YO SOY 132 – Ein mexikanischer Fruehling?

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Es ist heiss in Guadalajara, die Sonne brennt mir auf den Kopf, der Juni hat gerade erst begonnen und die Zeit fliegt dem Juli zu, doch die kuehlenden Sommerregen haben noch nicht eingesetzt.


Junge Erwachsene sitzen im Parque Revolucion, im Vorbeigehen werde ich um eine Zigarette gebittet, vereinzelt sehe ich schlafende Flecken auf dem Rasen zwischen den schattenspendenden Baeumen. Im Zentrum des wegen seiner roten Baenke auch Parque Rojo genannten Treffpunkts von Studenten, Punks, Normalos, Skatern, Familien und Hunden stretchen sich einige Artisten auf der kleinen Empore, die so traditionell fuer alle Plaetze hier in Mexiko ist. Ein friedliches Bild.


Gleich daneben laermt die vierspurige Avenida del Federalismo, eine der vielen Verkehrsadern dieser pulsierenden Millionenstadt [wieviele Millionen Menschen genau hier leben, laesst sich schwer festlegen- im Jahre 2010 waren es noch circa 4,5 Millionen, zwei Jahre spaeter und alle nicht gemeldeten Einwohner eingeschlossen duerfte die Zahl bei 6 Millionen liege]. Kurz nach drei Uhr wird es noch lauter – einige Trucks fahren auf, die Boxen unter Werbeplakaten mit Politikerkoepfen verborgen, Popmusik, zu Wahlhymnen umgetextet, schallt durch die stickige Luft und einige Frauen und Maenner, meist jung, feiern eifrig am Strassenrand und stuermen den Zebrastreifen sobald die Ampel auf rot schaltet, schwingen Fahnen oder verteilen Autoaufkleber mit dem laechelnden Gesicht und Wahlspruch des Praesidentschafts- oder Gouverneurskandidaten, der sie dafuer hauefig bezahlt hat.


Der Wahlkampf tobt. Guzman, Pena Nieto, Sanchez, AMLO, die Liste ist lang... am 1. Juli werden die Mexikaner ihren Praesidenten, ihre Gouverneure, Abgeordnete und Buergermeister waehlen. Superwahltag, ums auf deutsch zu sagen. Von Mauern strahlen die Farben der Parteien, die Namen und Wahlslogans werden per Hand aufgemalt, aus Fenstern haengen Wahlplakate, Unbekannte kleben uns Namen unbekannter lokaler Abgeordneter auf die Haustuere, im Strassenverkehr schlaengele ich mich mit dem Rad an Autos mit Faehnchen vorbei, wir erhalten teils absurde Wahlkampfbroschueren, kurze Besuche von lokalen Kandidaten, die von Tuer zu Tuer laufen und Visitenkarten verteilen, im Fernsehen und auf Youtube werden die Mexikaner dazu animiert, waehlen zu gehen, in meinem facebook ein nicht abreissender Strom von Fotomontagen, die abwechselnd jeden der grossen Praesidentschaftskandidaten schlecht oder sich ueber sie lustig machen.


Das ist auch nicht besonders schwer. Die erste Praesidentschaftsdebatte am 6. Mai sah ich mir gemeinsam mit ein paar mexikanischen Freunden an. Es war witziger, als man das von einer politischen Debatte erwarten wuerde. Traurig.


Die Kandidaten im Schnelldurchlauf, der ‚erste Eindruck‘


Josefina Vázquez Mota (,mota‘ bedeutet im Slang auch Marihuana, haha), PAN (die Konservativen): allzeit im Kameralicht laechelnde selbsterkorende Mutter der Nation, moegliche erste weibliche Praesidentin Mexicos, erzaehlte mit sanfter Stimme und energisch weiblichen Gesten Maerchen von einem besseren Mexiko, moechte in den folgenden sechs Jahren all das erreichen, was ihre Partei in den letzten zwoelf Jahren nicht erreicht hat: Arbeit fuer alle, Sicherheit, Frieden, Freude, Eierkuchen. Antwortete nicht auf die Vorwuerfe ihres Gegners


Enrique Peña Nieto, PRI (Sozialdemokraten): Schoenling der Nation, moechte seine Partei, die von der PAN 2000 nach jahrzehntelanger Alleinherrschaft vom Thron gestossen wurde, wieder an die Spitze des Staates bringen. Durch seine Heirat mit einem populaeren Seifenoperstar ein Rockstar der Politik. Etwas schmierig, bringt ausser vielen Vorwuerfen und leeren Versprechungen auch nicht viel mehr vor als Vazquez Mota. Haelt gerne Fotos hoch, auf denen Vazquez-Mota im Urlaub gezeigt wird – waehrend sie eigentlich einen ihrer politischen Termine wahrnehmen sollte. Erschien in unbequemer Situation auf einem der Fotos, die ‚AMLO‘ dem Publikum zeigte-


Andrés Manuel López Obrador, morena (movimiento regenerativo nacional, Buendnis der linken Parteien): aelterer Herr, der bis auf faule Tomaten mit wenigen geistigen Fruechten um sich warf. Weil er schonmal kandidiert hat, wissen viele Mexikaner schon, wofuer er steht – aber ich wusste nach der Debatte leider nichts, dafuer viel mehr Schlechtes ueber die anderen vier Kandidaten. Und vor der Debatte wusste nicht einmal, dass es den vierten ueberhaupt gibt,


Gabriel Quadri (Nueva Alianza, 2006 gegruendete liberale Partei, geht auch gerne neue Allianzen mit der PRI ein): liess die inhaltsleeren Propagandareden der anderen Kandidaten noch inhaltsleerer erscheinen. Einziger Kandidat, ueber den ich nicht lachen musste- hatte damit zu tun, zur Abwechslung mal mitzudenken, anstatt mich mit Maerchen einlullen oder von Anschuldigungen empoeren zu lassen. Bebrillter Strebertyp. Trotz teils arg liberaler Ansaetze einziger, dem ich den Job ‚Politiker‘ abnahm– leider steht aber hinter seiner Partei eine der einflussreichsten Familien Mexikos, die sich schon in anderen Aemtern das Steuergeld in die Taschen stopft, und eine ausbeuterische Herrscherfamilie ist ja eigentlich nicht so angesagt.


Das waere also meine sehr oberflaechliche Einfuehrung der Kandidaten. Nach der Debatte, im unvermeidlichen Gespraech ueber Politik, stimmten wir alle darin ueberein, dass diese Show nicht besonders befriedigend war, und Politik in Mexico durch die anhaltende Korruption auf allen Ebenen und fehlenden Resultaten ebenso wenig befriedigend ist. Einer meinte: Was wir brauchen, ist eine Revolution, eine Bewegung, alle zusammen, die erkennen, was fuer eine Farce das ist.


Wir brauchen eine Bewegung!


Ihr koenntet locker, wenn ihr wolltet, denke ich. Aber in Mexiko passieren die Dinge immer erst mañana (= morgen). Dann kann es aber, wenn es um Politik geht, vielleicht auch schon zu spaet sein.


Und doch passierte es. Nur einige Tage spaeter, am 11. Mai wurde eine neue Bewegung geboren. Enrique Peña Nieto, Kandidat der PRI, die jahrzehntelang an den Hebeln sass und nun ausgehebelt erneut nach der Macht strebt, besucht die Universitaet Iberoamericana in Mexico Stadt. Schon vor seiner Rede wird er kraeftig ausgebuht, als er kritische Fragen unbefriedigend beantwortet, steigert sich der Protest und der Praesidentschaftskandidat fluechtet erst aus dem Saal und schliesslich von Buhrufen begleitet vom Gelaende der Universitaet . Videos verbreiten sich schnell im Internet, EPN habe sich auf dem Klo versteckt heisst es, gehaessige Posts meiner Freunde auf facebook... Eine Verteidigung muss her. Und so publizieren die Medien EPNs Behauptung, politische Gegner haetten Jugendliche, die nicht einmal Studenten der Ibero seien, fuer den Protest bezahlt.


Ein einziges youtube Video genuegt - und Yo Soy 132 wird geboren


Die Antwort folgt prompt. In einem Video stellen sich 131 der Protestler den Vorwuerfen, praesentieren ihre Studentenausweise und bekennen sich dazu, aus eigenem Antrieb den Protest gestartet zu haben. Ueber die sozialen Medien rasch verbreitet, finden die 131 Zuspruch aus anderen Universitaeten. Mehr und mehr aehnliche Videos entstehen, in denen Studenten anderer Hochschulen Gesicht und Flagge zeigen: die da sind nicht allein, yo soy (ich bin [Nummer])132! Gruppen entstehen online, die Bewegung formiert sich, verlaesst schliesslich die virtuelle Welt und marschiert in die reale hinein – Kundgebungen und Demonstrationen zunaechst in Mexico Stadt, bald auch in Monterrey, Guadalajara, Acapulco, Aguascalientes, Oaxaca, Puebla, Queretaro, Toluca, Tuxtla, Cancun und Cuernavaca , mittlerweile erheben sich sogar Landsleute in Chiacago und Madrid.


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Studentische Bewegung mit Unterstuetzung aus allen Teilen der Bevoelkerung


Die Bewegung ist gross und umfasst bald nicht mehr nur noch Studenten, auch Buerger identifizieren sich. Im Herzen bleibt sie aber von Studenten organisiert, und die muessen sich positionieren – ehe es andere fuer sie tun, und die Macht der Masse fuer sich beanspruchen. Schon erscheinen Randfiguren, die bei den Demonstrationen ihre eigene Interpretation von Yo Soy 132 mit Flugblaettern verbreiten, Informationen an die Presse weitergeben und konkrete Ziele, Namen und Parteien vorgeben, fuer die Yo Soy 132 angeblich vorrangig kaempft.


Yo Soy 132 ist nicht Occupy. Yo Soy 132 will keinen Diktator zum Sturz bringen. Yo Soy 132 will beeinflussen, die Politik in Mexiko mit ihren Forderungen verbessern, aber keine eigene konkrete politische Ziele verfolgen. Zumindest vorerst nicht. Nach und nach werden sich aus der Masse von Yo Soy 132 einige Gruppierungen herausspalten, Gleichgesinnte, die sich ohne diese junge Bewegung vielleicht nicht gefunden und zusammengeschlossen haetten. Das ist gut so, denn es bringt frischen Wind in die politische Landschaft und weht politische Botschaften in Koepfe, die dafuer vorher nicht offen waren.


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Was will Yo Soy 132 erreichen?


Denn Yo Soy 132 laedt alle ein. Der erste Punkt ihrer Manifests sagt ausdruecklich, dass es sich um eine unparteiische Bewegung handelt, die nicht in Pro eines bestimmten Kandidaten der Praesidentschaftswahlen ist. Die Wahl ist ohnehin nur der Ausloeser fuer diesen Ausbruch der allgemeinen Unzufriedenheit, der Tropfen, der das Fass zum Ueberlaufen brachte.


Mexiko betrauert die Opfer des Drogenkriegs, die Schere zwischen Arm und Reich wird immer groesser und die Graeben tiefer, Polizeigewalt, Korruption und eine unfreie Presse- es wird Zeit, dass wir, die Buerger, unsere Zukunft in die Hand nehmen, meinen die Studenten. Sie fordern ihr Grundrecht auf freie Meinungsauesserung und Information ein, mehr Transparenz und demokratische Medien mit Journalisten, die sich nicht von Politikern kaufen lassen, Journalisten, die frei und kritisch arbeiten koennen, ohne Angst, dafuer ermordet oder auf anderem Wege mundtot gemacht zu werden.


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Machtfaktor Medien und Internet


Muendige Buerger baucht das Land, und dazu ist laut der Internetbewegung Yo Soy 132 vor allem eines noetig: das Internet, das fuer nur 31 von 112 Millionen Mexikanern zum Lebensstandard gehoert. Der Arabische Fruehling hat die Macht der Vernetzung eindrucksvoll bewiesen, und so fordern sie Internet und freie und unabhaengige Informationen fuer alle.


Wichtig sind diese vor allem fuer die Jugendlichen, 32% der Bevoelkerung Mexikos ist jung, und am Wahltag gehen 17% der Wahlberechtigten zum ersten Mal in ihrem Leben zur Urne. Eine riesige Kraft also, die sich gleichzeitig in der Misere befindet – einer aus vier Jugendlichen ist NINI („ni trabaja, ni estudia“ - befindet sich weder in einer Ausbildung noch ist beschaeftigt), die Unzufriedenheit ist gross, es lockt schnelles Geld im lukrativem Drogenhandel. Durch den fehlenden Anschluss ans Internet verliert Mexikos Jugend den Anschluss an den Rest der Welt.


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Yo Soy 132 will gesellschaftsuebergreifend sein und braucht dafuer auch Anschluss, naemlich an die Menge der Jugendlichen, die noch keine Ahnung davon haben, dass die Bewegung ueberhaupt existiert oder welche Ziele sie verfolgt. Im Fernsehen wird das Thema eher zoegerlich angesprochen, in der zweiten Praesidentschaftsdebatte fiel kein Wort darueber, und der Grossteil der Jugendlichen, die weder gut ausgebildet sind, noch Zugang zum Internet haben, bezieht ihre Infos aus dem TV. In Guadalajara beispielsweise wird in den Treffen der Bewegung schon geplant, einen Marsch durch die aermeren Stadtteile zu organisieren, um auch dort Praesenz zu zeigen. Denn bislang bewegte sich alles eher im Zentrum, die Demonstration zog am Tag der zweiten Debatte am 10. Juni vom Parque Revolucion (passender Name) an Stadtvillen und Geschaeften vorbei ueber die beliebte Avenida Chapultepec und auf anderen Avenidas durch die Stadtwueste Richtung Expo Guadalajara, um ein Zeichen vor der dort stattfindenden Debatte zu setzen.


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DEMO!

Die Beteiligung gross, wenn auch nicht so gross, wie ich es vielleicht erwartet haette. Im Vorraus werden Gewaltvermeidungsstrategien bekannt gegeben, ebenso erfolgt die Weisung, Reibungen mit Polizeikraeften auf jeden Fall zu vermeiden. Gegen 5 Uhr (eine Stunde spaeter als angekuendigt, aber wir befinden uns in Mexico, die deutsche Puenktlichkeit zaehlt da nicht so ganz) ziehen einige tausende los, bewaffnet lediglich mit Plakaten, Puppen, Masken, Fahnen.


Die Stimmung ist gut. Genauer gesagt, eine so gute Stimmung habe ich noch nie bei einer Demo in Deutschland gefuehlt. Jeder stimmt ein in die Sprechgesaenge, es wird getrommelt und gesprungen ( „Wer nicht huepft ist Peña, wer nicht huepft ist Peña...“), ahnungslosen Glotzern schleudern sie in den offenen Mund „Schau nicht zu, mach mit!“, jedes passierende Auto das hupt wird eifrig beklatscht und jedes passierende Auto mit PRI Konterfei kraeftig ausgebuht. Die Presse kriegt zu hoeren „Wir sind nicht einer, wir sind nicht zehn, Luegenpresse, zaehlt uns gut!“. In Deutschland vielleicht undenbkar, aber hier wird ebenfalls aus allen Kehlen die mexikanische Hymne gesungen, und verglichen mit dem Polizeiaufgebot bei deutschen Demonstrationen befinden sich verschwindend wenige Polizeibeamten an der Strecke, gucken bloss und wundern sich oder lachen auch mal ueber die Plakate.


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Obwohl die Bewegung ja eigentlich unparteiisch ist, richtet sich viel Protest gegen die PRI, die Studentenproteste in den siebziger Jahren bereits blutig niederschlug. Und, wie mittlerweile auch in Europa dank The Guardian bekannt, den grossen Fernsehsender des Landes, Televisa (und Aztec TV) erfolgreich fuer den Wahlkampf kaufte und somit ungehindert manipulieren konnte. Legal, aber ethisch nicht tragbar.


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Im Parque Estrella kurz vor der Expo endet die Demonstration, und entlaedt sich die Wut einiger Demonstranten in der traditionellen Zerstoerung zweier Piñatas in Form Enrique Peña Nietos. Nachdem einige Erwachsene wie Kinder ihr Glueck versucht haben, entlaedt sich im letzten Schlag der Bauch der Piñata, und Korruptionsgelder flattern durch die Luft. Danach werden die Pappteile, ganz umweltbewusst, gemeinsam aufgeraeumt.


Zufrieden gehen wir nach Hause, wir haben was getan, die Stimme erhoben und fuehlen uns fast schon so, als haette sich was geaendert. Im TV sehen wir uns dann gemeinsam etwas muede die Debatte an, und sie truebt alle unsere Illusionen: es muesste noch viel getan werden, damit sich was aendert in der politischen Landschaft Mexikos...



PS: Ich mag Zwischenueberschriften nicht, aber die mussten wegen der Laenge des Artikels dann doch her.

06:19 14.06.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

hirnsturm

que pedo
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