Arbeitslosigkeit als erstrebenswertes Ziel

Zukunftsmusik Vermisst ein Arbeitsloser wirklich „seine Arbeit“ oder leidet er eher darunter, dass mit der Arbeitslosigkeit eine erhebliche Reduktion seines Einkommens verbunden ist?
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Glaubt man Studien, wonach etwa jeder Zweite gerne den Arbeitsplatz wechseln würde und etwa jeder Vierte bereits innerlich gekündigt hätte, muss wohl von Letzterem ausgegangen werden. Arbeitslose müssten also eher als Einkommenslose bezeichnet werden. Und ihre Anzahl ist in den letzten Jahren und Jahrzehnten, wie man an der Entwicklung der sog. strukturellen Arbeitslosigkeit ablesen kann, kontinuierlich gestiegen.

Eigentlich kein Malheur, sondern schlicht Folge des technologischem Fortschritts (in immer kürzerer Zeit, mit immer weniger menschlicher Arbeitskraft, kann immer mehr hergestellt werden), wäre da nicht das Einkommensproblem der „freigesetzten“ Menschen. Erst Recht nach den Hartz-Reformen.

Es steigt interessanterweise aber nicht nur die Zahl der Einkommenslosen, sondern - wie die Reallohnentwicklung und die Entwicklung der Lohnquote belegen – auch die Zahl der Einkommensgeminderten. Also die Anzahl der Menschen, die zwar noch eine Arbeit haben, sich aber von ihrem Lohn immer weniger leisten können. Also relativ verarmen. Von den sog. „Aufstockern“, also den Menschen, die trotz Vollzeitarbeit kein existenzsicherndes Einkommen erzielen, ganz zu Schweigen.

Durch die ständig gestiegene Produktivität und den technologischen Fortschritt fliegen zwangsläufig immer mehr Menschen aus dem normalen Arbeitsprozess. Gleichzeitig holt man aus denen, die noch eine Arbeit haben, immer mehr heraus, ohne sie aber durch entsprechende Lohnzuwächse am erwirtschafteten Erfolg zu beteiligen. Ergebnis: Nicht nur das Heer der Einkommenslosen wird immer größer, sondern ebenso das Herr der Einkommensgeminderten.

Was macht man nun aber mit dem Heer der Einkommenslosen und Einkommensgeminderten, die ja, nicht nur wegen damit verbundener Sozialtransfers, sondern auch wegen des damit verbundenen Nachfrageausfalls (sinkende Massenkaufkraft), eine immer größere wirtschaftliche Belastung darstellen?

Aktuell sind hier folgende Verhaltensweisen zu beobachten: Man verkauft die Menschen für dumm („Deutschland ging es noch nie so gut wie heute“), frisiert massiv die offizielle Arbeitslosenstatistik und die Zahl der offenen Stellen und erfindet trotz Tausender arbeitsloser Ingenieure und Informatiker das Märchen vom Fachkräftemangel.

Man leugnet die Reallohnentwicklung und der Einkommens- und Vermögensentwicklung und verharmlost die Zunahme von Zeit- und Leiharbeit, die Zunahme von atypischer und prekärer Beschäftigung. Das ist das eine.

Das andere. Man „erfindet“ neue Arbeitsplätze und Arbeitsbereiche, egal wie sinnlos diese Arbeitsplätze (besser: Einkommensplätze) in Wahrheit sind, da sie, außer dass dadurch Einkommen erzeugt werden, eigentlich keine Steigerung des volkswirtschaftlichen Wohlstands bewirken.

Um hier mal das Bild des Brettspiels „Monopoly“ zu benutzen: man erweitert ständig das Spielfeld, und erhöht die Anzahl der Spieler. Anderenfalls käme das Spiel nämlich zu seinem natürlichen Ende: einer hat alles gewonnen, der Rest alles verloren und alles wandert wieder zurück in die Schachtel. Und das wollen die Profiteure dieses Spiels natürlich nicht. Wären damit doch auch ihr Reichtum und ihre Macht dahin.

Aktuell haben wir in der BRD eine Beschäftigungsquote von rund 40%. Das heißt, von 10 Menschen arbeiten vier. 6 Personen werden also schon jetzt von 4 alimentiert. Betrachtet man diese 4 Arbeitsplätze näher stellt man fest, dass etwa die Hälfte nicht auf Tätigkeiten entfallen, durch die tatsächlicher volkswirtschaftlicher Wohlstand entsteht (produktive Wertschöpfung), sondern dass diese Tätigkeiten eher beratender, kontrollierender, vermittelnder und aufsichtsführender Natur sind.

Es handelt sich dabei nicht so sehr um Tätigkeiten durch die mehr und bessere Produkte entstehen, sondern eher um eine Art von parasitärer Beschäftigung, die entweder Geld von der tatsächlichen produktiven Beschäftigung abschöpft und/oder den Reichen dabei hilft ihr Kapital besser zu verwerten und zu vermehren.

Sprich, eigentlich braucht diese Jobs kein Mensch. Gäbe es sie nicht, würden wir sie sehr wahrscheinlich nicht vermissen. Interessanterweise werden aber diese unsinnigen Tätigkeiten meist besser bezahlt als die, durch die wirklich volkswirtschaftlicher Wohlstand entsteht. Warum?

Weil sie nützlich sind für das System. Es geht nämlich nicht - entgegen dem, was man uns immer einzureden versucht - um Leistung, um individuelle Leistungsfähigkeit. Es geht um Nützlichkeit.

Parasitäre Arten von Beschäftigung sind nützlich für das System, denn sie sorgen dafür, dass die wirklich produktiv Beschäftigten keine nennenswerten Ersparnisse bilden können bzw. gebildete Ersparnisse wieder zu den Kapitalisten zurückkehren, die die Einkommen vorfinanziert haben und dringend auf die Rückkehr dieser Geld angewiesen sind, um ihre Kosten zu decken und einen Profit zu erwirtschaften.

Oder sie helfen dem Kapital dabei, ihr Kapital noch effektiver und effizienter zu verwerten. Also noch mehr Profit zu erwirtschaften. Das erklärt die Existenz dieser sinnlosen Arbeit, macht deren Existenz aber nicht sinnvoller.

Was wäre also mindestens zu tun?

  1. Die Reallohnentwicklung ist durch deutliche Lohnsteigerungen gerade der unteren und mittleren Einkommensgruppen dringend umzukehren (steigende Lohn-, sinkende Kapitalquote)
  2. Die Arbeitszeit sollte – stufenweise – gesenkt werden (30 Std. -> 25 Std. -> 20 Std.)
  3. Vor allem aber wäre das Dogma „Arbeit = Einkommen“ zu überdenken, denn Arbeitslosigkeit muss ja nicht automatisch auch Beschäftigungslosigkeit bedeuten. Schließlich kann man ja dann eventuell auch sinnvolleren Tätigkeiten nachgehen als Geld zu verdienen.
10:21 14.01.2016
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Geschrieben von

Holger Lang

Holger Lang, Publizist und Autor, Handlungsreisender in Sachen Wissen.
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