Dem Wahren, Schönen und Guten verpflichtet

Kunstdebatte Seltsam in der Luft hing eine Veranstaltung, die die Macher/innen des „Signalraum für Klang und Kunst“ in München unter dem Titel „Matchpoint“ ins Leben gerufen haben.
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Zwei frühere „Matchpoint"-Veranstaltungen widmeten sich der Rolle des Zuschauers in der Kunst. In „Matchpoint 3_Zwischen Utopie und Angst“ wollte man sich nun mit dem „Selbstbild des Künstlers“ beschäftigen (1). Angekündigt waren Positionen und Erfahrungsberichte Münchner Kulturschaffender. Um Künstler/innen, die „sich in einem Arbeitsfeld behaupten müssen, das in zunehmendem Maße von Marktmechanismen umgepflügt wird“, ihre mutmaßlich schwierige ökonomische Lage und „Perspektiven im Schulterschluss mit der Kreativindustrie“, sollte es an einem warmen Sommerabend im Juli gehen.

Im „Signalraum für Klang und Kunst“ zeigt man sich besorgt, denn „ein übergeordneter Wille zur Kunst, der dem Wahren, Schönen und vielleicht auch Guten verpflichtet ist und Kunst als freien, anarchischen, spielerischen, gegenströmigen, nur sich selbst verpflichteten Ausdruck schöpferischer Energie sieht, scheint immer schwerer auszumachen.“

Gut zwanzig Zuhörerer/innen, die meisten wohl selbst im weitesten Sinne beruflich kreativ tätig, fanden sich – neben dem zehnköpfigen Teilnehmerfeld – im unterirdischen Gewölbe des Einstein-Kulturzentrums ein. Drei einführende Kurzvorträge sollten den Abend thematisch in Fahrt bringen.

Marc Gegenfurtner vom Münchner Kulturreferat erklärt in seinem Eröffnungsbeitrag routiniert das weite Feld der sogenannten Kreativwirtschaft und nennt sie einen „Wolpertinger“. In München wolle die Stadt diesem Mischwesen künftig mit einem „Kompetenz- und Beratungsteam für Kultur- und Kreativschaffende“ organisatorisch zu Leibe rücken. Der anwesende Jürgen Enninger, Leiter des Regionalbüros Bayern im Kompetenzzentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes, werde seine Fachkenntnis einbringen. Man würde die Kreativberufler/innen bei der Professionalisierung ihrer Arbeit unterstützen, ihre Vernetzung in der Kunst- und Kreativszene verbessern und ihnen bei der Suche nach geeigneten Räumen und Zwischennutzungen helfen. Die Beratung solle bereits bestehende städtische Angebote bündeln. Davon würden alle Münchner Kreativschaffenden profitieren, ist Gegenfurtner überzeugt.

Gesche Piening, Schauspielerin und Theaterregisseurin, hat sich einen Namen als engagierte Kritikerin einer allzu intensiven Indienstnahme der Kunst durch kapitalistische Verwertungsinteressen gemacht. In ihrem eindrücklichen performativen Vortrag, der nur so strotzt vor kreativen Wortspielen, fordert sie die anwesenden Kolleginnen und Kollegen eloquent zum Widerstand auf. Ein Sonderstatus für die Kunst wird beschworen, der zu verteidigen, und wo bereits verloren, wiederzuerlangen sei. Kräftiger Applaus des Auditoriums signalisiert Zustimmung.

Michael Hirsch versucht in seiner anschließenden Rede den Diskurs zu erweitern. Ein schwieriges Unterfangen für den Philosophen und Politikwissenschaftler, wie die nachfolgende Diskussion zeigt. Zu sehr sind die anwesenden Künstlerinnen und Künstler ihrer beruflichen Binnensicht verhaftet. Hirschs Hinweis, sich kapitalistischer Verwertungslogik entziehen zu wollen, sei ein Menschenrecht und keines der Künste, verhallt weitgehend unverstanden.

Nach den Einführungsvorträgen versammeln sich sieben ausgewählte Diskutantinnen und Diskutanten – allesamt Münchner Künstler/innen aus verschiedenen Disziplinen – um ein „Klingender Tisch“ genanntes Möbel des Musikers Christoph Reiserer. Reiserer entlockt ihm ab und an Klänge, die das gesprochene Wort begleiten.

Klaus von Gaffron, langjähriger Vorstand und Vorstandssprecher des Berufsverbandes Bildender Künstler in Bayern und ausgezeichnet mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande (2), beklagt sich in der Runde über eine stiefmütterliche Behandlung der Kunst durch die Politik und verwahrt sich dagegen, mit Softwareentwickeln in einen kreativwirtschaftlichen Topf geworfen zu werden. Es sei ein Unding, erklärt Gaffron, als Bittsteller um öffentliche Gelder auftreten zu müssen. Exemplarisch schildert er Komplikationen bei der Anschaffung von Materialien für seine eigenen Arbeiten.

Die weitgereiste Münchner Performance Künstlerin Dorothea Seror berichtet auf persönliche und berührende Weise von ihrem beruflichen Alltag, der oft mit pekuniären Schwierigkeiten verbunden ist. Bekäme sie für einen Auftritt neben der Anreise ausnahmsweise ein Hotel bezahlt, würde sie versuchen, bei Gastgebern auf dem Sofa zu übernachten, um sich das dadurch eingesparte Geld auszahlen zu lassen.

Matthias Günther, arbeitet als Schauspieler und Regisseur in freien Theaterprojekten und ist seit mehreren Jahren als Dramaturg an den Münchner Kammerspielen tätig. Günther äußert den Verdacht, eine Runde wie diese, erreiche niemanden – schon gar keine Verantwortlichen. Ein etwaiger Protest der Kunst müsse sich an Vertreter aus Politik und Wirtschaft richten und er hegt Zweifel, ob beispielsweise der Einführungsvortrag von Gesche Piening, den er als künstlerisch unterhaltsam lobt, dafür das richtige Mittel sei. Natürlich nicht, erwidert die Angesprochene – würde sie an entsprechende Gremien adressieren, fiele ihre Präsentationsform und Wortwahl selbstredend anders aus.

So mäandert das Gespräch dahin, bis alle Teilnehmer/innen ihre individuelle Erfahrung mit dem Kulturbetrieb und ihr Dasein als mehr oder weniger prekär tätige Kunstschaffende erläutert haben. Eine abschließende offene Diskussion mit dem Publikum über das Gehörte, müsse auf 15 Minuten begrenzt bleiben, erklärt Moderator Horst Konietzny den Anwesenden. Andernfalls sei seiner Erfahrung nach ein Spannungsabfall zu befürchten. Etwaige Diskussionsbeiträge der Zuhörer/innen möchten deshalb bitte kurz gefasst ertönen. Die meisten verzichten unter diesen Umständen.

Sich anschlussfähig zu zeigen für gesamtgesellschaftliche Diskurse über drängende soziale und politische Fragen, gar nach Gemeinsamkeiten zu suchen mit Menschen, die ebenfalls von prekären Arbeits- und Lebensbedingungen betroffen sind, davon scheint die Münchner Kunstszene – zumindest an diesem Abend – weit entfernt. Eine Fortführung der zu kurz geratenen Publikumsdiskussion in sozialen Medien? – Fehlanzeige. Fotos von der Veranstaltung hat eine Zuhörerin gemacht und möchte diese den Facebook-Freunden des Hauses nicht vorenthalten (3). Als „inspirierende ‚Séance‘ über Kunst zwischen Kommerzialisierung, Kreativwirtschaft und Freiheit“, hat sie den Abend erlebt. Eine Kommentatorin hat die Sitzung „leider verpasst“, bedankt sich jedoch für die Bildeindrücke und ergänzt: „da fühlt man, wie schön es war!“

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/2/28/Wolpertinger.jpg/531px-Wolpertinger.jpgKünstler, die auf Wolpertinger starren | Foto: Rainer Zenz / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

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(1)http://www.signalraum.de/sig/matchpoint3.html

(2)http://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_von_Gaffron

(3)https://www.facebook.com/events/688403297898819/?ref=22

14:22 07.08.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Hiskea Mensen

Wohlan, lasset uns hinabsteigen, und dort verwirren ihre Sprache, daß sie nicht verstehen Einer die Sprache des Andern.
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Hiskea Mensen

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