Autobahnen sind sooo siebziger

A100 Einige hundert Menschen demonstrierten am Sonntag gegen die Erweiterung der A100. Sie kritisieren ein Projekt, das nichts mit der Idee einer modernen Stadt zu tun hat
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Um 15:15 wird am Neptunbrunnen vor dem Roten Rathaus der Countdown herunter gezählt: 3..2..1. Dann setzt sich der Tross der Demonstranten unter allgemeinem Betätigen der Fahrradklingeln lautstark in Bewegung. Schnell leert sich der gerade noch gut gefüllte Platz. Wo eben noch einige hundert Demonstranten mit Fahrrädern und Inline-Skatern standen, laufen jetzt nur noch ein paar Touristen herum. Die Demonstranten überqueren mit ihren Fortbewegungsmitteln unterdessen schon die Museumsinsel.

Kurz nach dem Aufbruch der Demonstration schlug das Wetter um. Es regnete in Strömen. Doch auch diese Umstände ließen keinen der Anwesenden davon absehen, den knapp 22 Kilometer langen Rundkurs der Demonstration auf sich zunehmen. Zu wichtig war ihnen allen, an diesem Sonntag gemeinsam ein fahrendes Zeichen gegen die Stadtpolitik des Berliner Senats zu setzen. Ein Zeichen gegen die geplante Erweiterung der A100 von Neukölln bis zum Treptower Park.

Die Gegner kritisieren, dass durch den Bau die Verkehrsprobleme Berlins nicht gelöst werden. Im Gegenteil: In den betroffenen Gebieten würde der geplante Neubau zu einem deutlich höheren Verkehrsaufkommen führen. Gleichzeitig fällt dem Bau in Neukölln u. a. eine 12 Hektar große Kleingartenanlage zum Opfer. Und das für nur drei Kilometer Autobahn. Die wiederum gibt es zum Schnäppchenpreis von zurzeit geschätzt 500 Million Euro. Das Autobahnteilstück hat sich damit schon längst einen Namen gemacht: Die teuerste Autobahn Deutschlands.

All diese Punkte zeigen vor allem eines: Die große Differenz zwischen weiten Teilen der Bürger und dem Senat bezüglich der Vorstellung, wie die Stadt des 21. Jahrhunderts auszusehen hat. Während die meisten Bürger der Meinung sind, dass auf die gegenwärtigen weltweiten und stadtinternen Probleme mit modernen und zukunftsorientierten Problemlösungen reagiert werden muss, hat sich ein derartiges Denken auf Seiten der Stadt noch nicht durchgesetzt.

Diese predigt zur Lösung städtischer Probleme weiterhin infrastrukturelle Großprojekte à la Autobahnbau, denen als Legitimation aber noch der überkommene, industrielle Fortschrittsglaube der sechziger und siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts dient. Das bedeutet nichts anderes, als auf die Probleme von morgen mit den Lösungen von gestern zu reagieren.

"Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind." (Albert Einstein)

Statt also auf den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs zu setzen, betoniert man lieber weitere Flächen in der Stadt zu, um sie durch noch mehr Kohlendioxid-Schleudern befahren zu lassen. Gleichzeitig handelt es sich bei den zu bebauenden Flächen größtenteils um Kleingartenanlagen. Dabei sollten eigentlich gerade solche Anlagen nach dem Leitbild einer modernen Stadt gefördert werden, sind diese doch Naherholungsgebiet, Orte der privaten Nahrungsmittelversorgung und grüne Lunge der Stadt in einem.

Von der Bedeutung derartiger Orte, ist beim Senat bisher jedoch immer noch nichts angekommen. Dies ist jedoch kein Grund mit Aktionen wie der gestrigen Demonstration aufzuhören. Im Gegenteil, kann doch nur weiterer öffentlicher Protest den Druck auf die Verantwortlichen erhöhen, doch noch von diesem reaktionären stadtpolitischen Projekt Abstand zu nehmen.

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17:30 27.08.2012
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hierundjetzt

Studiert in Berlin Soziologie, Politikwissenschaft und Philosophie.
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