Trojanisches Pferd

Polen Amerikas Musterschüler will nicht zu mustergültig sein

Das wenig diplomatische »Kompliment« Donald Rumsfelds für das »neues Europa«, in dem aus Sicht der Amerikaner neben den baltischen Staaten auch Polen liegt, kommt für Warschau zur Unzeit. Es bringt die Mitte-Links-Regierung unter Premier Leszek Miller wie auch einen Teil der Opposition (etwa die Bürgerplattform) in arge Verlegenheit. Durch das freimütige Lob wird zwar bestätigt, worauf nicht nur Staatspräsident Aleksander Kwasniewski so stolz ist, nämlich in Washington als »treuester Verbündete der Vereinigten Staaten« geschätzt zu werden. Das jedenfalls war die Sprachregelung, nachdem der polnische Staatschef vor zwei Wochen im Weißen Haus 90 Minuten mit Bush gesprochen hatte. Aber für das künftige EU-Mitglied Polen, das sich zur Führungskraft innerhalb der »osteuropäischen Dimension« der Union berufen fühlt, ist es politisch eher heikel und gar peinlich, in eine Konfrontation zu den wichtigsten EU-Staaten, besonders dem Mäzen und Wohltäter Deutschland, lanciert zu werden.

Sogar die gewandtesten, im »Kneifen« äußerst versierten journalistischen Hof-Astrologen vermochten in ihrer »Sieben-Tage-Runde« im I. Programm des öffentlich-rechtlichen Fernsehens TVP nicht durch Intelligenz zu glänzen, als sie über den »Treueschwur von Washington« befanden und zu begründen suchten, dass es zwischen der Loyalität gegenüber Bush und den Interessen Europas keinen Widerspruch geben dürfe. Ein der Logik entbehrendes Wunschdenken, gab es doch gerade eine außenpolitischen Debatte im Sejm, die offiziell der »Priorität des polnischen EU-Beitritts« gewidmet sein sollte, faktisch jedoch die Position zur Kriegsfrage in den Vordergrund stellte. Dabei kam es zu einem erstaunlichen parlamentarischen Betriebsunfall: Der Fraktionschef der regierenden SLD (*) widersprach dem Außenminister der SLD. Während Ressortchef Wlodzimierz Cimoszewicz - er war mit Kwasniewski in Washington - am Vortag im außenpolitischen Sejmausschuss noch einer bedingungslosen Unterstützung für einen Militärschlag der USA - notfalls auch ohne Sicherheitsbeschluss - das Wort geredet hatte, sprach er im Plenum von einer militärischen Aktion als letztem Mittel, »dessen Notwendigkeit nicht ausgeschlossen werden darf«. Harsch konterte Jerzy Jaskiernia für die Fraktion des Demokratischen Linksbündnisses, wenn man sich die andere europäische Staaten ansehe, dann sollte sich Polen nicht »vor das Orchester drängen«.

Analog kommentierte die sozialdemokratische, ansonsten absolut regierungstreue Trybuna: »In Polen bezweifelt niemand, dass wir für Amerika ein glaubwürdiger Partner sein sollen, aber eben ein Partner und nicht ein Staat, der meint, vor das Orchester treten zu müssen. Anderenfalls werden wir außerstande sein, den mancherorts erhobenen Vorwurf zurückzuweisen, wir seien ein ›trojanisches Pferd der Amerikaner‹.« In der gleichen Ausgabe veröffentlichte die Zeitung - übrigens als einzige in Polen - Leserbriefe wie den folgenden: »Bestürzt und mit Scham höre ich, wie Präsident Kwasniewski und seine Prätorianer über ihr grenzenloses Vertrauen in die USA sprechen und Polens Bereitschaft zur Waffenhilfe bei der bereits beschlossenen Aggression gegen den Irak auch ohne UN-Zustimmung erklären. Unterwürfigkeit muss Grenzen haben!« Nur sechs Prozent der Polen, wie Trybuna eine bisher nicht bekannte Umfrage zitiert, sind dafür, einfach gegen den Irak loszuschlagen. Eine übergroße Mehrheit verhält sich als Kriegsgegner jedoch passiv.

(*) Demokratisches Linksbündnis

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