Freitags.Glosse. Brunnenverschandelung

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Dass die Bayern und die Preußen eine besonders herzliche Beziehung zu einander pflegen, ist allseits bekannt. Weil wir gelernt haben, dass man heutzutage Storytelling kommunizieren muss, um seine Leser vom Fernseher wegzuholen, erzählen wir, logisch, eine kleine Geschichte, die uns ein Bild machen soll, von dieser glücklichen Beziehung.

Ein Bayer und ein Berliner sitzen im Hofbräuhaus zu München. Vor jedem steht ein Maßkrug mit Bier. Sie unterhalten sich, mit der Zeit engagierter, heftiger, lauter, streitend. Eine Rotkreuzschwester mit der Sammelbüchse kommt vorbei. Sie hält sie dem Berliner unter die Nase. Der strahlt deutlich auf, lächelt generös, zieht einen 20er aus seiner Geldbörse, zeigt ihn wie der Priester die Hostie, faltet ihn sorgfältig und steckt ihn umständlich in die Sammelbüchse. Danach präsentiert die Schwester dem Bayern die Büchse. Der überlegt kurz und sagt: „Mir g’hern z’samm“.

Im November 2010 haben die Berliner diese einzigartige Harmonie und die gegenseitige Hochachtung, asymmetrisch und nachhaltig beschädigt.

Am Kurfürstendamm steht die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Die wurde 1943 bombenbeschädigt, danach abgerissen und ab 1957 neu gebaut. Die Turmruine haben sie stehen lassen, als Mahnmal gegen den Krieg. Jedes Jahr haben sie dort, für die weihnachtlichen Tage einen beeindruckenden naturgewachsenen Weihnachtsbaum, oft aus Bayern, aufgestellt und festlich geschmückt. Und jetzt das: Einen Lichtkegelbaum. Ein Objekt. Riecht nicht, nadelt nicht und die Kugeln werden mit einem Projektor darauf gestrahlt. Ein futuristischer gigantischer Kegel aus aufgeblasenen weißen Plastikfolien, der schwebt, über dem Weltkugelbrunnen, genannt Wasserklops. Auch gibt es einen Weihnachtsmarkt mit Budenzauber. Ein Sprecher der Fieranten hat das Plastikdings künstlerisch gepriesen und den Berlinern ein „echtes Erlebnis“ versprochen.

Kennen Sie den Unterschied zwischen Preußen und „Preißn“? „Die alten Preußen gefielen den Bayern gut“, sagt der Historiker Franz Hugo Mösslang, „die hatten so etwas Solides. Denn weder eine üppige Natur noch ein zu Genuss neigendes Temperament lenkt sie ab.“

Der „Preiß“ dagegen, ist weder geografisch, noch ethnologisch definiert: „Er ist unvergleichlich tüchtig, hat immer das letzte Wort, stets umgibt ihn ein Optimismus von blendender Helligkeit. Er ist ein führender Prophet der Automation, der Kybernetik, des Weltstaats und findet es großartig, das Dasein zu perfektionieren. - Das ist der Typ, der dem Bayern von Herzen zuwider ist, “ hat der Mösslang schon 1969 geschrieben.

Wir sind verzweifelt, und flehen nach Berlin: „Sag‘ mir wo die Preußen sind. Wo sind sie geblieben?“

Günter Hirschsteiner

11:56 10.12.2010
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Geschrieben von

er.ge

Der Zeitgeist ist auch nicht mehr das, was er einmal war.
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