Notschlag

Prügelei Gewalt ist immer böse. Mit diesem Dogma sind wir aufgewachsen. Aber es gibt viele Menschen, für die Gewalt eine Befreiung gewesen ist. Man sollte ihnen zuhören
Notschlag
Was du nicht willst, das man dir wieder und wieder antu’, das füge vielleicht mal anderen zu

Foto: Marysa Dowling/Millennium/Plainpicture

Wenn wir im Deutschen vom Herzen reden, denken wir in der Regel an Liebe und Zärtlichkeit. In vielen Sprachen ist das Herz semantisch aber näher bei der Tapferkeit. Nicht das Herz haben heißt dann, dass man nicht den Mut und die Stärke aufbringt, für etwas einzustehen. Das ist es gerade, was diesen Moment ausmachen kann, in dem Menschen bereit sind, ihre Gesundheit zu riskieren. Sie stehen mit ihrer heilen Haut für sich oder für andere ein. Wenn sich jemand bedrängt und gedemütigt fühlt, dann ist das eine starke und wichtige Empfindung. Das wegzureden, ist grausam. Es geht nicht darum, dass es grundsätzlich richtig wäre, Gewalt anzuwenden. Sondern darum, dass dahinter oft etwas Wichtiges steht, das gesehen und verstanden werden sollte.

Dass Gewalt etwas zutiefst Schlechtes ist, wurde mir schon früh beigebracht. Beispielsweise von einem Lehrer, der mit mir, als ich ein kleines Kind war, ein ernstes Wort über die Zeichnungen sprach, die ich gern entwarf. Das waren meistens Panzer mit Kanonen, die Häuser zerschossen. Oder Flugzeuge, die Reihen von Bomben abwarfen, die bunt explodierten. Der Lehrer setzte sein gütigstes Gesicht auf, strich sich die weisen, weißen Haare von der Brille und fragte mich, ob es denn nicht schon genug Krieg auf der Welt gäbe. Gerade ich müsste das doch wissen. Als Kriegskind aus dem Libanon.

Da machte es „klick“

Die Scham, die mich bei dem Gedanken überwältigte, dass ich scheinbar durch meine Zeichnungen Krieg und Tod förderte, begleitete mich lange: Wenn ich mich gegen Mitschüler wehrte, die mich über Jahre mit einem fies gemeinten Spitznamen triezten, erklärten mir die klugen Erwachsenen nur, ich solle halt nicht darauf hören. Gewalt sei keine Lösung. Selbst als ich mich den Ohrfeigen einer grinsenden Jungsgruppe mit Wegschubsen erwehrte, erklärte man mir nur, dass „immer zwei dazu gehören“. Heute halte ich es für dumm und herzlos, alles, was Gewalt denkt oder tut, in einen Sack zu stecken und ein Schild darauf anzubringen, worauf „böse“ steht. Schauen wir genauer hin, können wir viel über uns selbst lernen.

Als ich mich für mein Buchprojekt Sich Prügeln mit sehr unterschiedlichen Menschen unterhalten habe, erzählten mir diese Frauen und Männer von diesem Moment, in dem sie sich entschieden zuzuschlagen. Eine besonders eindrückliche Geschichte schenkte mir Lena, die heute 30 Jahre alt ist. (Einige Befragte wollten anonym bleiben und kommen im Buch nur mit veränderten Vornamen vor.)

Ihre Adoptivmutter hatte sie über Jahre geschlagen und seelisch drangsaliert. Als Lena 14 war, musste sie miterleben, wie auch ihre Schwester geschlagen werden sollte. Da machte es „Klick“ und sie explodierte. Sie packte ihre Mutter, brüllte sie an und schlug sie auf Arme, Brust und Bauch, schubste sie gegen einen Türrahmen. In diesem Moment dachte Lena zweierlei: „Oh Gott, ich werde wie meine Mutter“, und „Jetzt werde ich mich nie mehr schlagen lassen“. Dieser Moment, in dem sie sich entschloss zurückzuschlagen, war eine Befreiung für sie. Aber auch eine Last, weil sie eben nicht so werden wollte wie ihre Mutter. Heute ist Lena eine starke und aufrechte Frau mit einem starken Gerechtigkeitssinn.

Während der Gespräche habe ich mich immer wieder gefragt, warum manche Menschen ihre heile Haut riskieren. Mal abgesehen von krassen Notwehrsituationen oder im Gorillagehege, ist es schließlich kaum je „klug“, auf eine körperliche Auseinandersetzung einzugehen.

Ein Motiv, das fast durchgehend auftauchte, war, dass Grenzen übergangen wurden, dass Verhalten als himmelschreiend ungerecht empfunden wurde. Das kann schon mit Prinzipiellem anfangen: Ein 49-jähriger Kreuzberger Hausmeister, der mit mir sprach, ärgerte sich beispielsweise über die Respektlosigkeit einiger junger Männer, die die Notdurft ihres Hundes vor dessen Haustür liegen ließen und auch auf wiederholtes Nachfragen rücksichtslos blieben. Das war für ihn zwar kein Grund, sich zu prügeln, aber er bestand vehement darauf, dass der Scheiß weggeräumt würde. Auch ein Schlag gegen den Kehlkopf und eine Ladung Pfefferspray hielten ihn nicht davon ab, das auch in Zukunft einfordern zu wollen.

Eine andere Interviewte, die 29-jährige Steffi, wurde von einem Bekannten beim gemeinsamen Urlaub an der Nordsee beim Toilettengang verfolgt. Er drängte sich in ihre Kabine, als sie gerade abschließen wollte. Fast wäre sie „eingefroren“, aber dann machte es „Klick“ bei ihr, und sie schlug ihm mehrmals mit voller Wucht gegen den Brustkorb. Als er sich daraufhin wegdrehte, trat sie ihm in den Hintern, sodass er zur Tür hinausflog und wimmernd auf den Knien landete. Sie erzählt, dass die Sache für sie dann „erledigt“ gewesen sei. Schließlich habe sie es ihm gezeigt. Man konnte Steffis Zorn spüren, über die Dummheit und Rücksichtslosigkeit mancher Männer. Schließlich habe sie in keinster Weise mit ihm geflirtet, „und selbst wenn“. Sie gehe schon gar nicht mehr in Klubs, weil ihr immer wieder solche Typen begegneten. Noch zweimal folgten ihr Kerle aufs Klo. „Ich bin doch kein Stück Fleisch“, sagt sie. Inzwischen sei sie „richtig darauf gepolt, zu reagieren“, wenn einer ihre Grenzen nicht respektiere. „Der fängt sich sofort eine“, erklärte sie mir mit gerecktem Kinn.

Wie entscheidend Gerechtigkeitsgefühle für menschliches Verhalten sind, wurde schon ausgiebig wissenschaftlich erforscht. In hundertfach wiederholten Experimenten konnte gezeigt werden, dass manche Menschen egoistisch sind, die meisten eine „Ungerechtigkeitsaversion“ haben und dass Egoisten ab und zu eine auf die Nase brauchen, weil sie sich sonst durchsetzen – und damit alle dazu bringen, egoistisch zu sein.

Ist er tot?

Ein Experiment, mit dem solche Sachverhalte auch „kulturübergreifend“ getestet wurden, heißt das „Diktatorspiel“. Daran nehmen zwei Personen teil. Eine davon bekommt einen bestimmten Betrag, beispielsweise 100 oder 1.000 Euro. Sie hat die freie Wahl, an die Mitspielerin so viel weiterzugeben, wie sie möchte. Etwa ein Drittel entscheidet sich dafür, alles für sich zu behalten. Sie sind Egoisten. Können die Mitspieler sie aber „bestrafen“, indem sie ein Veto einlegen, und so dafür sorgen, dass dann niemand etwas bekommt, verbessert sich das Verhalten der Egoisten deutlich. Als Resultat behält niemand alles für sich. 65 Prozent der Geber verteilen ihren Betrag gleichmäßig. Sich wehren ist also richtig und gut. Sonst setzen sich die Egoisten durch. Allerdings gilt das nur, wenn rücksichtsloses Verhalten tatsächlich egoistisch ist.

Es gibt auch andere Gründe für Handlungsweisen, die wir als rücksichtslos empfinden. Beispielsweise Missverständnisse: Ein „Signal“ wird falsch verstanden. Was für die eine Seite ein Zurückschlagen ist, erscheint für die andere Seite als unprovozierte Aggression. Und da wir nachweislich die „Schläge“, die wir erhalten, als intensiver wahrnehmen als die, die wir verteilen, kann sich das hochschaukeln.

Insofern ist es doch ganz sinnvoll, dass solche Spiralen durch Verbote und Regeln unterbrochen werden. Die wirklich brutalen Geschichten, die mir erzählt wurden, stammen durchgehend von Leuten, die mit Gewalt aufgewachsen sind. Einer, der heute 37 Jahre alt ist, wurde beispielsweise von seinen Eltern mal geschlagen, mal mit voller Kleidung unter die kalte Dusche gestellt, mal monatelang ignoriert. Als er sich in seiner Jugend mit einer Gruppe Gleichaltriger schlug, zeigte sich diese „Schule“. Während Schläge auf ihn einprasselten, packte er sich einen seiner Gegner, hielt ihn fest und schlug ihn bis zu Besinnungslosigkeit. Heute spricht er von einem „richtigen Vernichtungswillen“, den er damals verspürt habe. Der Konflikt mit der gegnerischen Gruppe wurde dadurch beigelegt. Mit dieser krassen Brutalität wollte jemand der Welt alles Schlechte zurückgeben, das er von ihr bekommen hatte.

Einige Interviewte erzählten von einer Wandlung. Filip ist heute 44 Jahre alt und wuchs in einem Vorort von Melbourne auf. Dort sei es besonders rau zugegangen. Ständig sei er bedrängt und beleidigt worden. Die Bereitschaft, sich zu schlagen, sei die einzige Möglichkeit für ihn gewesen, aufrecht durch diese Welt zu kommen. Bei einer Feier in der Nachbarschaft schlug er einen Typen, der seinen Kumpel angriff, ohnmächtig. Für einen Moment dachte er sogar, sein Gegner sei tot.

Viele Jahre später traf er ihn unter unwahrscheinlichen Umständen wieder. Zuerst erkannten sich beide nicht. Aber während sie sich, umgeben von ihren Familien, freundschaftlich unterhielten, dämmerte es Filip, dass er gerade das Baby seines ehemaligen Gegners auf dem Arm hielt. Dieser erzählte – noch nichts ahnend –, dass er in seiner Jugend bei einer Feier fast totgeschlagen worden sei. Ein Erlebnis, das ihn bis ins Mark erschüttert habe. Er habe eine Menschenangst entwickelt und sei jahrelang kaum aus dem Haus gegangen. Filip erkannte unter Tränen, dass er seinem ehemaligen Gegner die Jugend gestohlen hatte. Und er schwor sich feierlich, nie mehr zuzuschlagen.

Nochmal: Niemand wünscht sich eine Spirale aus Gewalt und Gegengewalt. Aber es lohnt sich, zu unterscheiden. Es ist wichtig für eine Gesellschaft, Wut, Frustration und Aggression nicht als Tabus anzusehen. Sie nicht schon in der Kindheit zu unterdrücken, wie das auch der dänische Familientherapeut Jesper Juul in seinem Buch Aggression (2013) gefordert hat. Gewalt kann Grenzen aufzeigen. Manchmal kann sie sogar befreiend sein.

Info

Houssam Hamades Buch Sich Prügeln (124 S., 10 €) ist bei Books on Demand erschienen

06:00 30.10.2018
Geschrieben von

Houssam Hamade

Schreibt über Rassismus und Liebe, über kluge und blöde Kapitalismuskritik. Und auch gleich seine sozialwissenschaftliche Masterarbeit an der HU.
Houssam Hamade

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