagen an mir. Während ich nachts versuche einzuschlafen, fantasiere ich davon, die Dinge in die Hand zu nehmen: Mal stelle ich mir fast vor, wie ich den Immobilienhai mit einem Kopfstoß niederstrecke, mal etwas ziviler, wie ich ihn mit Zahlen und Studien konfrontiere, die deutlich zeigen, dass der Wohlstand, der es diesen Leuten ermöglicht, mir mein Zuhause unter dem Hintern wegzukaufen, viel mehr mit sozialem und ökonomischem Kapital und mit schierem Glück zu tun hat als mit Leistung. Es irritiert mich zutiefst, wenn ich merke, wie wenig diejenigen, die ich getroffen habe, mir oder den Kassiererinnen bei Lidl voraushaben.

Als ich meinen letzten Interessenten, einen Sportjournalisten mit Holzfällerhemd und Camel-Boots, konfrontierte, brachte dieser kein Wort mehr heraus, außer dass er nun genug gesehen habe. Mit einer solchen Konfliktschwäche könnten die Kassiererinnen keinen Monat durchhalten. Als ich Herrn Römer ein anderes Mal darauf ansprach, ob er keine Sorge habe, dass die Berliner Immobilienblase bald platzt, wie manche Experten befürchten, erklärte er mir großspurig, dass nicht von einer Blase zu sprechen sei. Er bekomme schließlich täglich Anrufe von Kaufwilligen. Diese Leute verschaffen sich auf meine Kosten Vorteile. Das macht sie zu meinen Klassenfeinden, auch wenn das ein altmodisches Wort ist. Für andere, denen es schlechter geht, bin ich wiederum der Klassenfeind. Ich bin der Ausbeuter der Frauen, die in Bangladesch in Sweatshops die Platinen meines Handys zusammenbauen. Wer Oben und wer Unten ist, hängt von der Situation ab.

Meine Situation hat aber auch ihre guten Seiten. Wir sind als Hausgemeinschaft zusammengekommen. Schon mit den ersten Briefen der Immobilienfirma begannen wir im Hausflur miteinander zu reden, wo wir uns vorher nur zugenickt haben. Wir organisierten unser erstes Grill- und Trinkfest und stellten fest, dass wir einander mochten. Inzwischen treffen wir uns regelmäßig und informieren uns per Whatsapp über neue Besuchstermine. Wenn in der Wohnung unter einem eine Besichtigung angesagt ist, wird der Wochenputz auf genau diesen Zeitpunkt gelegt, um sanft zu zeigen, wie hellhörig die Decken sind. Der eine oder andere Termin kann schon mal „vergessen“ werden. Eines Morgens hing plötzlich ein Transparent an unserem Haus: Eigentumswohnungen, 2 – 4 Zimmer, darunter stand eine Telefonnummer. Sie haben es über Nacht angebracht, ohne jemandem was davon zu sagen.

Zur großen Demo „Gemeinsam gegen Verdrängung und Mietenwahnsinn“ am vergangenen Sonnabend in Berlin sind wir alle zusammen gegangen. Mit eigenem Transparent.

06:00 22.05.2018
Geschrieben von

Houssam Hamade

Schreibt über Rassismus und Liebe, über kluge und blöde Kapitalismuskritik. Und auch gleich seine sozialwissenschaftliche Masterarbeit an der HU.
Houssam Hamade

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