Dialog zwischen Infos und Baklava

Islam Am Mittwoch war nicht nur „Tag der Deutschen Einheit“, sondern auch der „Tag der offenen Moscheen“. Ein Ortsbesuch in Berlin-Wedding.
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„Schönen, guten Tag, kommen Sie doch herein“. Gerade bin ich im Hof der Haci Bayram Moschee im Berliner Wedding angekommen, schon kommt der erste junge Mann auf mich zu, heißt mich willkommen und fragt, ob er mir behilflich sein könne, oder ob ich Fragen zu ihrer Moschee habe. Dankend lehne ich ab. Ich wolle mir zunächst erst einmal selbst einen Eindruck verschaffen.

Wusste ich, als ich den Flyer aus dem Briefkasten nahm, noch nicht recht, ob mich dort wohl außer Beten etwas erwarten würde, bin ich nach wenigen Augenblicken eines Besseren belehrt. Die Veranstaltung im Hof des Gemeindegeländes hat vielmehr Straßenfest-Charakter: Kleine Kinder toben durch den Hof, während alte Männer auf orientalischen Flöten spielen.

Während ich umher gehe, mir das Treiben anschaue und mich auf Plakaten über den Koran informiere, werde ich immer wieder von jungen Männern und Frauen begrüßt und gefragt, ob sie mir weiter helfen könnten, oder ob ich noch Fragen hätte – längst ist mir klar, das Motto des Tages wird hier sehr Ernst genommen: „Tag der offenen Moscheen“.

Ein anderes Bild des Islam vermitteln

Berlinweit wurde er dieses Jahr zum 16. Mal veranstaltet. Dass er am selben Tag stattfindet, an dem auch der „Tag der Deutschen Einheit“ gefeiert wird, ist dabei kein Zufall. Auch hier wird versucht, eine neue Einheit in Deutschland zu schaffen: zwischen Deutschen und Muslimen. Zu diesem Zweck öffnen überall in Berlin die Moscheen ihre Pforten und laden alle Anwohner und Interessierte ein, sich selbst ein Bild zu machen vom Islam und seinen Gläubigen.

„Das Bild des Islams in der Gesellschaft ist sehr geprägt durch die Darstellungen der Medien“, erklärt mir eine Muslima denn auch. Daher soll mit diesem Tag versucht werden, dem von den Medien vermittelten Darstellung, ein anderes Bild des Islams und der Muslime gegenüber zustellen. Dazu wollen sie mit Veranstaltungen wie dieser den Dialog fördern zwischen der Gemeinde und den nicht-muslimischen Nachbarn. Es gehe darum, Barrieren zu durchbrechen und so Vorurteile abzubauen.

Dabei könne sie durchaus nachvollziehen, wenn Nachbarn aufgrund der Darstellung in den Medien zunächst ein wenig Angst, oder Misstrauen hätten. Nur könne sie nicht verstehen, wieso sich einige überhaupt nicht näher informieren würden, um zu sehen, was hinter ihren Vorstellungen wirklich steckt. Die Nachbarn, die kommen, seien nämlich meist sehr positiv überrascht, z. B. wie sehr sich die Gemeinde der Moschee für Dialog einsetze und wie groß ihr soziales Engagement im Kiez sei.

Mehr als ein Gebetsraum

Einschätzungen, die teilweise auch auf mich zutreffen. Auch ich war erstaunt, wie viel mehr als 'nur' ein Gebetsraum sich in der Moschee verbarg. Darüber hinaus gibt es dort nämlich auch einen Kindergarten und verschiedene andere Gruppen zur Freizeitbeschäftigung von Kinder und Jugendlichen. Für das nächste Schuljahr plant die Gemeinde zudem gemeinsam mit anderen muslimischen und christlichen Gemeinden und weiteren öffentlichen Trägern die Gründung einer Oberschule vor Ort, die bewusst finanziell und sozial schwache Kinder unterstützen und fördern soll. Eine enge Verbindung zum benachbarten Quartiersmanagement und anderen Bürgerplattformen im Kiez ist ohnehin vorhanden, sodass die Gemeinde in der Nachbarschaft allgemein sehr gut vernetzt ist.

Informationen, die nicht nur mich zu überzeugen scheinen. Alle Besucher, die ich sehe und deren Einträge ich im Gästebuch lese, scheinen sehr angetan zu sein von den Eindrücken und Erklärungen, die sie vor Ort erhalten. Vor allem jedoch von der unwahrscheinlich großen Gastfreundschaft: Seien es der nette Empfang, die vorzügliche Verpflegung mit türkischen und arabischen Spezialitäten, oder die Offenheit und Herzlichkeit, mit der einem alle Anwesenden begegnen. Kurz um: Man fühlt sich einfach wohl und erkennt, dass genau dieses Engagement es ist, das die Gruppen unserer Gesellschaft noch weiter zusammenwachsen lassen kann.

Letztlich kann man daher nur hoffen, dass dieser Einsatz für mehr Gemeinschaft auch von der anderen Seite der Gesellschaft erkannt und entsprechend gewürdigt wird, auf dass sich tolle Veranstaltungen wie diese in Zukunft quasi selbst überflüssig machen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf schreibstoff.com.

15:53 04.10.2012
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Geschrieben von

hierundjetzt

Studiert in Berlin Soziologie, Politikwissenschaft und Philosophie.
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